Äquinoktium der Wahnsinnigen

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  • Erschienen: Januar 1969
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Äquinoktium der Wahnsinnigen
Äquinoktium der Wahnsinnigen
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Jochen König
88°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2009

Apokalyptische Traumwelten

Anatol E. Baconsky literarisches Vermächtnis ist kein Umfangreiches. Neben etlichen Gedichtsammlungen veröffentlichte der rumänische Autor Reiseliteratur und übersetzte u.a. Jorge Semprun, Salvatore Quasimodo und Carl Sandburg. Auf Deutsch erhältlich sind nur die vorliegenden Erzählungen, der kafkaeske Kurzroman „Die Schwarze Kirche" und die Reiseskizzen „Wie ein zweites Vaterland" (beide z.Z. nur antiquarisch). 1977 starb Baconsky, zusammen mit seiner Frau in den Trümmern eines Hochhauses, wo er mit Freunden die Drucklegung seines Buches „Remember" (o.g. „Wie ein zweites Vaterland") feiern wollte. Genau zu diesem Zeitpunkt erschütterte ein schweres Erdbeben Bukarest und forderte rund 2000 Todesopfer.

Zehn Jahre zuvor war der schmale Band phantastischer Erzählungen „Echinoxul nebunilor si alte povestiri" veröffentlicht worden. Dank der Bemühungen des Wiener Professors und Übersetzers Max Demeter Peyfuss erschien die Sammlung unter dem Titel „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" bereits 1969 auf Deutsch. Eine großartige literarische Rezeption des Buches scheint nicht stattgefunden zu haben. So taucht Baconskys Name weder in Rein A. Zondergelds „Lexikon der phantastischen Literatur", noch in Alpers, Fuchs und Hahns „Lexikon der Horrorliteratur" auf. Zu bedauerlich, handelt es bei den zehn Geschichten doch um außergewöhnliche Literatur. Dem Blitz-Verlag ist es zu verdanken, dass das „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" eine Wiederveröffentlichung und zu wünschende Neuentdeckung erfährt.

Außerhalb von Zeit und Raum

Baconsky macht es seinen Lesern nicht leicht, verweigert er sich doch genretypischer Horrorliteratur. Bei ihm gibt es weder herkömmlichen Monster, noch den Einbruch des Grauens in eine scheinbar heile Welt. Bei ihm manifestieren sich keine Vampire, Ghule oder Werwölfe und kein manischer Killer klopft an die Tür. Baconskys Welt ist die des Zwielichts, voller karger, unwirtlicher Landschaften. Hier finden sich spärlich bewohnte Siedlungen, die von ständigem Zerfall bedroht sind, in der die Elemente mit zerstörerischer Kraft wüten und eine ständige, kaum fassbare Bedrohung über allem lauert. Seine Protagonisten sind getriebene, ständig am Rand des endgültigen Scheiterns herumvagabundierende Existenzen, voller Fragen und Nöte, allzu oft gelähmt, wenn es Zeit wäre zu handeln, wie hypnotisiert dem ausgeliefert, was auf sie zukommt. Große Menschansammlungen kommen in seinen Erzählungen selten vor, und wenn, sind es meist willenlose Figuren in einem wilden Sturm, der sie umtobt, entstanden aus Gründen, die sie nicht verstehen, auf der Suche nach Erlösung, aber ohne die geringste Kraft und Verständigkeit dies auch zu erreichen. Die anderen Gruppen sind Individuen, die sich lose zusammen geschlossen haben und zur latenten Gefahr - nicht nur für die Protagonisten - werden. Wie die vagabundierenden, zerlumpten Kinder, die mit Gewalt verhindern, das eine der armen Kreaturen aus dem „blauen Bordell" flüchten kann. „Der verschleierte Orpheus" besitzt eine der typischen Hauptfiguren, die Baconsky durch seine Geschichten taumeln lässt. Ein ewig Suchender, der verwickelt wird in die rätselhaften Geschehnisse um das „Blaue Bordell" (eine der wenigen kräftigen Farben, die im „Äquinoktium der Wahnsinnigen" vorkommen) und seiner seltsamen Bewohner. Fast zaghaft heftet er sich an die Spur seiner möglichen Eurydike, wird selbst zum Spielball der „Patrona" des Bordells. Am Ziel seiner Suche sackt er ermattet zusammen und wandelt wie im Schlaf durch surreale Räume und Begebenheiten, ein Gefangener nicht nur des blauen Bordells, sondern seiner Begierden und seiner selbst.

Das Persius zugeschriebene „...nec te quaesiveris extra" (...suche dich niemals außerhalb dir selbst), das der Erzählung „Der Größte" voransteht, könnte ebenso gut das Motto des gesamten Buches sein. Baconskys Erzähler verlieren sich in den Abgründen, die sie umgeben, um als Ende als bloße Schatten, quasi Wiedergänger ihrer selbst, dazustehen. Rimbauds „Ich ist ein anderer" wurde selten treffender umgesetzt als im „Äquinoktium der Wahnsinnigen".

Obwohl die Dobrudscha, ein wenig besiedelter, rumänischer Landstrich zwischen Donau und dem Schwarzen Meer, offensichtlich Vorbild war für die Landschaftsbeschreibungen Baconskys, gibt es weder definierbare Standorte noch Jahresangaben. „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" existiert außerhalb von Zeit und Raum, bzw. in einer Parallelwelt, die scheinbar den Gesetzen der unseren folgt, aber angereichert wird durch nachtschwarze Imaginationen. Dass die beschriebenen Zustände - paralysierte Protagonisten, der Topos Familie als Bedrohung, lebensfeindliche Um- und Zustände, auf das Leben im Rumänien Ceauşescus verweisen, ist allerdings naheliegend. Doch würde man „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" beschneiden, wenn man es lediglich als politische Paraphrase lesen würde. Die niederschmetternde Wucht von Baconskys Schilderungen führen direkt in eine apokalyptische Traumwelt aus der es selten ein Entkommen gibt. Er fordert viel von seinen Lesern, indem er sich simplen Pointen verweigert und die Geschehnisse vielfach im Halbdunkel lässt. So bleiben die gleichen Mutmaßungen für den von außen Betrachtenden wie die Involvierten. Bedrohung ist allgegenwärtig, sie spiegelt sich in blinden Fenstern verlassener Siedlungen, in der zerstörerischen Kraft eines Wetterumschwungs und in den ängstlich-forschenden Bestrebungen der Menschen.

Eine poetische Sprachgewalt wie die Baconskys ist selten geworden. Er ist ein originärer Autor, der es geschafft hat, der Moderne mit eigenem Sprachduktus zu begegnen, der nicht Vergangenes bloß kopiert. Seine düsteren Visionen sind Beispiele jener Kraft, die phantastischer Literatur innewohnen kann.

Ob sie auch die Kraft haben, gegen den ach so populären x-ten Aufguss liebestoller Vampire zu bestehen, ist fraglich, aber wünschenswert. Denn während der nächste Biss zum Abendrot vergessen sein dürfte, bleiben Baconskys wie in Stein gehauene Sätze bestehen.

„Das Meer delirierte trocken. Die Stadt verstummte unter dem Einbruch der Windstöße, die durch die öden Straßen fegten, drohend an die Fensterläden schlugen, krallenbewehrt über die Blechdächer scharrten und die Laternen würgten. [...] Meine Identität ging verloren, verstreute sich über Tausende, Hunderttausende Menschen; mir kamen Erinnerungen an Dinge, die ich niemals erlebt hatte, an Haltungen, die nicht die meinen waren, und alles geriet durcheinander in mir, verwirrte mich, verwunderte meinen Geist und entstellte ihn.
So fand mich der Nachmittag des Äquinoktiums."

Äquinoktium der Wahnsinnigen

Anatol E. Baconsky, -

Äquinoktium der Wahnsinnigen

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