Tod auf Widerruf

Erschienen: Januar 1969

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Michael Drewniok
Mördersuche im toten Opferhirn

Rezension von Michael Drewniok Jan 2022

In dieser Zukunft hält sich der nordamerikanische Kontinent unter einen elektromagnetischen Schutzschild vor den Bomben gefährlich gewordener Fremd-Mächte verborgen. Die Menschen leben meist auf dem Land, Städte sind selten geworden; hier arbeitet und produziert man, hier kann man sich amüsieren, aber nur noch wenige Amerikaner wollen in der Stadt leben.

Das Verbrechen gedeiht weiterhin im urbanen Umfeld. Unter der gelangweilten Jugend grassiert ein neuer Nervenkitzel: Man überfällt und ermordet arglose Mitbürger! Die Polizei hat neuerdings allerdings ein As im Ärmel. Die RID-Abteilung („Rekonstruktion und Identifizierung“) profitiert von der Erfindung einer sorgfältig geheim gehaltenen Maschine, die dem toten Hirn eines Mordopfers die dort gespeicherten Erinnerungen entreißen kann. Allerdings muss dies binnen drei Minuten geschehen, und es muss ein sog. „Prüfer“ an besagte Maschine angeschlossen werden, der diese organischen Daten ‚auslesen‘ kann.

Robin Carver ist ein solcher Prüfer. Er wird beruflich ‚ermordet‘, wenn er die letzten Lebenssekunden eines Opfers miterlebt, hat aber in der Regel zuvor den Mörder ‚gesehen‘, der aufgrund dieser Informationen rasch identifiziert und verhaftet werden kann. Früher war Carver ein Geheimagent, wurde aber als „zu labil“ entlassen. Das als Agent Erlernte hat er aber nie verlernt, was ihm hilft, als er in ein Komplott gerät: Offensichtlich hat sich Whitcliffe, der RID-Chef, an eines der kriminellen Syndikate der Stadt verkauft. Whitcliffe hat sowohl die Polizei als auch den Geheimdienst auf seiner Seite, weshalb Carver rasch in Lebensgefahr gerät …

Interessante neue Welt

Die Handlung startet vielversprechend. Man liegt sicher richtig, wenn man die hier geschilderte Zukunft etwa auf das Jahr 2030 datiert. Autor Bulmer entwirft eine Welt, in der sich der gesamte nordamerikanische Kontinent unter einen „Schild“ geflüchtet hat, nachdem nicht nur bekannte Global-Konkurrenten, sondern auch allerlei Schurkenstaaten über die Atombombe - zum Zeitpunkt der Veröffentlichung = während des „Kalten Kriegs“ eine apokalyptische Drohung - verfügen.

Dass der „Schild“ nie geprüft wurde, ist ein Hinweis darauf, dass er seine Funktion womöglich überlebt hat. Bulmer nimmt dies als Anlass für ein Geschehen, das zunächst locker die eigentliche Handlung unterfüttert, um sich nach und nach in den Vordergrund zu schieben, bis sich endlich der eigentliche Plot enthüllt.

Bis es soweit ist, erzählt Bulmer eine Kriminalgeschichte, die das Genre geschickt mit der Science Fiction verknüpft. Selbstverständlich hat die Ermittlungsarbeit Fortschritte gemacht. Obwohl bereits 1969 erschienen, deutet der Autor erstaunlich weitsichtig eine Zukunft an, die Naturwissenschaft und Technik so verknüpft, dass es vertraut klingt: Nanotechnik und ressourcenproduzierende Bakterien gibt es inzwischen tatsächlich.

Stabilität ist Statik

Auch gesellschaftlich dreht Bulmer an einem großen Rad. Die Stadt hat ihre über Jahrtausende entwickelte Funktion verloren. Weil es die erwähnte Technik ermöglicht, hat sich die Bevölkerung Nordamerikas dezentralisiert. In die Stadt fährt man, weil man dort arbeitet oder etwas erleben will. Wer dort lebt, genießt einen Außenseiterstatus (oder leidet darunter).

Der Frieden hat freilich Schattenseiten. Amerika hat sich vom Rest der Welt abgeschottet. Was dort vorgeht, wird ignoriert. Ein wirtschaftlicher Austausch ist nicht mehr notwendig. Politische Bande wurden gekappt. Die Isolation sorgt offensichtlich für Stagnation bzw. Degeneration. Es fehlen Anregungen von außen. Vor allem die Jugend vermisst Herausforderungen. Sie sucht sich folgerichtig ihren Nervenkitzel selbst - und findet sie, indem sie Mitmenschen ‚jagt‘ und tötet.

Hier knüpft Bulmer an, indem er uns den Arbeitsalltag des Prüfers Carver schildert, der die Polizei als ‚Gehirnleser‘ unterstützt. Knapp, aber anschaulich wird beschrieben, wie der typische Einsatz in einem Mordfall abläuft. Das RID-Team rückt an Bord von „Technik-Luf 3“ - einem turbinenbefeuerten Luftkissenfahrzeug - aus, um innerhalb der Drei-Minuten-Frist den Tatort zu erreichen. Carver ist ein unterhaltsam gebrochener Charakter, dessen Biografie nach und nach aufgedeckt wird. Wir lernen seine Kollegen (und Kontrahenten) kennen, wobei Bulmer geschickt Andeutungen auf ein Hintergrundgeschehen einstreut, dass die RID-Technik als Instrument eines Komplotts bloßstellt.

Verbrecherjagd und Staatskomplott

Hier verliert die bisher dichte Story an Dichte und Stringenz. Henry Kenneth Bulmer (1921-2005) gehörte zu den Handwerkern des SF-Genres. Er lieferte abenteuerliche Garne, die er mit einschlägigen Effekten (Gewalt und Sex) ‚aufpeppte‘. Außerdem war Bulmer ein Autor, der wie am Fließband schrieb, weshalb er oft auf längst vorgeprägte, bewährte Handlungskonzepte zurückgriff und auch Klischees nicht verschmähte.

Im letzten Drittel beginnt die bisher das Leserinteresse kontinuierlich schürende Story drastisch zu lahmen. Da die deutsche Übersetzung ausdrücklich als „ungekürzt“ bezeichnet wird, ist dies wohl dem Verfasser anzulasten, der plötzlich nicht nur das Gaspedal durchdrückt, sondern auch das Steuer loslässt. Die Handlung beginnt zum Teil absurde Kapriolen zu schlagen. Reine, jegliche Originalität meidende Haudrauf-Action tritt an die Stelle des bisher strukturierten Ereignisfortschritts. Dazu gehört der Auftritt stereotyper ‚Helden‘ und ‚Schurken‘, die schießen, statt zu fragen.

Zwar sorgt Bulmer für einen finalen Aha-Effekt, indem er das Komplott als Akt eines wahrlich unkonventionellen Neustarts deutet. Dass im Rahmen der dafür erforderlichen Maßnahmen diverse Pechvögel (= unfreiwillige Zeugen und Spielverderber) ins Gras beißen mussten, wird vom Hauptverantwortlichen bedauert. Folgen wird es wohl nicht haben. Wo gehobelt wird, fallen Späne bzw. Der Zweck heiligt die Mittel: So sieht das Autor Bulmer offenbar. Dies ist eine Auflösung auf „Pulp“-Niveau und verrät die interessante Prämisse.

Fazit:

In den Kulissen einer sparsam, aber erzählökonomisch entworfenen Zukunft spielt eine Geschichte, die als ‚SF-Krimi‘ einsetzt, sich aber zu einem Schema-F-Komplott entwickelt. Was durchaus verheißungsvoll startet und lange kompetent unterhält, enttäuscht durch eine dahingeschludert wirkende Auflösung.

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