Die Bücher des Blutes IV - VI

Erschienen: Januar 2003

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Hanka Jobke
Varianten des Wahnsinns

Buch-Rezension von Hanka Jobke Apr 2006

 

"Er war unschuldig. Wenn es diesen Zustand diesseits des Wahnsinns überhaupt gab" (Festungsdämmerung, S. 667)

 

Horror ist allgegenwärtig. Er kriecht beständig unter der Oberfläche des Alltags umher und bricht zuweilen daraus hervor. Man kann die dunklen Mächte provozieren oder rufen, man kann ihnen gewollt begegnen oder sie zufällig finden - aber man kann ihnen nicht entrinnen.

Ein junger Mann gibt vor, mit den Geistern Verstorbener kommunizieren zu können - und erhält von ihnen ein blutiges Geschenk: Auf seine Haut ritzen sie ihre Erzählungen, die verschiedenen Handschriften bedecken seinen gesamten Körper.

Dies ist die Rahmenhandlung, welche im Prolog zum ersten Buch erzählt und im Epilog des sechsten Buches abgeschlossen wird. Dazwischen versammeln sich sehr unterschiedliche Kurzgeschichten des Schreckens, vierzehn davon in den Büchern IV bis VI. Da geht es um gruselige Graffitis und Seuchen des Dschungels, um die Paartherapie Jenseitiger und verselbstständigte Gliedmaßen. Die Orte und Figuren sind so vielfältig wie die Motive und Bilder, die Clive Barker verwendet, um Horror zu verschriftlichen.

 

Aber ließen sich solche Mächte je überraschen? Gab es eine einzige Minute in ihrem Madendasein, da ihnen die Augen zugfielen und der Schlaf sie eine Zeitlang zähmte? Nein. Harry hatte die Erfahrung gemacht, daß nur die Guten Schlaf brauchten. Die Sünde und ihre Praktiker waren jeden eifrigen Augenblick wach und planten neue Schandtaten. (Die letzte Illusion, S. 749)

 

Barker veröffentlichte die Bücher des Blutes in den Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch damals waren die Motive nicht neu: Verwesung und Verderben, Geister, Monster, Sex und Gewalt.

Dem jüngeren Leser dürfte auch deshalb einiges bekannt vorkommen, da ein Großteil der gegenwärtigen Horror-Schaffenden von Barker beeinflusst wurden. Seine Bücher des Blutes gelten wie auch seine Filme als Klassiker des Genres, und wer heutzutage darauf zurückgreift, tut dies mit einer Vorbelastung durch die Kenntnis moderner Gruselei.

Die zeitlose Besonderheit liegt in der Komposition der Schockeffekte; versetzt in ungewöhnliche Handlungsstränge werden die zuweilen splatterhaften Sterbeszenen mit Lebensweisheiten kontrastiert.

 

Traurigkeit war so viel ehrlicher als die künstliche Aufgeräumtheit, die heutzutage der herrschende Lebensstil war: diese Fassade hohlköpfiger Zuversichtlichkeit, von der die Verzweiflung übertüncht war, die jeder im Innersten seines Herzens verspürte. (Offenbarungen, S. 157)

 

Die Protagonisten sind so unterschiedlich wie die Handlungsorte. Erzählt wird von einer unbedarften Doktorandin im Ghetto, einem ungeschickten Architekten in einem ruinösen Schwimmbad und einem exzentrischen Milliardär in seiner eigenen Hölle. Gemein ist den Figuren eine gewisse Kantigkeit; sie alle sind auf die ein oder andere Weise unzufrieden, und nicht selten verspüren sie ein inneres Bedürfnis, sich dem Verderben zu nähern, auch ihrem eigenen.

 

Wenn man einmal mit jenem Bösen in Berührung gekommen war, wie er es in den vergangenen Stunden gesehen und geträumt hatte, dann konnte man es nicht mehr so einfach loswerden. Er mußte ihm bis zu seinem Ursprung folgen, so abstoßend dieser Gedanke auch war, und je nach seiner eigenen Kraft ein Abkommen damit schließen. (Die letzte Illusion, S. 373)

 

Gesteigert wird das Grauen durch die Sprache, die in der Übersetzung vorzüglich umgesetzt wurde. Das durchweg ausgesuchte Vokabular verdichtet sich zuweilen zu Passagen schauriger Poesie.

 

"Zeig dich", sagte er, "ich bin nicht wie Catso, ich hab´ keine Angst. Ich will wissen, was du bist."
Aus ihrer Blättertarnung neigte sich die wartende Bestie zu Karney herunter und stieß einen einzigen frostigen Atemzug aus. Er roch wie Themse bei Niedrigwasser, nach in Fäulnis übergegangener Vegetation. Karney wollte schon ein zweites Mal fragen, was sie sei, als ihm klar wurde, daß dieses Ausatmen die Antwort der Bestie war. Alles, was sie über ihre Beschaffenheit zu äußern vermochte, war in diesem bitteren und widerwärtigen Hauch enthalten. Wie das Antworten so an sich haben, fehlte es ihm nicht an Beredsamkeit. (Das nicht-menschliche Stadium, S. 89f.)

 

Im Vergleich mit den Büchern des Blutes I bis III gibt es weniger Monsterartige in den Hauptrollen. Kein glückloses Geyatter, kein laufendes Leichentuch - doch es wird keineswegs auf die Wesen von gegenüber verzichtet. In der Vielfalt seiner Abnormen kennt Barker keine Grenzen. Sichtbar und unsichtbar, greifbar und angedeutet; in Formen und Haptik sind die Monster mehr als nur Nebendarsteller. So, wie der Schrecken die Geschichte infiltriert und leitet, verknüpft das Andersartige die Figuren mit der Handlung. Nichts steht hier allein, alle Komponenten greifen ineinander und beweisen, dass sie zwanghaft Teil einer gemeinsamen Geschichte sind.

Das wahrhaft Besondere an Barkers Kurzgeschichten sind die Handlungen. Der Plot ist niemals, wirklich niemals vorhersehbar. Die Geschichte beginnt irgendwie und irgendwo mit irgendwem - und der Leser darf sich die Mühe sparen, den Verlauf vorherzuahnen, denn die Story schlägt garantiert Kapriolen. Dabei bricht die Handlung niemals aus ihrem Setting aus, sie wirkt stets glaubwürdig. Der Leser meint, einer absolut stringenten Handlung beizuwohnen. Und danach dämmert ihm, dass sie sich auch in eine gänzlich andere Richtung hätte wenden können, und das Gefühl dasselbe wäre.

Diese Unvorhersehbarkeit ist die große Stärke dieser Geschichten. Eine kleine Schwäche ist die Detailverliebtheit in Aktionssequenzen, welche selbige zuweilen ausbremsen. Doch nach dieser Odyssee durch das düstere Ungewisse wünscht man sich, dass mehr moderne Autoren Barker läsen und als Inspiration begriffen. Hier ist präsentiert, wie überbordende Ideen auf dem engen Raum einer Kurzgeschichte handwerklich geschickt zusammengehalten werden. Und alles darunter ist Horror.

(Hanka Jobke, Februar 2013)

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