Kriecher - De Joco Suae Moechae 1

Erschienen: Januar 2001

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Elmar Huber
Besticht durch die Wortgewalt des Autors

Buch-Rezension von Elmar Huber Okt 2008

„Oft schon hatte die schattenhafte Gestalt sich ersehnt, diesen Moment zu erreichen. Unzählige Male hatte er gebetet, diese Situation erleben zu dürfen, und jetzt schwankten seine Gefühle zwischen der inneren Verhärtung, die ihm sein Wille aufzitierte, um diese Situation durchstehen zu könne, und der Hilflosigkeit, ein Spielball der Geschehnisse zu bleiben."

Ein Diener, der im Verlauf dieser Geschichten zum Herrscher wird

Ein Mörder, der über seinem Opfer weint. Ein Opfer, das früher seine Geliebte war. Eine Geliebte, die eine unverzeihliche Tat begangen hat. Nach dem Mord flüchtet sich der Täter in seiner Trauer in die dunklen Gassen der Hauptstadt, um dort einen langsamen Abschied zu nehmen von seinem bisherigen Leben. Er wird eins mit den Ausgestoßenen, dem Unrat und den Schatten. Doch etwas an ihm hat das Interesse der Göttin Medoreigtulb erregt. Sie steigt herab, um den Siechenden zu einem Ihrer Diener zu machen, ihn zu wandeln vom Menschen zu einem Geschöpf der Schatten.

„Nahrung des Daseins" beschreibt symbolisch Tod und Wiedergeburt. Wie eine inzestuös veranlagte Mutter erzieht Medoreigtulb ihr Kind, damit es ihr zu Diensten ist. Eine Enttäuschung führt zur Kriechers Verstoßung aus dem Schoß der Göttin. Mit dieser symbolstarken Geschichte beginnt Kriechers Weg in Praegaia.

Die Reisegesellschaft des Barons Caderig Sadoraugh gelangt nach einem erschöpfendem Ritt an eine scheinbar verlassene Hütte, in der die Reisenden die Nacht verbringen wollen. Doch in den Schatten des Hauses lauert eine mordlüsterne Kreatur und nicht alle Personen sollen den nächsten Morgen erleben.

Aus Sicht der Reisegesellschaft erzählt „Kummerstrang" von dieser todbringenden Nacht. Der Autor führt den Leser auf eine falsche Spur und kann so zum Ende mit einer Überraschung und Enthüllung aufwarten. Der begrenzte Schauplatz sorgt für Dichte. Dagegen dreht sich die Geschichte im Mittelteil etwas im Kreis, da lediglich die Reisenden nacheinender ermordet werden.

Eine Miniaturenmalerin im Dienst des Geisterdrache-Ordens erhält überraschenden Besuch von einem geheimnisvollen schwarzen Wesen. Stumm und bedrohlich nistet sich der dunkle Besucher bei ihr ein. Doch sie kommt ihm mit Geduld entgegen, denn etwas an ihm weckt unbestimmte Erinnerungen in ihr. Auch Kriecher kommt dieser Ort bekannt vor und zwiespältige Empfindungen beginnen sich in ihm zu regen.

Bereits im Lauf der Geschichte ist vorauszusehen, wie die Personen dieses Kammerspiels am Ende von ihren Ahnungen eingeholt werden. Doch das schwächt die Geschichte nicht, eher im Gegenteil. Das Ende verbindet vollständige Erkenntnis und unausweichliches Schicksal. „Nimm hin die letzte Umarmung" ist ein weiterer Schritt auf Kriechers Weg in seine innere Finsternis. Erstmals ahnt man auch etwas von den Machtverhältnissen zwischen den Göttern dieser Welt.

Kriecher wird von Zyklopen gefangen und in deren Lager gebracht. Die Herrin der Zyklopen, die Hexe Llalizh, erkennt was er ist und weiß um seine Begabungen. Entgegen der Warnungen ihrer Untertanen nimmt sie sich Kriecher an und lehrt ihn, seine Fähigkeiten zu gebrauchen. Der ebenfalls im Lager befindliche Nekromant Branwell, Herrscher über eine Armee Ghule, vermutet in Kriecher eine Gefahr, da er ein Geschöpf der feindlich gesonnenen Göttin Medoreigtulb ist. Auf ihrem Feldzug gelangt die Göttin tatsächlich ins Lager der Zyklopen und eine Schlacht entbrennt.

Hier erfahren wir, dass Kriecher ein Pechstrenger ist. Pechstrenger sind aus Schatten geschaffene Wesen, die Medoreigtulb bedingungslos zu Diensten sind. Doch Kriecher wurde aus einem Menschen geschaffen und es wird immer klarer, dass Reste seiner Gefühle noch in ihm stecken. Die Herrin der Zyklopen lehrt ihn, dass er, als Geschöpf der Göttin, über besondere Fähigkeiten verfügt und wie er diese einsetzt. „Erstgeborene der Nacht" zeigt auch subtil, dass sowohl Kriecher als auch Medoreigtulb widerstreitende Gefühle füreinender hegen.

Nach einer vernichtenden Schlacht gegen Medoreigtulbs Heer fliehen die Elfen in den Sumpf. Gerüchte künden von einem abtrünnigen Diener der Göttin, der hier mit Hilfe von Zyklopen und Trollen eine Stadt als Zuflucht für alle Ausgestoßenen errichtet hat. Dort angekommen entwickelt sich eine seltsame Beziehung zwischen der Elfenkönigin und dem Herrn der Stadt, bei dem es sich um den wieder erstandenen Kriecher handelt. Als Fürst Adulator herrscht er in selbstgewählter Isolation über die Stadt Innocenz. Von ihm erfährt die Königin das Geheimnis dieser Zuflucht.

Geschildert aus der Sicht der besiegten Elfen beschreibt „Und aus Engeln baut Straßen" deren, von inneren Reibereien begleiteten Weg nach Innocenz. Dort angekommen sehen wir Kriecher nicht länger als höriges Spielzeug der Göttin, sondern als absoluten Herrscher, der sich in den oberen Stadtteilen versteckt. Die Geschichte lebt von den Gegensätzen Elfen gegen Zyklopen, Diplomatie gegen uneingeschränkten Herrschaftsanspruch, Schwarz gegen Weiß.

Unterbrochen werden die eigentlichen Geschichten von vier Zwischenspielen, die zusammen mit Prolog und Epilog ein vollständiges Bild ergeben. Für die Entwicklung innerhalb der „Kriecher"-Geschichten nicht weiter wichtig, bereiten diese den Boden für den Nachfolgeband „Adulator".

Nicht gerade die Genesis eines strahlenden Helden

Unsere erste Begegnung mit Kriecher zeigt ihn uns gebrochen über den blutig-zerfetzten Schoß seiner Liebsten gebeugt, nur um gleich darauf zu erfahren, dass er selbst es war, der dieses Blutbad angerichtet hat. Die Eifersucht und die Enttäuschung über einen Seitensprung seiner Gefährtin hat ihn zu dieser Tat getrieben. Freilich war er zu dieser Zeit noch nicht der lebende Schatten, noch kein Pechstrenger, als der er weiter existieren soll, sondern ein Mensch.

Nach dem Mord, der auf gewisse Weise auch ein Selbstmord war, vegetiert er in den Gassen der Hauptstadt Gribathan, bis er sich mit dem nahenden Tod abgefunden hat. Doch dann tritt die Göttin Modereigtulb in sein Leben, wandelt ihn und macht ihn sich mit aggressiv sexuellem Gebahren hörig. Diese Wiegergeburt durch die Göttin, die somit zu seiner sinnbildlichen Mutter wird, macht ihn zu Kriecher, einem Pechstrenger im Dienste der Göttin. Dies ist wohl nicht gerade die Genesis eines strahlenden Helden, wie man ihn aus zahllosen Fantasy-Schmökern kennt.

Marc-Alastor E-E. hat mit Kriecher einen ungewöhnlichen Helden geschaffen. Ein lebender Schatten, eine Gestalt aus Pech, der der Göttin Medoreigtulb in unbedingtem Gehorsam ergeben ist. Durch die Verstoßung und seine nachfolgende rastlose Suche nach Absolution wird Kriecher zu einer ambivalenten Gestalt, äußerlich wie innerlich düster, auf der Suche nach seiner Bestimmung. Ein Diener, der innerhalb dieser Geschichten zum Herrscher wird. Teils unberechenbares Raubtier, teils sanftmütig und weise. Kriecher bewegt sich durch eine Welt, die bevölkert ist von bekannten Fantasy-Spezies. Elfen, Zyklopen, Zwerge. Die allgemeine Akzeptanz dieser Figuren in der Fantasy trägt dazu bei, Kriechers „Glaubwürdigkeit" in dieser Welt zu erhöhen.

Das Augenmerk liegt auf der Entwicklung des „Helden"

Das Augenmerk in „Kriecher" liegt auf der inneren Entwicklung des „Helden". Fünf Stationen sollen diese Evolution veranschaulichen. Und tatsächlich gelingt es, der Figur und der großen Geschichte im Hintergrund durch jede Geschichte immer neue, wesentliche Teile hinzuzufügen. Kriecher offenbart ständig neue Seiten, die allerdings nicht immer angenehm sind. Immer mehr löst er sich aus dem Schatten seiner Schöpferin und doch kreuzen sich die Wege der beiden Spieler immer wieder.

Wir erfahren nichts über den Menschen, der zu Kriecher wurde (außer, dass dieser seine Geliebte ermordet hat) sondern folgen lediglich diesem seltsamen Geschöpf ein gewisses Wegstück ab seiner Entstehung. Der Autor teilt in seinem Geschichten ständig neue Puzzleteile aus, die zum wachsenden Gesamtbild von Kriecher beitragen. So entwickelt sich die große Geschichte von innen heraus. Dies und die wechselnden Erzählperspektiven sorgen für Spannung und Dynamik.

Die große Geschichte entwickelt sich aus dem Inneren heraus

Marc-Alastor E.-E. erweist sich als wortgewaltiger Autor, der die düstere Innenwelt seines Helden und die oft unbequeme Konsequenz, mit der dieser seinen Weg geht, perfekt in dunkle Epik umzusetzen weiß. Er erschafft in diesen Geschichten Bilder von Zyklopen, die gewaltige schwarze Felsbrocken durch einen nebelverhangenen Sumpf schleppen um daraus die Festung Innocenz zu errichten. Direkt daneben entspinnen sich - ebenso überzeugend - die filigranen Dialoge der Elfen, die sich als wahre Künstler in Sachen Diplomatie erweisen. Damit beweist sich auch der Autor selbst als Beherrscher und Vermittler differenzierter Stimmungen.

Kriecher/Adulator ist eine Figur aus Marc-Alastor E.-E.s Geisterdrache-Zyklus. Obwohl hier noch wenig auf die großen Zusammenhänge im Zyklus eingegangen wird, spürt man, dass das große Ganze bereits im Kopf des Autors existiert. Wie in „Kriecher" im Kleinen entwickelt Marc-Alastor E.-E. im weiteren Verlauf des Zyklus die Große Geschichte durch Betrachtung von Einzelschicksalen aus dem Inneren heraus.

Die Blitz-Ausgabe von „Kriecher" war bereits die zweite Auflage der Sammlung, die zunächst 2001 bei Minotaurus mit einem weit weniger jugendfreien Cover erschienen ist. Auch die Blitz-Ausgabe war limitiert (999 Stück) und ist inzwischen out-of-print, sollte aber antiquarisch noch bequem erhältlich sein. Einen guten Überblick über den kompletten geplanten Zyklus erhält man auf www.geisterdrache.de.

Kriecher - De Joco Suae Moechae 1

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