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Frank A. Dudley

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Mär 2009

Egal, ob Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung oder Mitarbeiterüberwachung bei Lidl und der Bahn: Bespitzelung durch Staat und Konzerne gehört schon zum Alltag. Die Begründung, unbescholtene Bürger und Angestellte hätten ja nichts zu befürchten, setzt eine Verdachtsvorwegnahme voraus, mit der man in den USA seit den Anschlägen auf das World Trade Center schon länger arbeitet. Terroristen sollen, zumindest bei den staatlichen Schnüffeleien, entdeckt und dingfest gemacht werden.

Cory Doctorow, der kanadische Blogger und SF-Autor, treibt das Thema weiter. In seinem Roman „Little Brother" - George Orwell lässt grüßen - gerät der zugegebenermaßen sehr von sich überzeugte Marcus, Schüler und Freizeithacker, unschuldig in die Fänge der amerikanischen Homeland Security. Ein klassischer Fall von „zur falschen Zeit am falschen Ort", denn als man ihn und seine Freunde nach einem verheerenden Bombenattentat auf die Golden Gate Bridge festnimmt, befanden sie sich nur zufällig in der Nähe des Geschehens.

Marcus' Schulhistorie mit zahlreichen Verweisen und technologischen Verhaltensübertritten macht ihn in den Augen der ruppigen Ermittler erst verdächtig, und nach zahlreichen ergebnislosen Verhören wenden sie „waterboarding" an, die von US-Präsident Bush seinerzeit genehmigte Foltermethode.

Schließlich lassen sie Marcus laufen und er schwört Rache. Unter dem Pseudonym „M1k3y" und mit einer gehackten Xbox-Spielekonsole organisiert er den Widerstand gegen staatliche Überwachung sowie Übergriffe, organisiert eine Community Gleichgesinnter und düpiert die Behörden mit gefälschten Informationen sowie öffentlichkeitswirksamen Flashmobs.

Für den Lesekanon

Freie Information, frei verfügbar für alle: Cory Doctorow schwört auf Transparenz als wirksamstes Mittel demokratischer Freiheit. Kontrollwahn, Paranoia und Zensur, wie sie nach dem 11. September 2001 staatlicherseits propagiert werden, sind für ihn Ausdruck eines neuen Totalitarismus Orwell'scher Prägung. Doctorow verfügt in dieser Hinsicht über ein starkes Sendungsbewusstsein, und so dürfte sein All-Ager „Little Brother" wohl auch als Botschaft an nachwachsende Generationen gemeint sein.

Mit reichlich Techno-Sprech und Teenage-Milieu unterfüttert, ist der Roman von großer Gegenwärtigkeit. Doctorow weiß zu beobachten, er kann erklären und spannend schreiben. Mitunter wirkt die Figur von Marcus ein wenig überhöht in ihrer Heldenhaftigkeit, doch diese Art von charakterlicher Überzeichnung passt ins Konzept: Sein Anliegen, freie Meinungsäußerung durch politisches Engagement zu verteidigen, kann Doctorow nur durch Figuren mit Identifikationspotenzial vermitteln. „Little Brother" ist ein Buch, das in den Lesekanon deutscher Schulen gehört.

Little Brother

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Letzte Kommentare:
29.04.2011 00:55:44
Josch

Eine gute Rezension, mit einem kleinen Schönheitsfehler: Waterboarding muss Marcus erst viel später, fast am Ende des Buches über sich ergehen lassen.
Auch finde ich die "Heldenhaftigkeit" nicht überhöht. 17 jährige sehen sich selbst oft als Helden :)
"Little Brother" ist auf jeden Fall ein bemerkenswertes Buch.