Der Drachenflüsterer

Erschienen: Januar 2008

Couch-Wertung:

85°
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Carsten Kuhr
Tom Sawyer goes Fantasy

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Okt 2008

Ben wünscht sich nichts mehr in seinem armseligen Leben, als Drachenritter zu werden. Wie man weiß, sind die bösen und gefährlichen Lindwürmer ganz zahm und dem Gott untertan, werden ihnen nur von einem der Drachenritter ihre Flügel abgeschlagen. Als Waise lebt er abseits eines behüteten Heims von kleinen Gaunereien, zur Schule geht er nicht, dem Tempelunterricht bleibt er auch fern. Nur einen richtigen Freund hat er, den Sohn des örtlichen Schmieds. Sein Schicksal scheint vorgezeichnet, bis ...

Als dann eines Tages eine neue Familie nach Trollfurt zieht und die seit einem Jahrzehnt aufgegebene Blausilber-Mine wieder geöffnet werden soll, ist das ein Freudentag für das abgeschieden gelegene Dorf. Arbeitsplätze soll es geben, neue Mitschüler ziehen ins Klassenzimmer ein und ein seiner Flügel beraubter friedlicher Drache kommt mit der Familie auch ins Tal. Neben 2 Söhnen hat der neue wichtige Mann im Dorf auch eine Tochter, in die sich alle Jungs Hals über Kopf verlieben - Ben ist da keine Ausnahme. Jeder darf dem Drachen über seinen Schulterknubbel, den Narbenwulst, der nach der Zwangsamputation der Flügel durch einen Drachenritter zurückblieb, streicheln. Das soll Glück bringen, nur Ben, der den Sohn des Minenbesitzer zur Begrüßung gleich anständig vermöbelt hat, ist ein unerwünschter Gast. Doch kein Zaun, keine Mauer ist hoch genug, als dass man Ben so einfach von seinem Traum fernhalten könnte. Während er des Nachts dann sein Glück zu rubbeln sucht, beginnt der Drache sich plötzlich mit ihm zu unterhalten. Können Drachen reden? Und warum hat er in seinen Armen so ein komisches Gefühl, wie wenn ihn tausend Nadeln pieksen? Als er an einem der nächsten Tage wiederkommt, sind die Wülste bereits aufgebrochen, ein neuer Flügel scheint sich zu entwickeln.

Als ein Drachenritter komplett inklusive betörender Jungfrau, die zum Anlocken eines Drachen unabdingbar ist, im Dorf auftaucht, überschlagen sich die Ereignisse. Ben, der den Ritter um Aufnahme in seinen Orden anging und von diesem vor allen Kneipenbesuchern ob seines Wunsches lächerlich gemacht wurde, stößt, angetrunken wie er ist, Drohungen gegen den Ritter aus.

Am nächsten Tag findet man den Ordensmann mausetot mit Bens Messer in der Brust. Klar, dass alle Welt annimmt, dass der Nichtsnutz seine Drohungen wahr gemacht hat. Ben bleibt nichts als die überstürzte Flucht. Auf seinem Weg rettet er einem Drachen seine Flügel, und schließt mit diesem Freundschaft. Als Drachenflüsterer, als Heiler und Vertrauter für Drachen machen sich die beiden daran, die gefangen gehaltenen und verstümmelten Artgenossen des Lindwurms zu befreien. Doch dann stoßen sie auf eine Spur - eine Spur zum König aller Drachen, eine Spur, die ausgerechnet heim nach Trollfurt führt ....

Ein Geschenktipp erster Klasse

Was hat sich der Heyne Verlag da für ein Weihnachtsgeschenk für jugendliche wie erwachsene Leser einfallen lassen. Mit 10 Euro sind Sie dabei - ein hochwertiges Hardcover ist es geworden, gefüllt mit einem Fantasy-Roman, der seine Leser verzaubern wird.

Boris Koch ist dem Freund phantastischer Literatur kein Unbekannter. In seiner ";Edition Medusenblut" legt er eigene wie fremde literarische Preziosen der zumeist kürzeren Art auf, mit ";Die Anderen" (Heyne Verlag) hat er eine Parodie auf die Völker-Romane veröffentlich, die herrlich mit allen Klischees spielt. Nun also ein Roman, der ernsthafter daherkommt, der weder bissig noch satirisch ist, der einfach ";nur" einen Plot um einen Jungen, dessen Schicksal und Drachen erzählt.

Kann Boris B. B. B. Koch das überhaupt? - Er kann!

Mit dem Charme eines Tom Sawyer und dem Witz eines Huck Finn unterhält uns der Wahlberliner stilistisch, wie von ihm nicht anders zu erwarten, ansprechend mit viel Unterhaltungswert und noch mehr Phantasie. Mit liebevoll gezeichneten Personen - natürlich inklusive der geschuppten Echsen -, Anekdoten und Geschichten zuhauf, dazu eine spannenden, überraschenden Handlung erinnert der Roman zu Beginn an Mark Twains Meisterwerk. In einem ähnlichen Tonfall wie Toms Streiche und Abenteuer verfasst, wobei Ben sicherlich eher an Huck Finn angelehnt sein dürfte, klischeefrei und spannend bietet sich das Schnäppchen zum unschlagbaren Preis dem Käufer an. Dabei streut er immer wieder Geschichten in der Geschichte ein, fügt Überlieferungen und Berichte, ja selbst ein Rezept für ein schmackhaftes Mahl aus Flügelgeschnezeltem, bei. Das zeigt, mit wie viel Eifer und Begeisterung der Autor bei seinem Buch war, und das merkt man dem Stoff auch an. Sicherlich wurden ähnliche Geschichten schon oft erzählt, doch selten so nett, einfühlsam und ansprechend wie vorliegend. Wer also nach einem nicht zu teuerem Geschenk sucht, das etwas hermacht, dem sei der ";Drachenflüsterer" ans Herz gelegt.

Der Drachenflüsterer

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