Der letzte Wunsch (Die Vorgeschichte zur Hexer-Saga 1)

Erschienen: Januar 2020

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Der Hexer und das liebe Vieh

Buch-Rezension von Tom Orgel Okt 2007

";Der letzte Wunsch"; ist der erste Band des Geralt-Zyklus des wohl bekanntesten polnischen Fantasy-Autors: 2007 bei dtv frisch aufgelegt, nachdem seine vorherigen Ausgaben bei Heyne in Deutschland (deutsche Erstauflage 1998) ein weitgehend unbeachtetes Schattendasein fristeten. Vollkommen zu Unrecht, denn die Geralt-Saga hebt sich trotz ihres relativen Alters erfrischend von der Masse der hierzulande üblichen Fantasy ab.

Genau genommen handelt es sich bei diesem Buch nicht um einen Roman, sondern um eine Sammlung lose verknüpfter Kurzgeschichten, in deren Zentrum der Hexer Geralt von Riva steht. Als Hexer ist es seine Aufgabe, als eine Art schwertschwingender Kammerjäger durch seine Welt zu ziehen und sie von Ungeheuern aller Art zu befreien. Wobei es an Aufträgen für seinesgleichen nicht mangelt, denn noch immer gibt es vielerorts Vampire, liebestolle Gestaltwandler, menschenfressende Prinzessinnen, Drachen und den einen oder anderen Dämonen. Dabei muss er sich immer wieder der Frage stellen, ob das Ungeheuer die Gefahr darstellt oder ob nicht vielmehr er und die sich ausbreitenden Menschen das größere Übel in einer Welt sind, in der die Magie langsam aber sicher zu verschwinden scheint. Eines Tages schließlich trifft er die falsche Entscheidung und wird mit einem grausamen Fluch bestraft: er verliebt sich unrettbar (und leider auch sehr unglücklich) in die schöne, jedoch unnahbare Zauberin Yennefer. Eine Liebe, die fortan seine ohnehin nicht unbedingt glückliche Existenz bestimmt.

Ein tragischer Held und seine verschrobenen Gefährten

Geralt von Riva ist kein handelsüblicher Fantasyheld. Er verkörpert zwar den typischen ";einsamen Reisenden"; (der eher aus Western denn aus Fantasyromanen bekannt ist), welcher sein Geld mit der Waffe in der Hand verdient und ist dafür auch angemessen gefährlich. Doch seine Stärke ist weniger übernatürlich, sondern beruht größtenteils auf einer harten (und qualvollen) Ausbildung, einem magischen Schwert - und Drogen, die er wie jeder Hexer für seine Arbeit herstellt und aus denen er kurzzeitig seine legendären Kräfte bezieht. Zu einem hohen Preis.

Ein Preis, der sich körperlich äußert (so kann er, wie jeder Hexer, keine Kinder haben), sozial (denn er wird als ein kaum kleineres Übel als die Monstren betrachtet, gegen die er kämpft) und nicht zuletzt seelisch.

Geralt ist ein einsamer, jedoch kaum heldenhafter sondern eher tragischer Wanderer, der als Kind in einer schmerzhaften Prozedur in einen Hexer verwandelt worden ist und der seitdem für ein einziges Ziel lebt - an dem er mehr und mehr zweifelt.

Wären nicht einige wenige, immer wieder seinen Weg kreuzende Freunde und Weggefährten, wie der lebensfrohe, charmante und gelegentlich ordinäre Barde Rittersporn, wäre Sapkowskis Heldenepos wohl eher eine sehr melancholische Angelegenheit.

Erfrischender Humor und slawischer Märchenschatz

So aber schafft er eine amüsante und gleichzeitig tiefgründige Auseinandersetzung nicht nur mit klassischer Fantasy (Sapkowski kann es nicht verbergen, dass er Rollenspieler der alten Schule ist) sondern auch mit dem reichhaltigen, slawischen Märchen- und Sagenschatz.

Nicht zuletzt die oft sehr direkte, knappe und trockene Handlungsweise und Sprache seiner Figuren (die sich immer wieder durch detailreichen Tiefgang und verschrobene Marotten auszeichnen), viele parodistische Anleihen bei bekannten Märchenmotiven und gelungene Actionszenen in einer realistisch anmutenden, mittelalterlichen Szenerie (die eher die derbe Lebensart ländlicher Wirtshäuser als hochmittelalterliche Romantik widerspiegelt) heben den Geralt-Zyklus ausgesprochen positiv von der Masse der doch meist recht stereotypen Genregenossen ab.

Unbeachtete Fantasy-Perle aus dem Osten

Auch stilistisch ist ";Der letzte Wunsch"; eher ungewöhnlich in seiner eigenwilligen Mischung aus slawischer Melancholie, erzählerischer Farbigkeit und der immer wiederkehrenden Beschäftigung mit grundlegenden moralischen und philosophischen Fragen einerseits und frischem, unverklemmtem Sprache und gelegentlich derbem Humor auf der anderen Seite. Man merkt Sapkowski doch deutlich seine Wurzeln an, die eben spürbar auch außerhalb der bekannten englisch/amerikanischen Fantasy liegen.

Nicht zuletzt muss man hier auch die äußerst gelungene Übersetzungsarbeit von Erik Simon loben, die Sapkowskis Erzählungen auch im Deutschen zu absolut empfehlenswerten Perlen der Fantasy macht (was leider lange nicht allen Autoren zuteil wird), die deutlich mehr Beachtung verdienen.

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