Verbannt in die Zukunft

Erschienen: Januar 1965

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Michael Drewniok
Die Zukunft ist kein Paradies: elf spannende Argumente

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2020

Elf frühe Storys des späteren Großmeisters der Science Fiction:

- Verbannt in die Zukunft (Nemesis; 1950), S. 5-23: In fernster Zukunft trifft der letzte Mensch auf Erden einen Diktator aus der Vergangenheit, der im Kälteschlaf seinem Schicksal entrinnen wollte.

- Die letzte Botschaft (History Lesson; 1949), S. 24-34: Lange nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation lernen Forscher von der Venus, dass die Erde einst von Zeichentrickmäusen besiedelt war.

- Versteckspiel (Hide and Seek; 1949), S. 35-48: Der schlaue Spion nutzt die physikalischen Besonderheiten des Marsmondes Phobos, um seine überlegenen Verfolger auszutricksen.

- Die Überlegenen (Superiority; 1951), S. 49-61: Den Krieg haben sie faktisch schon gewonnen, als sie die fatale Entscheidung treffen, neue Wunderwaffen zu entwickeln.

- Begegnung im Morgengrauen (Encounter in the Dawn; 1953), S. 62-75: Forschungsreisende entdecken auf einem fernen Planeten Menschen und geben den Startschuss für die Entwicklung einer Zivilisation.

- Die Rückkehr (Second Dawn; 1951), S. 76-112: Hochintelligente Huftierabkömmlinge müssen lernen, dass sie auf ihrem Planeten nur überleben werden, wenn sie sich mit ihren geistig weniger regen, aber mit Händen ausgestatteten ‚Nachbarn‘ zusammentun.

- Am Horizont - die Erde („If I Forget Thee, Oh Earth ...“; 1951), S. 113-118: Auf dem Mond warten die letzten Überlebenden eines Atomkriegs auf den Tag, an dem sie zur Erde zurückkehren können.

- Raumfahrt verboten! (Loophole; 1946), S. 119-126: Die misstrauischen Marsianer glauben die gefährlichen Erdmenschen mattgesetzt zu haben, doch sie unterschätzen den gewalt(tät)igen Einfallsreichtum des Gegners.

- Das Recht, zu überleben (Breaking Strain; 1949), S. 127-160: Zwei Männer sind allein auf einem Raumschiff mit einer Luftreserve, die nur ein Überleben ermöglicht.

- Das Vermächtnis (Inheritance; 1947), S. 161-170: Raketenpilot David glaubt aufgrund einer Traumvision zu wissen, wie er sterben wird, doch das Schicksal ist kreativer als gedacht.

- Der Wachposten (The Sentinel; 1951), S. 171-183: Auf dem Erdmond stößt man auf das Relikt einer weit überlegenen Zivilisation, die man unwissentlich über die Existenz der Menschheit in Kenntnis setzt.

Meister im Raupenstadium

1953 hielt sich Arthur C. Clarkes Ruf in Grenzen. Aufsehen hatte er ein Jahrzehnt zuvor zumindest unter Fachleuten mit seinem Konzept eines künstlichen geostationären Erdsatelliten erregt. Sein Werk war noch schmal, wobei die Kurzgeschichten dominierten. Im genannten Jahr waren davon genug zusammengekommen, um einen ersten Sammelband zu füllen.

Unter diesen Storys war auch Clarkes Erstlingswerk. „Raumfahrt verboten!“ ist auf einen Schlussgag ausgerichtet, der aus heutiger Sicht ein wenig zu gemächlich vorbereitet wird und nicht (mehr) wirklich überraschen kann. Die Idee steht im Vordergrund, sie wird trotz ihrer Schmalbrüstigkeit sauber entwickelt. In diese Kategorie fallen auch „Das Vermächtnis“ und „Die letzte Botschaft“ wobei dem Gag deutlich besser erzählte Geschichten vorausgehen.

Viele Kritiker zählen Clarke zu den Vertretern einer naturwissenschaftlich-technisch dominierten „Hard SF“, doch er interessierte sich stets für den Menschen, seine Mythen und Religionen, wobei er sich später als Materialisten bzw. Atheisten bezeichnete. Nichtsdestotrotz fällt auf, wie stimmungsvoll Clarke die Evolution in Worte fassen konnte - ein wenig zu weihevoll in „Verbannt in die Zukunft“, wehmütig in „Begegnung im Morgengrauen“, vorsichtig optimistisch in „Die Rückkehr“.

Ebenfalls unterschätzt wurde Clarkes Fähigkeit, zeitgenössische Problemthemen ironisch zu überzeichnen. Schon 1951 war er in der Lage, dies über flaue Schussgags hinaus in eine Handlung einfließen zu lassen. „Die Überlegenen“ erinnert an Nazi-Deutschland, das den Krieg mit Raketen-„Wunderwaffen“ zu entscheiden versuchte, die stattdessen Ressourcen verschlangen, die an der Front fehlten. Es liegt nahe, den von Clarke als unermüdlichen Schmied stets nur zukünftig funktionstüchtiger Superwaffen karikierten Professor Norden mit Wernher von Braun gleichzusetzen, dessen späteren Erfolge auf dem Weg zum Mond seine Verbrechen im „Dritten Reich“ verdrängten: Clarke macht deutlich, dass man sich von Brauns zumindest 1951 noch sehr deutlich als Schöpfer der heimtückischen V-Waffen erinnerte.

Naturgesetze als Spannungsträger

Mit „Versteckspiel“ bewies Clarke, dass er die im All gültigen physikalischen Gesetze als Transportriemen einer spannenden Story verwenden konnte. Schwerelosigkeit, Vakuum, Superkälte oder sonnennahe Schmelzhitze: Eine simple Handlung konnte überraschen, weil die Besonderheiten des Weltraums scheinbare Selbstverständlichkeiten ad absurdum führen können. Weiter entwickelte Clarke dieses Konzept in „Das Recht, zu überleben“; über die naturwissenschaftliche Herausforderung hinaus bezog er das menschliche Wesen ein.

An die „Star Queen“ aus dieser Story erinnerte sich Clarke übrigens, als er zusammen mit Stanley Kubrick am Drehbuch für den Film „2001: A Space Odyssee“ (1968; dt. „2001 - Odyssee im Weltraum“) arbeitete: Für die „Discovery One“ griff er die Konstruktion einer Spindel auf, die den Passagierbereich und das gefährlich strahlende Atomtriebwerk möglichst weit voneinander trennt.

Zwei weitere Storys dieser Sammlung dienten als ‚Ideen-Steinbruch‘ für den genannten Film. „Begegnung im Morgengrauen“ berücksichtigte Clarke, als er über eine Zivilisation nachdachte, die überall im Kosmos ihre Spuren hinterlässt, Evolution beeinflusst oder gar ‚zündet‘, wobei die Nutznießer davon erst sehr viel später erfahren; ein Ereignis, das Clarke am Beispiel der Menschheit eindrucksvoll in „Der Wachposten“ - eine seiner besten Storys - thematisiert. (Aus der Mond-Pyramide wurde später der legendäre Monolith.)

Fortschritt als zweischneidiges Schwert

In einer Ära allgegenwärtiger Technikgläubigkeit gehörte Clarke zu denen, die leise, aber deutlich Zweifel anmeldeten. Dies tat er rührselig und im Rückblick ein wenig zu aufdringlich in „Am Horizont - Die Erde“, wobei man die zeitgenössische Angst im Umfeld eines jederzeit ausbrechenden Atom-Weltkriegs berücksichtigen muss.

Besser bekam Clarke das Thema in „Die Rückkehr“ in den Griff. Die Entwicklung der Atheleni wird als ‚Neustart‘ interessant erzählt, wobei die Probleme ebenso wenig wie die möglichen Fehlentscheidungen unter den Tisch fallen. „Die Rückkehr“ ist auch ein Gleichnis für die Menschheit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Gegner ist besiegt, aber der Kampf hinterließ Spuren, und die Zukunft hält neue Herausforderungen bereit.

Schon der ‚frühe‘ Clarke besaß eine feste Stimme, die er höchstens formen musste. An Ideen mangelte es ihm nicht, und in der Umsetzung machte er rasch Fortschritte. Als ‚harte‘ SF mögen diese Storys veraltet sein. Ihren Unterhaltungswert haben sie in den meisten Fällen keineswegs eingebüßt.

Fazit:

Schon diese Sammlung früher Storys belegt einen Ideenreichtum, den der Verfasser auch formal sichtlich in den Griff bekommt. Ungeachtet ihres Alters und der Tatsache, dass die beschriebene ‚Hightech‘ heute eher ulkig wirkt, gelingt Clarke ein „human touch“, der die dadurch entstehende Staubschicht ausgleicht.

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