Die Krähe

  • Bastei-Lübbe
  • Erschienen: Januar 2008
Die Krähe
Die Krähe
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Carsten Kuhr
80°

Phantastik-Couch Rezension von Carsten Kuhr Mär 2008

Pillinor - eine neue Mittelerde?

Im dritten Band der insgesamt vierteiligen Saga um Pellinor wechselt die Autorin ihren Protagonisten und mit diesem die Sichtweise. Nun ist das so eine Sache. Die unbestrittenen Vorteile eines Wechsels, die Möglichkeit zeitlich parallel laufende Ereignisse zu schildern, durch die Augen einer anderen Person die Geschehnisse nicht nur zu beleuchten, sondern vielleicht gar abweichend zu werten, neue Länder und Völker einzuführen, steht auf der Habenseite. Demgegenüber ist im Soll zu buchen, dass der Leser sich auf einen neuen Erzähler einlassen muss, dass das Hineinschlupfen in eine vertraute Haut wegfällt.
Entsprechend machte ich mich doch mit einigen Vorbehalten an die Lektüre des voraussichtlich vorletzten Bandes des Zyklus.

Croggon entführt uns tief den den heißen, orientalisch anmutenden Süden ihrer Welt. Herm, der lange verschollene Bruder von Maerad hat sich Saliman, einem mächtigen Barden und Heiler, angeschlossen. In der prächtigen Metropole von Turbansk soll er in bardischen Tugenden ausgebildet werden.

Wie nicht anders zu erwarten war, hat er seine Probleme, sich einzugewöhnen. Bislang hat er in seinem Leben wenig Sicherheit und Freundschaft erfahren. Von den Schergen des Namenlosen aus dem Waisenhaus entführt, traut er außer seiner Schwester und Saliman zunächst niemanden. Verschlossen und verstockt ist er ein Außenseiter in einer ihm fremden Welt. Einzig eine weiße Krähe, ein Albino, der von den anderen Vögeln ebenso ausgegrenzt wird wie Herm von seinen Mitschülern selbst, bietet ihm Freundschaft und Zuneigung. Doch dann trifft er auf das Waisenmädchen Zelika, das vor den herannahenden Heeren der Dunklen flieht. Zusammen mit Saliman fliehen sie aus der belagerten, kurz danach zerstörten Stadt. Auf Erkundungsmission wird Zelika von den Dunklen gefangen genommen. Herm bricht auf, seine erste wahre Liebe aus den Klauen der Kindersoldaten zu befreien. Tief ins Feindesland dringt er vor, bis in die Festung des Oberkommandierenden des dunklen Heeres führt ihn sein Weg und hier, in der Höhle des Löwen, trifft er auf den zweiten Teil des gebundenen Baumliedes ...

High Fantasy voller Zauber, aber auch mit hohem Wiedererkennungswert

Hat der Wechsel der Perspektive der Handlung nun gut getan? Hier darf ich der Autorin attestieren, dass sich das Wagnis, den Erzähler zu wechseln, gelohnt hat. Mit Herm hat sie einen unverbrauchten Protagonisten, dessen Geschichte für Faszination und Mitleid sorgt. Herm selbst muss zunächst einmal Vertrauen finden. Vertrauen in diejenigen, die ihm ihre Freundschaft antragen, Vertrauen nicht zuletzt aber auch in sich selbst. Er muss erkennen, dass er neben seiner Schwester eine ganz eigene, wichtige Rolle in der prophezeiten Auseinandersetzung des Guten gegen das übermächtig scheinende Böse zu erfüllen hat, dass er wichtig ist. Dieser Prozess wurde sehr anschaulich und gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Gerade die Ablehnung, die dem Jungen ob seiner Andersartigkeit entgegenschlägt, kann jeder leicht nachvollziehen. In jedem Prozess des Erwachsenwerdens ist das sich ausgeschlossen fühlen, der Versuch sich anzupassen und damit in eine Gruppe aufgenommen zu werden und die schlussendliche Abkopplung dieses Herdentriebes ein wichtiger Entwicklungsschritt. Hier hat die Autorin mit viel Feingefühl gearbeitet und uns den Selbstfindungsprozess sehr anschaulich dargeboten.

Daneben zeichnet sie mit den bislang unbekannten Gegenden des Romans ein immer detailreicheres Bild ihrer Welt. Hinzu kommt, dass sie mit der Einführung der indoktrinierten Kinderheere für ein wahrhaft gruseliges Element gesorgt hat. Aus den Nachrichten sind sie schon lange verschwunden, die Reportagen über die Kindersoldaten, die insbesondere in Afrika durch ihre Brutalität auffielen und betroffen machten. Durch Manipulation und Drogen gefügig gemacht, greifen sie ohne jegliches Mitleid, ohne Unrechtsbewusstsein oder Reue ihre Gegner an, und metzeln diese nieder. Diese Beschreibungen fügen der Tetralogie einen dunklen, bislang noch nicht bekannten Unterton zu, machen die Handlung gleichsam realistischer und furchteinflößender.

Immer mehr hebt sich der Schleier um die missbrauchte Macht des Namenlosen und die Aufgabe, die die Geschwister bei der Errettung der Welt erwartet. Alles läuft auf ein großes Finale hinaus, an dessen Ende das Aufeinandertreffen der ungleichen Gegner steht. Das ist im Groben bekannt und bietet in der Anlage wenig wirklich Neues. Es sind die kleinen Dinge, die liebevollen Feinheiten in der detailreichen Ausarbeitung ihrer Welt, die Croggons Romane aus dem Allerlei der High-Fantasy-Serien herausheben. Warten wir gespannt, ob der Abschlussband wirklich das hält, was die ersten Teile versprachen.

Die Krähe

Alison Croggon, Bastei-Lübbe

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