Unschuld und Unheil

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: April 1992
  • 0
Unschuld und Unheil
Unschuld und Unheil
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Michael Drewniok
95°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2026

Magie und Horror eines besonderen Jahres

Zephyr ist ein Städtchen im Abseits des US-Südstaates Alabama. In diesem Jahr 1964 wird es hier zu einer langen Kette merkwürdiger, unheimlicher und mörderischer Ereignisse kommen, die Zephyr zeichnen und den zwölfjährigen Cory prägen werden. Die Gemeinschaft wird auf die Probe gestellt und die scheinbare Harmonie als Illusion entlarvt. Cory ist Zeuge und muss erfahren, dass die Welt ein gefährlicher, trügerischer und sogar tödlicher Ort sein kann.

Es beginnt, als Cory eines frühen Morgens seinem Vater, dem Milchmann, beim Ausliefern hilft: Sie beobachten, wie ein Auto in den nahen See stürzt. Der Vater springt ins Wasser, um den Fahrer zu retten, doch der ist schon tot; er wurde geschlagen, erwürgt und mit Handschellen an das Lenkrad gefesselt. Nun versinkt er in den Tiefen des Sees, wo man ihn niemals wird bergen können. So bleibt der Sheriff hilflos und der Fall ungelöst. Während Cory seinen Schrecken bald überwindet, beginnt sein Vater zu träumen. Immer wieder erscheint ihm der Tote und fordert ihn auf, zu ihm in die Tiefe zu tauchen.

Dies ist nur einer der Schrecken, die über die Familie und über Zephyr kommen: Corys Hund stirbt und kehrt nur teilweise ins ‚Leben‘ zurück. Ein prähistorisches Monster entkommt aus einem Zirkuswagen und terrorisiert die Anwohner. Im See haust ein weiteres Ungeheuer, das während einer Flut sein Unwesen treibt. Geister werden gesichtet. Hinzu kommt realer Horror. Im Ort rührt sich der Ku-Klux-Klan und plant Terror gegen die ohnehin diskriminierten schwarzen Bürger. Zwei psychopathische Mitschüler lauern Cory und seinen Freunden auf. Der Vater wird arbeitslos. Zu allem Überfluss wird der Mörder auf Cory aufmerksam und beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel ...

Die Grenzen der Sicherheit

Die Kindheit ist nicht nur ein Stadium auf dem Weg zum Erwachsenwerden, sondern auch ein Mikrokosmos mit eigenen Regeln. Robert R. McCammon hat dieser kleinen, aber nie unwichtigen Welt einen 800-seitigen Roman gewidmet, in dem er quasi durchdekliniert, wie sich die ‚Realität‘ für ein Kind darstellt: als selbstverständliches Nebeneinander von Wirklichkeit und einer Dimension, aus der das übernatürlich Grausige, aber auch Faszinierende kommen kann.

McCammon fixiert diese Dualität als Tatsache. Für Cory und seine Freunde mischen sich reale und seltsame Ereignisse. Sie erschrecken zwar, sind aber nicht wirklich erstaunt, denn sie akzeptieren das Übernatürliche als Element des Daseins. Diese Offenheit ermöglicht das Erkennen solchen Schreckens, vor dem man deshalb flüchten und den man notfalls bekämpfen kann. Die Erwachsenen haben diese Fähigkeit verloren. Sie reagieren ‚vernünftig‘ - und laufen dort ins Leere, wo diese Sicht versagt. Corys Vater weigert sich lange, die ‚Realität‘ einer Heimsuchung anzuerkennen. Er wird darüber krank, bis er endlich kapituliert und die Hilfe einer ‚magisch‘ begabten Mitbürgerin annimmt.

Cory hat in dieser Beziehung nie Probleme. Die Zwischenwelt ist ständig präsent sowie Teil einer Kindheitswelt, die ohnehin von Krisen und Konflikten gekennzeichnet ist, die von den Erwachsenen nicht registriert oder begriffen werden. Kinder sind in dieser Gesellschaft rechtlos. Sie müssen gehorchen, auch wenn die Autorität ihre Führerschaft selbst ad absurdum führt. Alkoholismus, Rassismus, Frustration oder Armut produzieren Ungeheuer, die sich zu den ‚echten‘ Monstern aus besagter Zwischenwelt gesellen. Schule, Familie, Gemeinschaft: Kinder können nur überleben, indem sie die Regeln des Zusammenlebens lernen und beherzigen, ohne sie allzu intensiv zu verinnerlichen.

Der Blick über die Grenze

Die Kindheit als ganz besonderer Ort ist in der Literatur seit jeher präsent. Auch Film und Fernsehen greifen auf entsprechende Interpretationen zurück. McCammon selbst erwähnt Ray Bradbury (1920-2012), der diese Nahtstelle zwischen den Welten in zahlreichen Kurzgeschichten und Romanen beschrieb und dabei jene unheimliche Magie entfesselte, die zum Vorbild für spätere Autoren wurde. Hier ist vor allem Stephen King zu nennen, der 1982 mit der (kongenial verfilmten) Novelle „Fall from Innocence: The Body“ (dt. „Die Leiche“) Maßstäbe setzen konnte. Mit seinem Monumentalwerk „It“ (1986; dt. „Es“) legte er diese Latte so hoch, dass sie selten wieder (so von Dan Simmons, dessen „Summer of Night“, dt. „Sommer der Nacht“, ebenfalls 1991 erschien) erreicht werden konnte. In der Streaming-Serie „Stranger Things“ (2016-2025) wurde das Thema aufgegriffen, aktualisiert und erreichte ein neues Erfolgsniveau.

McCammon lotet jeden möglichen Winkel der magisch-unheimlichen Zwischenwelt aus. „Unschuld und Unheil“ wirkt über weite Strecken wie eine Sammlung entsprechender Episoden. Die Haupthandlung - der ungeklärte Mord und seine Folgen - wird immer wieder ausgesetzt, um weitere Mysterien sowie Alltagsschrecken zu entfalten. Dabei greift der Autor auf zeitgenössische Problemfelder zurück, die er oft satirisch überspitzt und der Lächerlichkeit preisgibt, ohne die gefährliche Brisanz zu entschärfen. Ihm gelingen außerordentlich intensive Szenen, unter denen die Hasstirade eines fundamentalistischen Predigers, die sich gegen einen Song der angeblich vom Teufel besessenen „Beach Boys“ richtet, im Gedächtnis bleibt, weil Luzifer, ein allzu sehr gequälter, von Blutdurst und Spritzstuhl getriebener Affe die irre Predigt in ein groteskes Chaos umschlagen lässt.

Deutlich, aber ebenfalls überhöht geht McCammon den alltäglichen Rassismus an. Er lässt „die Lady“ auftreten, eine 106-jährige ehemalige Sklavin, die nicht nur die Vorurteile einer weiterhin gespaltenen Gesellschaft - die Rassentrennung wurde erst 1964/65 offiziell verboten, aber in den US-Südstaaten weiterhin praktiziert - negiert, sondern auch zu einer Präsenz und Stärke gefunden hat, die ihr im keineswegs neutralen Zephyr eine Vormachtstellung verschafft, die allerdings weniger auf Respekt, sondern auf Angst vor angeblichen ‚schwarzmagischen‘ Fähigkeiten basiert. (Wir wollen zugunsten des Autors davon ausgehen, dass er mit dieser Figur dem Schriftsteller-Kollegen Stephen King und dessen Epos „The Stand - Das letzte Gefecht“ seine Reverenz erweisen wollte, denn schon hier hatte eine ebenfalls uralte, schwarze Frau eine wichtige und magische Mittlerrolle gespielt.)

Risse im Idyll

Die nie in Frage gestellte Position der „Lady“ raubt dem Zephyr-Rassismus die Schärfe. Angst vor ‚Magie‘ sorgt für eine Zurückhaltung, die sich anderweitig ein Ventil schafft: Der Ku-Klux-Klan nutzt die Unruhe und spritzt der Gemeinschaft sein Gift ein. Auf welche Weise dies geschieht und das Böse sich verselbstständigt, bricht McCammon in zahlreiche Episoden auf, die in einem Anschlag münden, der zu den Höhepunkten eines ohnehin monumentalen Finales gehört (und abermals eine irrwitzige Szene präsentiert, in der eine versehentlich vom Himmel gefallene Rakete, ein panischer Bombenleger und ein schneckenlahmer, aber genialer Mechaniker Akzente setzen).

Womöglich übertreibt es McCammon, wenn er neben allen Gestalten des Schreckens auch noch die Nazis ins Spiel bringt. Sicherlich frönten in der Realität nicht solche perversen Ritualen, die ihnen der Autor zuschreibt, um die Spannung auf die Spitze zu treiben. Hier sorgt das Wissen um die Wirklichkeit des Nazi-Schreckens höchstens dafür, dass McCammons Fluchtmörder sich zu den Monstern und Geistern von Zephyr gesellen.

Ein Epilog beschreibt, wie Cory Jahrzehnte später und mit einer eigenen Familie nach Zephyr zurückkehrt. Dieser Ort hat ihn in Angst und Schrecken versetzt und beinahe umgebracht. Dennoch hat er diese Fahrt vor allem deshalb aufgeschoben, weil er den Verlust jener Magie fürchtet, den das Zephyr von 1964 für ihn symbolisiert. Die Schrecken konnten die Wunder nicht auslöschen. Erst die Zeit und der ‚Fortschritt‘ waren dazu in der Lage. Die Vergangenheit hat Cory geprägt und ihn gelehrt, was „Leben“ bedeutet. Er hat es nicht immer beherzigt, aber berücksichtigt, und jetzt hat er die Kraft, sich einem modernen und gänzlich diesseitigen Zephyr zu stellen.

Fazit:

Ein „Coming-of-Age“-Roman der besonderen Art, für den der Autor reale Probleme heranwachsender Jugendlicher mit den Einflüssen einer ‚jenseitigen‘ Sphäre mischt. Böse, schwache und überforderte Menschen treffen auf Ungeheuer und Geister und sorgen für eine Handlung voller faszinierender und schrecklicher Magie: ein Klassiker, der vor Anspruch manchmal in den Fugen kracht.

Unschuld und Unheil

Robert R. McCammon, Droemer-Knaur

Unschuld und Unheil

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