Solaris

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  • Erschienen: Januar 1972
Solaris
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Markus Traud
100°

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2006

Ein Erstkontakt der völlig anderen Art

Stanislaw Lem, 1921 geborener Pole, ist eindeutig der Literat unter den Sci-Fi-Autoren. Er entwickelt keine großen Zukunftsbilder in seinen Werken, sondern versucht stattdessen philosophische Gedanken und Thesen in eine ansprechende Handlung zu verpacken.

Solaris ist ein Planet, der fast vollständig von einem aus gallertartiger Masse bestehenden Ozean bedeckt ist. Dieser Ozean bildet die bizarrsten Formen und Gestalten und ist in der Lage, Formen nachzubilden. Als auch noch festgestellt wird, dass er durch seine Bewegung die Flugbahn des Planeten stabil hält, muss man davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Art intelligente Lebensform handelt. Doch die Kontaktaufnahme mit dieser Lebensform schlägt über Jahrzehnte fehl.

Kris Kelvin, der Ich-Erzähler der Geschichte, findet bei seinem Eintreffen auf der Station, die über der Oberfläche von Solaris kreist, diese in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand vor und keiner der 3 Besatzungsmitglieder ist zu seiner Begrüßung anwesend. Nach einigem Suchen stößt er zumindest auf Snaut, den Kybernetiker der Station, und muss erfahren, das der Stationsleiter vor kurzem verstorben ist und das andere noch vorhandene Besatzungsmitglied keinen Kontakt wünscht, da es ";beschäftigt"; sei.

Nach kurzer Zeit auf der Station wird Kelvin langsam klar, warum die anderen sich so seltsam verhalten. Denn er bekommt Besuch von Harey, seiner ehemaligen Frau. Doch diese hat sich vor 10 Jahren auf der Erde umgebracht und Kelvin gibt sich die Schuld für dieses Ereignis.

Scheinbar ist der Ozean in der Lage, die Gedanken der Menschen zu scannen und aus deren Unterbewusstsein Abbilder, sogenannte ";Gäste"; zu kreieren, die das Schuldbewusstsein der Menschen darstellen. Diese ";Gäste"; sind sich darüber nicht bewusst, sondern glauben, wirklich, die jeweilige Person zu sein und verhalten sich genau so.

Als ich Solaris um 1980 das erstemal gelesen habe, war für mich Science Fiction mehr oder weniger gleichbedeutend mit Weltraumschlachten, tapferen Astronauten, fremdartigen Aliens und all den anderen Dingen, die man so allgemein mit dem Genre verbindet (Star Trek war mir auch noch kein Begriff; aber ich war ja auch gerade mal 13 Jahre).

Und plötzlich bekomme ich ein Buch empfohlen, in dem es keinerlei Schlachten gibt, das Außerirdische ist überhaupt nicht fassbar und auch sonst gibt es relativ wenig wirkliche Handlung. Stattdessen sehr viel Gedankengänge, Überlegungen, Zweifel etc.. Ich gebe ehrlich zu, dass ich beim ersten Lesen doch so meine Schwierigkeiten hatte. Trotzdem hinterlies das Buch einen bleibenden Eindruck und ich habe es seit damals häufiger zur Hand genommen, und mit jedem Lesen wird es faszinierender. Vielleicht kann ich ein wenig dieser Faszination hier vermitteln:

Den größten Eindruck auf mich hat in diesem Buch die Darstellung der außerirdischen Lebensform gemacht. Denn dies war für mich das erste Werk, in dem das außerirdische Leben nicht in irgend einer Form humanoid oder mit sonstigem Leben auf der Erde vergleichbar dargestellt wurde (und bis heute habe ich nicht viele Werke gelesen, in denen mit einem ähnlichen Ansatz gearbeitet wird). Stattdessen ein riesiger gallertartiger Ozean ohne offensichtliche Sinnesorgane, ohne die Möglichkeit, direkten Kontakt aufzunehmen. Und gerade diese unüberwindbar scheinende Verschiedenartigkeit ist eines der Hauptthemen des Buches. In den Rückblicken auf die Geschichte der Erforschung des Planeten wird berichtet, dass lange Zeit bezweifelt wurde, dass der Ozean überhaupt eine Lebensform darstellt. Es ist verständlich, dass die menschliche Phantasie natürlich zuerst die eigenen Lebensumstände als Grundlage nimmt. Sci-Fi spielt zwar in fernen Welten und Zeiten, schildert letztendlich doch ";nur"; menschliche Probleme. Daher sind die ";Fremden"; in vielen dieser Romane doch unverkennbar humanoid. Der Pole Lem hat mit Solaris schon 1960 dieses Schema durchbrochen und damit ganz andere Möglichkeiten gefunden. Denn hier steht dem Menschen etwas vollkommen Fremdartiges gegenüber, trotzdem bringt die Beschäftigung mit diesem Wesen zwischen den Zeilen sehr viele philosophische Erkenntnisse über den Menschen. Denn verpackt in die Handlung ist das Buch eine Sammlung philosophischer, anthropologischer und durchaus auch religiöser Fragen, die aber niemals langweilig oder zu theoretisch werden.

Der zweite aus meiner Sicht wesentliche Punkt, der diesen Roman so besonders macht, ist sein ironische Beschäftigung mit der Wissenschaft. Es gibt eigentlich zwei Handlungsebenen in diesem Buch. Zum einen die Erlebnisse von Kris Kelvin auf der Station, die chronologisch ablaufen. Aber Kelvin, die Hauptperson, sucht auch nach Informationen über Solaris in der Bordbibliothek und gibt bei dieser Suche so ganz nebenbei auch einen Abriss über die verschiedenen Strömungen und Lehren in Bezug auf den Planenten im Laufe der Jahre seit seiner Entdeckung. Vordergründig werden die Infos natürlich für die Handlung benötigt, aber die Ausführlichkeit und der Detailreichtum, mit dem Lem dies hier schildert, ist eine ganz klare Anspielung auf die reale Wissenschaft. Noch bevor genauere Erkenntnisse über Solaris vorliegen, wird der Planet und die auf ihm vorkommenden Phänomene klassifiziert, jede wissenschaftliche Richtung, egal ob Physik, Astronomie oder sogar Psychologie hat ihre eigenen Theorien, ";unerschütterliche"; Tatsachen erweisen sich im Laufe der Zeit als falsch und sogar bei den drei Besatzungsmitgliedern kommt es zu Unstimmigkeiten im Bezug auf verschiedene Lehrrichtungen, als sie über den Umgang mit den ";Gästen"; debattieren. Dies ist ziemlich eindeutig eine Spitze auf die ";Elfenbeintürme"; und Diversifikation in der realen Wissenschaft, in der es heute sogar vorkommen kann, dass sich schon zwei Physiker nicht mehr verstehen, weil sie unterschiedliche Fachgebiete haben.

Als dritten und letzen Punkt für die Faszination des Buches will ich noch den Begriff Psychologie in den Raum werfen. Denn wenn man all die Sci-Fi-Elemente weglässt und nur die Situation betrachtet, die durch die Anwesenheit der ";Gäste"; entsteht, ist dies ein zutiefst menschliches Thema. Wie reagiert man, wenn man dem Objekt seiner größten Schuldgefühle wieder gegenübersteht. Kelvin gibt sich die Schuld am Tod seiner Frau und plötzlich ist sie wieder da. All die Möglichkeiten des Verhaltens werden im Roman aufgezeigt und diese Konstellationen sind, ohne zuviel vom Ende zu verraten, ein wesentliches Hauptelement dieses Buches.

Ein Meisterwerk der Science Fiction, das bei seinem Erscheinen dem Rest der Branche um Jahre voraus war und auch heute noch genauso aktuell und lesenswert wie bei der Ersterscheinung vor fast fünfzig Jahren. Der Klassiker ist garantiert nichts für Freunde der actionreichen Scifi, sondern regt eher zum Nachdenken an.

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