Sieben Tage

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2008
Sieben Tage
Sieben Tage
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Jochen König
50°

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2008

Die derangierte Welt des Peter Crumb

Eigentlich eine ganz normale Woche. Beginnt am Montag, endet Sonntags. Doch für Peter Crumb soll sie etwas besonderes sein. Die letzte seines Lebens. Um sie zu würzen und besonders melodramatisch zu gestalten, wird er in dieser Woche Nutten verprügeln, Menschen umbringen, Sterbende vergewaltigen, kurz, alles mögliche anstellen, damit die Welt ihn in übler Erinnerung behält. Dass er tatsächlich zum Medienstar wird, verdankt er aber am Ende einem ganz anderen Umstand. Involviert in einen Terroranschlag bekommt der eigentlich letzte Tag seines Lebens eine zynische Pointe.

Peter Crumb hat eine multiple Persönlichkeit entwickelt. Sein Ich erschafft den ";sündigen Mann" und dieser sündige Mann ist ein ";Er", den der Ich-Erzähler Crumb und sein Schöpfer Jonny Glynn immer dann aus dem Hut zaubern, wenn klar werden soll, wie gering Crumb sich selbst schätzt. Über Teile spielt ";Er" auch keine Rolle, Crumb scheint sein Alter Ego nach Belieben ausblenden zu können. Weiteres Mysterium: zum Zeitpunkt der Erzählung liegt die Folter und Ermordung von Crumbs Tochter Emma bereits Jahre zurück. Es wird nie klar, warum der schwächliche Crumb sich gerade jetzt entschließt, die Schlagzeilen des Tages für eine Woche per Mord nachzustellen. Vermutlich erlebt seine Psychose ihren Höhepunkt und Verfall, weswegen ein Zusammenbruch zwangsläufig ist. Dass der am Ende anders aussieht als erwartet, rechnen wir ";Sieben Tage" an. Nicht hoch, aber immerhin. Denn alles andere verläuft wie erwartet, keine Überraschung kreuzt Crumbs Weg, er jammert, er killt brutalst, er besucht seine ehemalige Liebste und steht am Ende genau wie am Anfang da: ein Jammerlappen, der so gerne beichten möchte, aber nicht mal das hinkriegt.

Es konnte nicht ausbleiben, das ";Sieben Tage" mit Bret Easton Ellis Roman ";American Psycho" verglichen wurde. Doch so sehr Glynn graphische Details der Morde ausmalt, an die explizite Darstellung in Ellis Roman kommt er nicht heran. Am Hintergrund von ";American Psycho" hat er sowieso kein Interesse. Der amerikanische Psychopath Patrick Bateman war das perfekte Abbild seiner Umgebung, ein Individuum, dass das Wesen der Warenwelt in sich aufgesogen hatte, dem die Oberfläche alles war, von bezahlbarem Tand mit Produktkennungen bis zur Haut, die man für ein paar Komplimente, Drogen und vorgebliche Anteilnahme ihren Trägerinnen abziehen konnte. Das ist definitiv nicht die Welt des Peter Crumb. Er ist ein Schwächling, der über die Schicksalsschläge seines Lebens flennend räsoniert und schließlich entscheidet, dass kein Leben etwas wert sei. Nicht umsonst und recht plakativ ist Hiob sein biblischer Held. So sieht und bemitleidet er sich gerne auch selbst; ein armseliger Hiob, mit dem Unterschied zur Bibel, dass er zurückschlägt.

";Sieben Tage" hat seine Meriten; es vermag durchaus zu fesseln, Glynn besitzt das schriftstellerische Geschick, den Leser hineinzuziehen in die derangierte Welt seines Protagonisten. Doch je weiter das Buch voranschreitet, um so unerheblicher wird, ob es sich bei Crumbs Innenansichten um Wahn oder Wirklichkeit handelt. Denn es ändert sich nichts. Jeder Tag ist gleich: langweilig, banal gefüllt mit den winselnden Reflektionen Peter Crumbs. Wenn er sich auf brutale Weise entlädt, wirkt das auch nur plakativ, hat weder die Kraft noch den Willen zur letzten Abscheulichkeit, um den Leser tatsächlich zu provozieren. Das ist nicht ungeschickt gemacht, kann sich immer darauf heraus reden: ";Der wirkliche Schrecken entsteht nur im Kopf des Betrachters", kneift aber letztlich beim Versuch, eine Welt zu zeigen, deren Nervenbahnen nachhaltig gestört bzw. in der Auflösung begriffen sind.

Weit mehr als zu ";American Psycho" weist ";Sieben Tage" Ähnlichkeiten zu Chuck Palahniuks ";Fight Club" auf (die aber nicht zugunsten Glynns Buch ausfallen). Doch wo die Intention des ";Fight Clubs" den Versuch einer Befreiung zumindest andeutet, verharrt Glynn im Statuarischen. Ein knapper, wenn auch gelungener Schlussgag macht die offensichtliche Konstruiertheit des Vorangegangen nicht wett. Für zartbesaitete Zeitgenossen ist der Roman sowieso nichts, denn neben den anschaulich geschilderten Morden beliebt Peter Crumb auch genauestens die Konsistenz und Qualität seines Stuhlgangs zu beschreiben. Wer's braucht...

PS.: Die Verweise auf Dostojewskijs ";Verbrechen und Strafe" (Schuld und Sühne) sind hanebüchen. Peter Crumb lotet keine moralischen Grenzen aus. Ihn interessiert moralische Ambivalenz wenig. Er will nur einen Ausgleich für die ihm zugefügten Schandtaten (angefangen vom möglichen Missbrauch durch seinen Vater bis zur Ermordung der Tochter). Glynn möchte den Leser so gern einen Blick in die Hölle moralischer Befindlichkeiten werfen lassen. Doch die sich selbst bemitleidende Weinerlichkeit Peter Crumbs untergräbt dieses weiterführende Ansinnen permanent.

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