Aurora

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2008
Aurora
Aurora
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Holger Schmidt
90°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2008

Ein Taschenbuch im Breitwandformat

Um den fernen Planeten Yellowstone kreist das Glitzerband, eine Ansammlung von 10.000 Habitaten. Diese Habitate gleichen selbstständigen Städten, deren unterschiedliche, menschliche Gemeinschaften nur von ihrer Regierungsform, einer radikalen Demokratie, zusammengehalten werden. Hierdurch genießen die Bewohner größtmögliche Freiheiten. Einzige Voraussetzung dabei ist, dass auf demokratischem Wege entschieden wird. Ihre Stimme geben die Menschen durch die Abstraktion' ab, ein Datennetzwerk, das alle Habitate miteinander verbindet.

Und so tummeln sich im Glitzerband demokratische Gemeinschaften neben selbst gewählten Tyranneien; Habitate, die dadurch ihren Lebensunterhalt bestreiten, dass sie bei den Abstimmungen besonders "weise" stimmen, neben solchen, die ausgeloste Bewohner, nur zur Unterhaltung, auf bestialische Weise ermorden lassen.

Über die Einhaltung der demokratischen Regeln wacht die Organisation Panoplia, geleitet von Oberpräfektin Jane Aumonier. Doch die Handlungsfreiheit Panoplias ist eingeschränkt, nur gegen Verstöße, die direkt das demokratische System betreffen, dürfen ihre Präfekten vorgehen. Über weitere Maßnahmen, z.B. den Einsatz von nicht zur Standardausrüstung der Agenten gehörenden Waffen, muss zuerst durch die Abstraktion entschieden werden.

Einer ihrer Außendienstpräfekten ist Tom Dreyfus. Als eines der unzähligen Habitate explodiert, hat er die Aufgabe, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Anfänglich sieht alles nach einem Racheakt aus, doch der Vorfall zieht immer weitere Kreise, die das Glitzerband letztlich bis an den Rand der vollkommenen Auslöschung bringen könnten. Bei seinen Ermittlungen stößt Dreyfus immer wieder auf zwei Personen: Zum einen ist da die geheimnisvolle Aurora, die den Namen eines vor langer Zeit bei einem gewagten Experiment gestorbenen Kindes trägt. Auf der anderen Seite scheint ein nichtmenschlicher Serienmörder, der angeblich vernichtet wurde, immer noch im Glitzerband sein Unwesen zu treiben. Der Uhrmacher wird unter anderem auch für den Tod von Dreyfus' Frau verantwortlich gemacht.

Er kann es nicht lassen

Mit Aurora entführt Alastair Reynolds den Leser erneut in das Unendlichkeit-Universum, seine großangelegte Zukunftssaga, in der nun schon der fünfte Roman vorliegt. Dabei ist dieses Buch ein eigenständiger Roman, der auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Trotzdem schadet es nicht, Reynolds' Welt zu kennen, denn der Autor wirft den Leser mitten in die Handlung und bombardiert ihn schon auf den ersten Seiten mit vielen fremden Begriffen, die sich selbst nur allmählich erklären.

Es ist ein düsteres Universum, in dem die Menschen den Sprung zu den Sternen geschafft haben. Während die menschliche Gesellschaft sich in verschiedene Gruppen zersplittert hat, ist sie nie auf Außerirdische gestoßen, mit denen sie auf konventionelle Weise hätte kommunizieren können. Die Distanzen zwischen den besiedelten Welten sind groß, und in den Weiten des Alls lauert noch manch übermächtiger Gegner. Obwohl Reynolds dem Glitzerband mit vielen farbenreichen Details Leben einhaucht, driftet er dabei nie in eine bunte, comicartige Welt ab und bleibt stets bei einer dunklen Grundstimmung. Auf gewohnt virtuose Weise verknüpft der Autor das Schicksal seiner Charaktere miteinander und gibt - bei einigen erschütternden Szenen - noch einen Schuss Horror hinzu.

Interessant sind besonders die ungewohnt ideologischen Aspekte des Romans. Daran, dass das politische System des Glitzerbandes' erhaltenswert ist, lässt Reynolds keinen Zweifel. Dabei führt er dem Leser alle Facetten seiner fiktiven radikalen Demokratie' vor. Eine Schlüsselszene des Romans ist der Moment, als Jane Aumonier und ihre Präfekten eine folgenschwere Entscheidung treffen müssen: Sollen sie die demokratische Entscheidungsfindung umgehen und ohne Erlaubnis Waffen einsetzen, dabei tausende Unschuldiger töten um Millionen zu retten, oder sollen sie sich darauf verlassen, dass die Abstraktion die richtige Wahl trifft und den Handlungsspielraum Panoplias erweitert?

Eigenständige Geschichte in einem großen Epos

Es ist beeindruckend, wie dieser Autor es schafft, mit schöner Regelmäßigkeit erstklassige SF-Romane abzuliefern. "Aurora" ist dabei in erster Linie ein Thriller, in dem es um die Ermittlungen von Tom Dreyfus und seinen Unterpräfekten geht. Das Buch spielt zeitlich zwischen anderen Romanen der Reihe und fügt sich wunderbar in das Unendlichkeit-Universum' ein, greift dabei bekannte Gegebenheiten auf, ohne diese zu überstrapazieren. Die Dramatik der Geschichte wird nicht bis ins Kleinste zerkaut, sondern verfeinert eine eigenständige Geschichte lediglich mit markanten Querverweisen. Hier entsteht langsam, Buch für Buch, ein Epos, das im Bereich der Space-Opera noch lange als das Maß aller Dinge gelten könnte.

"Aurora" ist ein fantastischer Roman, der kaum Wünsche offen lässt. Den Leser erwarten bei diesem bis zur letzten Seite spannenden Buch, noch einige überraschende Wendungen, viel Action und ungewöhnlich ideologische Töne. Eine definitive Kaufempfehlung - Reynolds in Bestform!

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