Teuflisches Genie

Erschienen: Januar 2008

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Frank A. Dudley
Lass dich nicht erwischen!

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Mai 2008

Der siebenjährige Cadel Piggott ist ein Genie - allerdings ein gefährliches. Mit der unverdorbenen Neugier eines Kindes und der Brillanz eines doppelten Nobelpreisträgers wirft er sich in seine Lieblingsbeschäftigung: Systeme jeglicher Art studieren, analysieren und sie zum Einsturz bringen. Seine Adoptiveltern und Lehrer sind rat- und machtlos, die Polizei ebenso. Klar ist, dass alle den hyperintellektuellen Jungen davon abhalten wollen, regelmäßig die Netzwerke der städtischen Verkehrsbetriebe oder der Regierung zu hacken. Schließlich bringen seine Eltern Cadel bei dem Psychologen Dr. Thaddeus Roth unter. Einmal wöchentlich soll der zwar als unorthodox geltende, jedoch hervorragende Therapeut den Jungen unter anderem davon überzeugen, dass Computer nicht zum Schaden anderer eingesetzt werden dürfen. Doch es kommt gaaanz anders...

Denn was Dr. Roth auf keinen Fall vorhat, ist den jungen Cadel von seinen illegalen Umtrieben abzuhalten, ganz im Gegenteil: Er will einen professionellen Verbrecher aus ihm machen. Doch keinen ordinären, der nachts Tankstellen ausraubt, nein, Cadel soll da weitermachen, wo sein derzeit in strengster Einzelhaft einsitzender Vater, der berüchtigte Dr. Phineas Darkkon, zwangsweise aufhören musste. Bei nichts geringerem als der Erringung der Weltherrschaft. Anweisungen erhält der Thronfolger per DNA-gesteuerter Nano-Kommunikationstechnologie, die Darkkon in einem Hühnerauge verbirgt.

Cadel, der es als hyperintelligenter Überflieger satt hat, ständig die Zielscheibe seiner neidischen Mitschüler zu sein, steigt voll ein. Er perfektioniert in den folgenden Jahren seine bisherigen Fähigkeiten so sehr, dass ihm bei aller Perfidität seiner Eingriffe in die öffentliche Ordnung nun auch nichts mehr nachzuweisen ist. Mit vierzehn überstellt ihn sein Mentor Dr. Roth an eine weiterführende Schule, das Axis Institut. Gründer und Stifter: Dr. Phineas Darkkon. Dort soll der aufstrebende Superverbrecher Kurse belegen, unter anderem in ";Grundlagen des Lügens", vulgo ";Realitätsvermittlung", ";Fälschen" (auch: ";Kulturgeschichte") und ";das Absolute Böse", offiziell unter ";Pragmatische Philosophie"im Vorlesungsverzeichnis zu finden.

So seltsam wie sein Stundenplan, so ungewöhnlich sind auch seine Kommilitonen: Etwa Abraham Coggins, der im Selbstversuch Vampire erschaffen will, der Pyrogeniker Clive Slaughter oder Gazo Kovacs, dessen Körperausdünstungen in Stresssituationen derart betäubend sind, dass er permanent einen luftdichten Schutzanzug tragen muss. Die Studenten werden zudem ermuntert, nichts und niemandem zu glauben, alles zu unterwandern und ihre Rivalen auch zu ermorden, falls nötig. Außerdem ist die Erpressung der Lehrkräfte eine alltägliche Übung.

Cadel kommen keine Zweifel an seinem Tun, und so versucht er das komplizierteste aller Systeme zu knacken: Menschliche Beziehungen. Zwar gelingt es ihm, alle Lehrkräfte gegeneinander auszuspielen. Doch als ein Mord geschieht, bricht seine eigene innere Ordnung zusammen. Nun muss er sich auf seine einzige Freundin stützen, die ebenfalls extrem hochbegabte Kay-Lee. Allerdings hat er sie noch nie gesehen, ihre Beziehung existiert nur online, und Cadel ist so ungeschickt, dass sie fast in die Brüche geht.

Der Sohn des Blofeld?

Spontan denkt man an Blofeld, den superbösen Superkriminellen, der die Weltherrschaft erringen will, und dass er nun einen Sohn hat. Auch das Axis Institut könnte die Eliteschule der Organisation SPECTRE ("Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion") sein. Und Cadel hat auch alle Ansätze, das Verschwörungsspiel mitzumachen. Doch er überlegt es sich anders.

Catherine Jinks vermeidet auch jegliche Ansätze, aus dem Cadel und seiner Schule eine Art Anti-Potter und Anti-Hogwarts zu machen. Beim lesen kommt dieser Gedanke denn auch nicht auf, so schwarzhumorig und gallig ist oft der Humor, mit dem die Australierin ihren pubertierenden Protagonisten durch die Handlung treibt. Zwar dauert es eine Weile, bis das komplexe Setting steht, doch es zahlt sich aus, am Ball zu bleiben. Denn ab der zweiten Hälfte des Buches nehmen das Tempo und der Lesegenuss stetig zu, wozu das komlizierte Flechtwerk aus den Beziehungen des Axis-Lehrkörpers, ihre mehr als arkanen Studien und Cadels beinahe irrwitzige Pläne unbedingt beitragen.

Doch neben all den Vampir-DNA-Experimenten und Nanotech-Gimmicks steht eigentlich Cadels emotionale Reifung im Mittelpunkt. Sie vollzieht sich langsam und stetig, und der Autorin gelingt es dabei, nie den moralischen Zeigefinger zu heben. Obwohl als SF-Thriller-Schmöker für Jugendliche angelegt, ist das Buch bestens geeignet, auch Erwachsene hervorragend zu unterhalten. "Teuflisches Genie" zeigt, dass Young Adult längst zu All Age geworden ist. Und das nicht zum Nachteil des Genres.

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