Der Skarabäus

Erschienen: Januar 1927

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Michael Drewniok
Kriechendes Grauen aus heißem Wüstensand

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2006

Robert Holt, ein zum Landstreicher herabgekommener Londoner Bürger, steigt in kalter Nacht in ein einsam gelegenes Haus ein. Leider steht dies nicht leer; ein unheimliches Wesen haust hier, das kaum Menschenähnlichkeit aufweist und sich womöglich in einen riesigen Skarabäus-Käfer verwandeln kann.

Vor allem ist die Kreatur abgrundtief böse. Sie hat es auf den jungen Politiker Paul Lessingham abgesehen, der ihr während eines Aufenthalts in Ägypten nach eigener Auskunft großes Unrecht angetan hat. Bis nach London ist das Wesen Lessingham gefolgt und plant nun sorgfältig dessen politischen Ruin, privaten Untergang und schließlich Tod.

Der unglückliche Holt muss ihm als Werkzeug dienen. Mit unwiderstehlicher hypnotischer Kraft wird er gezwungen, in Lessinghams Haus einzubrechen und einige persönliche Briefe zu stehlen, die das Geschöpf über die bevorstehende Verlobung mit der schönen Marjorie Lindon informieren.

Auf die hat auch der Erfinder Sydney Atherton ein Auge geworfen. Von Marjorie abgewiesen, erweist er sich als schlechter Verlierer, der den Nebenbuhler gern entehrt sähe. Dies nutzt das Wesen, gibt sich Atherton als Priesterin der altägyptischen Göttin Isis zu erkennen und fordert ihn zur Unterstützung auf. Als guter Brite mag sich Atherton nicht auf dieses Niveau herablassen. Stattdessen verbündet er sich mit Lessingham und zieht den befreundeten Detektiv August Champnell zu Rate. Die Kreatur erweitert ihre Rachepläne und nimmt das schwächste Glied in der Kette ihrer Feinde ins Visier: Marjorie, die ihr Wissen um die Schrecken dieser Welt unfreiwillig stark erweitern kann.

Käfer schlägt Vampir

Dies ist der Bestseller des Jahres 1897, der eigentlich „Dracula“ werden sollte! Doch Bram Stoker, dessen Namen im Gegensatz zu Richard Marsh heute nicht nur jeder Fan des Phantastischen kennt, hatte das Nachsehen; der Fürst der Vampire musste sich einem tückischen Riesenkäfer geschlagen geben! Dies ist heute schwer nachzuvollziehen und zeigt, wie sehr sich die literarischen Geschmäcker wandeln können. Erst mit dem Tonfilm schlug die Stunde von Dracula; das Böse wurde zum Faszinosum, während der „Skarabäus“ als konventionelle Allerweltstory Staub ansetzte und in Vergessenheit geriet.

Die gegenwärtige Sichtung des hierzulande selten aufgelegten Ex-Bestsellers fällt nur mit Einschränkungen zugunsten des Wiedergängers aus. In seinem ausführlichen und kundigen Nachwort erläutert Alexander Amberg - der sich der deutschen Übersetzung von 1927 angenommen hat, die er behutsam überarbeitete und damit den liebenswert altmodischen Stil des Textes bewahrte - die Ursachen für den Erfolg dieses Romans.

„Der Skarabäus“ war das Werk eines routinierten Unterhaltungsschriftstellers, der weniger Ruhm als möglichst gute Verkaufszahlen anstrebte. Als ‚literarischer Handwerker‘ schrieb Autor Marsh wie am Fließband Romane und Kurzgeschichten für die populären Magazine seiner Zeit. Viel Zeit konnte er nie auf die Niederschrift verwenden. Auch deshalb griff er auf Themen und Strömungen zurück, die aktuell waren. Gerade das macht den „Skarabäus“ heute interessant.

Regelmäßig geht die Welt unter

Am Ende jedes Jahrhunderts kommt eine „fin-de-siècle“-Stimmung auf. Das Alte ändert sich, Neues steht bevor, die Ungewissheit ist groß. Auch in den Jahren vor und nach 1900 war dies nicht anders. Die Menschen begannen zu erkennen, dass sie die enormen technischen Neuerungen, die Errungenschaften der Wissenschaft oder die Segnungen der Industrie sie keineswegs in ein Paradies führen würden.

Stattdessen wurden die überwundenen Gespenster der Vergangenheit - Seuchen, Hexenjagden, Sklaverei - durch neue Schrecken ersetzt, die u. a. Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit oder Überfremdung hießen. Nicht nur Richard Marsh ließ solche Ängste in sein Werk einfließen; auch literarische Klassiker wie „The Picture of Dorian Gray“ (dt. „Das Bildnis des Dorian Gray“) von Oscar Wilde, „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (dt. „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“) von Robert Louis Stevenson oder eben Bram Stokers „Dracula“ bedienten sich ihrer.

Ebenfalls gemeinsam war diesen Klassikern ein starker sexueller Unterton. Im Zeitalter der prüden Königin Victoria galt der Sex als schmutzige Pflicht, die im stillen Kämmerlein möglichst verschwiegen zu erledigen war, um neue Untertanen zu zeugen. Wie zu allen Zeiten wurde besonders das interessant, was als verboten galt. Die zeitgenössischen Künstler entwickelten eine Meisterschaft daran, den Sex gleichsam verschlüsselt und zwischen den Zeilen in ihre Werke einzuschmuggeln; die Leser wussten solche Stellen sehr wohl zu finden und zu deuten.

Übersetzer Amberg schildert, dass in der Eindeutschung von 1927 solche Passagen sorgfältig getilgt bzw. entschärft wurden. In der 2006er Fassung lesen wir nun wieder, wie der eindeutig geile Isiskäfer die schöne Marjorie belästigt; an ‚entscheidender‘ Stelle bricht Marsh ab und überlässt es der Fantasie seiner Leser sich auszumalen, was die Schöne durch das Biest erleiden muss.

Als Kulisse für malerisch verderbte Orgien-Stimmung kann das Ägypten von 1897 dienen. Paul Lessingham erzählt womöglich ein wenig zu ausführlich von seinen lasterhaften Streifzügen durch die Slums von Kairo. In der Fremde, d. h. außerhalb des strengen britischen Kastensystems, ohne Aufsicht und unter ‚Wilden‘, vor denen man sich nicht zurückhalten muss, darf auch ein britischer Herrenmensch über die Stränge schlagen.

Ehrfurcht und Vorurteile

Während sich Ägypten 1897 als nur scheinbar selbstständige, tatsächlich aber britisch regierte Kolonie keines besonderen Rufes erfreute, galt dies ausdrücklich nicht für das das alte Ägypten der Pharaonen und Pyramiden. Die zahllosen, in Sand und Staub gut erhaltenen Relikte einer sichtlich großen Vergangenheit faszinierten nicht nur Wissenschaftler. Altägypten wurde zur Mode; in den Salons der britischen Oberschicht wurden Statuen, Keramiken, sogar Sarkophage als Ergänzung zum Mobiliar ein Muss; zum bizarren Zeitvertreib wickelte man importierte Mumien aus.

Im kalten Inselwinter reisten fröstelnde oder lungenkranke Brite gern den Nil hinab. Wer es sich leisten konnte, mimte den Archäologen, heuerte sich einen Wissenschaftler und viele einheimische Arbeitskräfte an und durchwühlte den Wüstensand auf der Suche nach Forscherruhm und Beute. Kein Wunder, dass Isis & Osiris den angelsächsischen Lesern näher standen als ein obskurer, blutsaugender Balkanfürst!

Dazu gehörte ein Chauvinismus, den Marsh unfreiwillig konserviert. Nicht nur im imperialistischen Großbritannien galt der ‚Eingeborene‘ aus den Kolonien als Mensch höchstens zweiter Klasse. Folglich gilt es als schreckliches Schicksal, dass der wackere Holt dem hypnotischen Bann seines Peinigers verfällt und nach der Pfeife des Fremden tanzen muss. Atherton oder Lessingham sind aufgrund ihrer Standesdünkel heute eher unsympathische Zeitgenossen. Um die Hand der schönen Marjorie zu erhaschen, wäre Atherton jedes Mittel Recht - außer dem einen, sich mit dem widerwärtigen, minderwertigen, orientalischen Isiskäfer einzulassen. Das ist doppelt niederträchtig aber wie gesagt zeittypisch; nicht nur für England.

Ehrgeiz und Klischees

Schriftstellerisch entwickelt Marsh einigen Ehrgeiz und versucht sich in der Technik des „stream of consciousness“, wie er in der englischen und US-amerikanischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts Mode war: Nicht der Autor schildert allwissend das Geschehen, sondern überlasst das den Protagonisten. „Der Skarabäus“ gliedert sich in vier Bücher, welche die Handlung aus den Perspektiven von Robert Holt, Sydney Atherton, Marjorie Linden und August Champnell schildern, die nur Bruchstücke der Ereignisse kennen. Dem Leser bleibt die Aufgabe, diese zusammenzusetzen und auf diese Weise ein Gesamtbild zu rekonstruieren. Freilich verzahnt Marsh die einzelnen Bücher viel enger als nötig und sorgt damit für viele Wiederholungen.

„Der Skarabäus“ ist ein Roman aus einer Zeit, als Männer noch Helden waren und Frauen reizend und hilflos (oder reizend hilflos), weshalb sie vor der letzten Buchseite unbedingt geheiratet werden mussten. Allerdings wirft das neue Jahrhundert auch hier seine Schatten voraus: Zu den Ängsten des „fin-de-siècle“ gehört die vor der weiblichen Gleichberechtigung. Der Geist der Frauenbewegung, deren Sympathie auch Marjorie Linden gehört, lässt sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht mehr in die Flasche zurückzwingen.

Lessingham, Atherton und Champnell wirken als Helden steif und unflexibel. Hier spiegelt sich wider, in welchem kontrollierten Umfeld sich Männer und Frauen „von Stand“ um 1900 bewegen mussten. Ein Abweichen von der Norm konnte sehr wohl das gesellschaftliche Aus bedeuten. Wichtig ist außerdem die offensive Demonstration von „Männlichkeit“: Lessingham gewinnt Athertons Anerkennung, als er diesen in einem Wutanfall anspringt und tüchtig würgt; damit hat er unter Beweis gestellt, dass er ein „Pfundskerl“ ist.

Der Isiskäfer ist eindimensional böse, feige und verschlagen. Wieso der „Skarabäus“ im Gegensatz zu „Dracula“ dem Zahn der Zeit anheim fiel, erklärt sich auch aus der Tatsache, dass der Vampirgraf Charisma besitzt. Er würde sich nie vor britischem Mut ducken oder sich mit faulen Taschentricks ins Bockshorn jagen lassen. Wenn der Isiskäfer überhaupt interessant wirkt, liegt es an der Weigerung des Verfassers, dessen wahres Wesen zu erklären: Was dieses Wesen eigentlich ist, bleibt vage, und so ist es sicherlich besser.

Anmerkung: „The Beetle“ wurde 1919 nach einem Drehbuch von Helen Blizzard unter der Regie von Alexander Butler verfilmt. In die Rolle des Isiskäfers - hier „Neces“ geheißen - schlüpfte Fred Morgan (1878-1941).

Fazit:

1897 fast zeitgleich mit Bram Stokers „Dracula“ erschienen, ließ dieser Roman den unsterblichen Vampirfürsten auflagenmäßig viele Jahre blutarm wirken. Heute kann das kuriose, lesbar hastig zu Papier gebrachte Garn, das mit vielen zeitgenössischen Ängsten spielt, vor allem den historisch interessierten Gruselfreund unterhalten.

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