Die Bestie

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1979
  • 1
Die Bestie
Die Bestie
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Michael Drewniok
75°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2008

Die Bestie vor dir ist die Bestie in dir

In einer nicht näher definierten Zukunft ist die Zeitmaschine Realität geworden. Zwar dient sie auch der Wissenschaft, doch haben vor allem die Reichen, Schönen & Rücksichtslosen sie als Spielzeug entdeckt: Wer alles schon erlebt zu haben glaubt, bucht eine Reise 100 Millionen Jahre in die Urzeit, um dort auf Dinosaurier-Jagd zu gehen. Mit der Beute und diversen Beweisfotos lässt man sich nach der Rückkehr als ´Held´ feiern.

Falls man überlebt, denn die Zeitreisen sind nicht ungefährlich. Obwohl die betuchten Jäger mit Schutzanzügen und Hightech-Waffen ausgerüstet und von kundigen Jagdführern begleitet werden, fallen sie regelmäßig den zwar riesigen aber schnellen und angriffslustigen Sauriern zu Opfer. Dieses Mal rechnen Megan und Loevil, die beiden Führer, sogar fest mit Verlusten, denn die Jagd in der späten Kreidezeit gilt ausdrücklich dem gewaltigsten Landraubtier aller Zeiten - dem Tyrannosaurus Rex. Vor allem der Ethab, der Anführer der sechsköpfigen Gruppe, verfolgt dieses Ziel mit einem Ehrgeiz, der an Besessenheit grenzt. Den Anweisungen der Führer weigert er sich Folge zu leisten.

Drei Tage wird die Jagd dauern. Doch schon nach der Ankunft kommt es zur Katastrophe. Interne Spannungen lenken die Teilnehmer ab. Man streitet und verlässt sich allzu sehr auf seine Ausrüstung. Als man dennoch dem Tyrannosaurier auf die Spur kommt, erweist sich alle Vorbereitung als nutzlos. Die gigantische Bestie kommt über die überraschten Jäger, tötet mehrere und zerstört, was eigentlich schützen sollte. Die Überlebenden wollen Revanche, aber sie müssen feststellen, dass die Echse buchstäblich Blut geleckt hat. Unermüdlich und ohne Gnade verfolgt sie ihre ´Jäger´, die durch den urzeitlichen Dschungel dorthin hetzen, wo man sie mit der Zeitmaschine abholen wird. Der Weg ist lang und mühsam, und wer nicht mithalten kann, wird der Bestie zum Opfer fallen ...

Ungeheuer unter sich

"Die Bestie": eine Geschichte auf zwei Ebenen. Da ist vordergründig die Schilderung einer Urzeit-Jagd, die im Desaster endet. Dschungelabenteuer und Zeitreisen haben ihren festen Platz in der Science Fiction. Diese hier ist anders. Man erwartet den üblichen Technobabbel, mit dem der Verfasser zumindest vorgibt die Zeitreise plausibel zu ´erklären´. David Gerrold spart sich das. Nicht einmal die genaue Beschreibung des Gerätes kann beeindrucken; es ist nicht wichtig für das Geschehen, sondern nur ein Instrument, das es ermöglicht die Protagonisten in die Vergangenheit zu transportieren.

Anders denkt der Autor über die Ausrüstung. Er nimmt sich viel Zeit, beschreibt sie detailliert, führt ihre tödliche Wirkung vor. Damit bereitet er die böse Überraschung für unsere acht Abenteurer vor: Sie sehen und hören theoretisch alles, was in ihrer Umgebung kreucht und fleucht, und verfügen über Waffen, deren Zerstörungspotenzial fast lächerlich ist. Dennoch sind die nutzlos, ihre Besitzer keine Jäger; sie mimen Überlegenheit, wo sie nur arrogante Eindringlinge sind. Die ´Bestie´ ist dagegen ein Wesen, dass in seiner Urwelt König und deshalb unüberwindlich ist.

Das Gepäck beschränkt sich nicht auf Waffen. Gerrold lässt nicht nur staunen sondern kann mehrfach verblüffen. So schildert er 1978 die Fotografie der Zukunft - und stellt den Lesern exakt eine Technik vor, die im 21. Jahrhundert als Digitalkamera Realität und Allgemeingut geworden ist.

Dieses Mal wird kein weißer Wal gejagt

Die Jagdgruppe reist in die Kreidezeit, denn nur hier kann sie die ultimative Beute finden: den Tyrannosaurus Rex, der selbst dem naturwissenschaftlichen Laien ein Begriff ist. 16 Meter lang und 9 Meter hoch war dieser viele Tonnen schwere Koloss, dessen Maul mit steakmesserlangen Zähnen besetzt war. Als mindestens ebenbürtiger Gegner überzeugt dieses Tiers problemlos. Die urzeitliche Welt weiß der Verfasser überhaupt anschaulich (nach zeitgenössischem, teilweise überholten Kenntnisstand; der T. Rex lebte eher vor 65 als vor 100 Mio. Jahren, und inzwischen wurden noch größere Raubsaurier entdeckt) zum Leben zu erwecken; hier gibt es außer der Todesbestie noch manche andere Schrecken zu fürchten aber auch Wunder zu bestaunen.

Für Gerrold ist der Saurier nicht nur als Kreatur, sondern auch oder sogar vor allem ein Symbol. Er hebt den T. Rex auf eine mystische Ebene, beschwört mit ihm wie mit "Moby Dick" die ´Bestie´ herauf, die dunkle Bedrohung, der dem Untergang, der die Jäger erwartet, ein Gesicht gibt. Man sollte meinen, dass diese sich von ihren Vorurteilen, Fehlern und Konflikten freimachen, um sich dem Schrecken stellen oder umkehren zu können. Weit gefehlt: Obwohl die Bestie ihnen auf den Fersen ist, schleppen die Besucher schwer am mitgebrachten emotionalen Ballast. In der Zukunft blieben sie von den Folgen verschont, doch in der Kreidezeit entfällt der Schutzmantel, den die Zivilisation bot. Die ´Jäger´ erkennen dies zu spät oder gar nicht. Der Lernprozess ist schmerzhaft, denn wer die Prüfung nicht besteht, auf den oder die wartet die Bestie.

Acht Menschen an denkbar falscher Stätte

Was sind das für Personen, die in die Kreidezeit reisen? Sie werden uns nie wirklich vorgestellt, sondern enthüllen im Verlauf des Geschehens wenige Episoden ihres ´realen´ Lebens. Nicht einmal Namen geben ihnen Profil; sie wirken fremd und nichtssagend: Ethab, Megan, Loevil, Nusa, Tril, Eese, Kalen, Dorik. Welches Geschlecht sich hinter diesen Namen verbirgt, müssen wir uns aus dem Geschehen zusammenreimen. Es ist freilich unwichtig, wer Mann und wer Frau ist - die menschlichen Fehler der Zukunft werden gleichberechtigt begangen.

Einige Figuren gewinnen langsam Konturen. Ethab ist der Ahab dieser Geschichte - ein wie sein Vorbild auch körperlich versehrter Mann mit einem alle Vernunft und Menschlichkeit sprengenden Jagdtrieb, der die Grenze zum Wahnsinn bereits überschritten hat. Er wütet gegen die berechenbar und langweilig gewordene Zukunft und fokussiert seinen Weltschmerz auf die Bestie. Seine ´Gefährten´ sind Ethab eher störend, er ignoriert sie, reizt sie zu seinem sadistischen Vergnügen und missbraucht sie sogar als Köder für ´seine´ Bestie. Nicht nur dem Leser wird bald klar, dass Ethab nur bis zum finalen Duell mit Moby Rex vorausplant. Auf die Rückkehr zur Zeitmaschine, die ihn und die anderen Jäger abholen soll, verschwendet er keinen Gedanken.

Das übernimmt Loevil, der Führer, der sich dem aggressiven Ethab jedoch kampflos unterwirft. Loevil ist ein Mann ohne die Kraft oder den Willen, seine Position als Anführer zu behaupten. Er gibt vor im Hintergrund abzuwarten, bis Ethab sich in seinem Fanatismus selbst vernichtet, um dann die Führerrolle wieder zu übernehmen. Dass er jene Mitglieder der Gruppe, die Ethabs Besessenheit fürchten, damit im Stich lässt, ist ihm zu lange gleichgültig.

Letztlich muss auch Ethab begreifen, dass er der Bestie, jener Inkarnation ihrer urzeitlichen Welt, nicht gewachsen ist. Die Erkenntnis erfolgt gleichzeitig mit der (kitschigen) Erfüllung seines geheimen Todeswunsches. Ahab hat seinen Frieden endlich gefunden. Den Preis zahlen seine Jagdgefährten.

Wortgewalt und Actiongetümmel

Die ´Moral´ dieser Geschichte mag holzschnitthaft wirken; Gerrold ist nicht Herman Melville, will es auch sicher nicht sein, und der T-Rex ist weniger Moby Dick als King Kong; "Deathbeast" entstand nach eigener Aussage auf der Basis eines nie realisierten Drehbuchs, und das Cover der US-Originalausgabe weist deutlich auf die Nähe zur "Pulp"-SF hin. Dennoch ist der Roman mehr als ein simples Abenteuergarn. Sein schriftstellerisches Handwerk beherrscht Gerrold. Zugeständnisse macht er nicht. Die ´filmische´, sehr bildhafte Handlung bleibt auf die Gruppe fokussiert. Wir begleiten sie während der drei Tage, die sie vor der Bestie davonlaufen. Es gibt keine Rückblenden, kein allwissender Erzähler erhebt sich in die Luft, um uns mehr sehen und wissen zu lassen als die Protagonisten. Wenn der T-Rex kommt, dann überrascht er uns ebenfalls.

An blutiger Action mangelt es der ";Bestie" nicht. Der Hardcore-Leser wird womöglich trotzdem nicht auf seine Kosten kommen. Gerrold nimmt sich viel Zeit für detailreiche Landschafts- und Stimmungsbilder. Dabei geht er überaus wortreich vor, flicht Betrachtungen über die Entstehung des Lebens und die scheinbare Unerbittlichkeit der Evolution ein. Ebenso ausführlich widmet er sich dem Seelenleben seiner Figuren. Manchmal sitzen sie seitenlang tatenlos zusammen, diskutieren, streiten, intrigieren. Diese Passagen gleichen in ihrer Intensität den wilden Kämpfen mit der Bestie und anderen Sauriern; Gerrold ist es wichtig, die Inhomogenität der Gruppe darzustellen. Dabei übertreibt er freilich gern, arbeitet mit Klischees und wird ausschweifend, wo er sich kurz fassen sollte. Nein, große Literatur ist "Die Bestie" wirklich nicht, aber ein Roman, der beweist, dass "Unterhaltung" nicht "Verdummung" sein muss.

Die Bestie

David Gerrold, Heyne

Die Bestie

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