Alcatraz und die dunkle Bibliothek

Erschienen: Januar 2008

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Carsten Kuhr
Die Geschichte eines Waisenknaben, der auszog, kein Held zu werden

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Mär 2008

Mein Name ist Alcatraz Smedry. Ich bin kein lieber Mensch. Ich weiß, Viele meinen, dass ich der Retter der freien Königreiche bin, überall werde ich als Lichtfigur gelobt, doch eigentlich bin ich nur ein Feigling. Als Waise wurde ich von Pflegeeltern zu Adoptiveltern weitergereicht, denn wie alle meiner Familie habe ich eine besondere Gabe - ich machen Dinge kaputt.

An meinem dreizehnten Geburtstag erhielt ich ein Päckchen von meinen Eltern. Mein Geburtstagsgeschenk - ein Säckchen Sand! Man muss sich das einmal vorstellen, da höre ich von meinen Erzeugern seit meiner Geburt nichts, werden vom Jugendamt wie sauer Bier angeboten und von Familie zu Familie verschoben und dann das. Ein kurzer Gruß und ein Säckchen Sand!

Dass es sich dabei um den Sand von Rashid handelt, aus dem man ganz besondere Linsen brennen kann, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt genauso wenig, wie dass unsere Welt drei zusätzliche Kontinente besitzt und von einer Sekte aus Bibliothekaren beherrscht wird.

Sind sie jetzt verwirrt? Dann wissen sie, wie es mir ging, als am Tag nach meinem Geburtstag plötzlich mein Großvater väterlicherseits mit solchen Neuigkeiten in der Tür stand. Ich, gerade dabei, die Designerküche meiner Pflegefamilie abzufackeln, lerne plötzlich ein echtes Familienmitglied kennen. Auch wenn der schrullige Opa, dessen Gabe im zu spät kommen besteht, nicht unbedingt der Traum meiner einsamen Nächte ist, ist er immerhin etwas, das ich bis dahin schlichtweg nicht gekannt habe - Familie.

Dass er einen Oldtimer fährt, der sich selbst steuert, dass ich zwei Cousins habe, die ein wenig - na, sagen wir einmal vorsichtig ausgedrückt - merkwürdig sind, eine Leibwächterin mit einer ziemlich harten Handtasche und keinerlei Sinn für meinen Humor hat - meine Nase kann ein Lied davon singen -, dass sie alle mir von einem magischen Königreich und ultra-bösen Bibliothekaren erzählen, vergessen wir da mal lieber ganz schnell. Bis, ja bis mir der Sand gestohlen wird, ein Beamter des Jugendamts auf mich schießt und wir, als Diebe die örtliche Hauptbibliothek heimsuchend, vom dem Bösewicht schlechthin, einem dunklen Okulator, gestellt und gefangen genommen werden.

Sie wollen wissen, wie es weitergeht - lesen sie doch mein Buch. Aber Vorsicht, lassen sie sich ja nicht von den Bibliothekaren dabei erwischen, sonst geht es ihnen schlecht ...

Frech, temporeich und ungewöhnlich - Erinnerungen an Bartimäus kommen auf

Was ist das für ein Buch, das zwar in der Taschenbuchreihe des Heyne Verlages erscheint, aber als vertiables Hardcover daherkommt? Man kann nur vermuten, dass der Verlag die Mehrausgaben, die sich im Preis erstaunlicherweise nicht niederschlagen, für eine gute Investition hält. Man erwartet offensichtlich viel vom Werk, und mit entsprechenden Erwartungen ging ich an die Lektüre.

Und wirklich, der Inhalt nahm mich sofort gefangen. Geschickt versucht der Autor, uns einen etwas anderen Helden zu präsentieren. In einem bewusst frechen Ton gehalten, berichtet dieser uns understatement-mäßig und mit viel augenzwinkerndem Humor von seinen Erlebnissen. Das erinnert, gerade in seiner Art der Erzählung, ein wenig an Jonathan Strouds ";Bartimäus", geht inhaltlich aber ganz andere, eigene Wege.

Erwähnenswert, dass wir von dem Weltengefüge, auf dem Sanderson seine Handlung aufbaut, noch recht wenig erfahren. Es gibt offensichtlich ein magisches Königreich, in dem Sand und aus Sand gefertigtes Glas die Rolle der Technik übernommen haben, und eine Kaste böser Bibliothekare, die nicht nur unsere Welt unter ihre Herrschaft gezwungen haben, sondern auch dabei, sind die Königreiche zu erobern. Vieles bleibt hier im Ungewissen, wird allenfalls angedeutet, mehr noch nicht.

Stattdessen besticht der Autor mit seinen markanten Figuren. Das sind Persönlichkeiten abseits des Gängigen, Personen mit vielfältigen Facetten. Dabei lässt Sanderson auch hier seinen Leser anhand der Art und Weise, wie die Protagonisten agieren, selbst Schlüsse ziehen und kaut ihnen nicht alles mundgerecht vor. Mit unserem sympathischen Tunichtgut, dessen Schicksal uns anrührt, dessen unprätentiöse Art ihn liebevoll und nachvollziehbar zeichnet, ist dem Autor ein Glücksgriff gelungen. Durch dessen staunende, so manches mal geschockte Augen lernen wir Verbündete und Gegner kennen und werden behutsam in die ungewohnte Welt der Königreiche eingeführt.

Das liest sich wie von selbst, man kann die Seiten kaum schnell genug umblättern, um zu erfahren, wie es nach dem nächsten Cliffhanger weitergeht. Stilistisch unauffällig präsentiert sich der Text voller unerwarteter Wendungen rasant und temporeich, so dass die Zeit bis zur Fortsetzung, die erst im Januar in den USA erschien, lang werden wird.

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