Die Saat der Yokai

  • Ueberreuter
  • Erschienen: Januar 2008
Die Saat der Yokai
Die Saat der Yokai
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Carsten Kuhr
80°

Phantastik-Couch Rezension von Carsten Kuhr Dez 2007

Der Zauber fernöstlicher Phantasie

Neid und Zwietracht im Land der aufgehenden Sonne. Als Kammu, der Mikado Nippons im 8. Jahrhundert beschließt, seine Hauptstadt zu verlegen, raten zwei seiner drei Onmyoji zu Nagaoka als neuen Sitz des Kaiserpalasts. Die jahrelangen Baumaßnahmen finden ein abruptes Ende, als ein Pfeil dem Leben des Bauleiters ein jähes Ende setzt. Eine Dämonin beansprucht die Gegend für sich und nimmt fürchterliche Rache für die Störung. Die Frau des Mikado und seine Mutter müssen ihr Leben lassen, bis der Kaiser nachgibt, und seine neue Residenz nach Heian verlegt. Seine drei Zauberer und Wahrsager werden mit Schimpf und Schande vom Hof verjagt.

Zwei der drei geschassten Onmyoji schwören für die Demütigung grausame Rache. Als veilchenfarbener und aschefarbener Schatten verfolgen sie ihre Vendetta. Nur der teefarbene Schatten sucht das Unheil, das dem Land droht, zu bekämpfen.

Während Sora-no-me-Truppen die Yokais, magische Geister verstorbener Zauberer, die plötzlich überall im Land aus ihren Gräbern auferstehen, bekämpfen, rekrutiert der aschefarbene Schatten im fernen Land To den schwarzen Drachen, das fleischgewordene Yang um das Reich, das ihn verstoßen hat, zu vernichten.

Hayate, ein 14 jähriger Zimmermannssohn, hat sich einer der Dämonenjägertruppen angeschlossen. An der Seite eines Zauberlehrlings und einer einfältigen, aber hübschen jungen Frau bereist er seine Heimat immer auf der Suche nach Yokais, die die Dörfer heimsuchen. Auf ihrem Weg treffen sie immer wieder auf den teefarbenen Schatten. Gegen Dämonen und Yokais können sie ja mittels ihrer Amulette aus Papier und Holz bestehen, ja Erfolge verbuchen, doch dann müssen sie sich ihrem Geschick in Form der Dämonin und des schwarzen Drachens stellen - eine Aufgabe, die Übermenschliches von ihnen abfordert ...

Die Welt der Clauß´ - Ein faszinierendes Gemälde abseits des Gewohnten

Die Welt verschwindet hinter einem riesigen, lebendigen Gemälde, das die Götter selbst zu malen scheinen (S. 380). Das Ehepaar Clauß legt dem Fantasy-Freund ungewohnte Kost auf den Lesetisch. Wer erwartet, hier auf die übliche Queste einer Gruppe von charismatischen Helden zu stoßen, die mittels eines sagenumwobenen magischen Hilfsmittel ihre Welt vor dem Bösen retten, der wird enttäuscht sein. Keine Magier mit Zauberstab und spitzem Hut, keine Elfen oder Zwerge warten auf den Käufer, sondern das Bild einer faszinierend anderen Welt, in der die Gestalten nie eindeutig Gut oder Böse zugeordnet werden können.

Das liest sich endlich einmal nicht nach Schema X und überrascht nicht nur in den Personen oder der für Rundaugen so ungewohnten Lebensweise, sondern auch in der zugrundliegenden Philosophie. Ohne zu viel verraten zu wollen, und das ist ob der sich erst nach und nach erschließenden Handlung gar nicht einfach, ist der Roman geprägt durch den Konfuzionismus und durch eine Philosophie, die auf Dialog und auf ein gedeihliches Miteinander von Mensch und Natur setzt.

Selbst im Moment des Triumphes legen die Autoren ihren Figuren Sätze wie: »Unsere Gegner sind besiegt - eine Dämonin und ein schwarzer Drache. Was bleibt, sind Menschen. Menschen können miteinander reden« (S. 389) in den Mund.

Wie schon angedeutet, dauert es geraume Zeit, bis sich uns die Handlung und die Geheimnisse wirklich erschließen. Zusammen mit unseren Figuren erleben wir die Bedrohung durch die Dämonen und wiedererweckten Zauberer hautnah mit, ohne zunächst wirklich zu wissen, was und wer hinter dem Geschehen steckt. Auch die Darstellung der Zauber, die durch Schriftzeichen auf Papier oder Holz erweckt werden, ist ungewohnt.

Lange bleibt verborgen, wie die jeweiligen Erzähler einzuordnen sind, was sie antreibt, und wie bedeutend ihre Rolle letztlich ist. Gerade die verbannten Hofbeamten mit all ihrer Machtfülle werden dabei in sich überzeugend portraitiert. Wie dokumentiert einer der Zauberer es auf Seite 376 so treffend: »Manchmal beschützt man eine Schnecke vor einem Igel, damit sie einem einen Dienst erweist. Wie lächerlich wäre es, wenn sich die Schnecke dafür bedanken würde - könnte man sie doch ohne Bedenken zertreten, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt hat«. Das ist weit entfernt von der sonst üblichen Mentalität der Fantasy-Zauberer entweder ihre Mitmenschen von Unheil aller Art mit dem eigenen Leben zu schützen, oder diese gnadenlos zu vernichten. Die portraitierte Gleichgültigkeit gegenüber den Machtlosen ist gerade durch seine innere Logik überzeugend, ja erschreckend.

Stilistisch solide, liest sich das Buch ohne Brüche locker und spannend auf einen Rutsch durch. Insgesamt ein Fantasy-Roman der anderen Art, voller ungewöhnlicher Denk- und Handlungsansätze und Erzählern, die sich abseits ausgetretener Pfade bewegen.

Die Saat der Yokai

Martin Clauß, Ueberreuter

Die Saat der Yokai

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