Beutegier

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2009
Beutegier
Beutegier
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Jochen König
76°

Phantastik-Couch Rezension von Jochen König Mär 2009

Backwood-Horror mit Überraschungseffekten und rüden Spannungsmomenten

Blutrot ziert „Die Rückkehr der Kannibalen" den Buchdeckel von „Beutegier" - Damit ist eigentlich alles gesagt und der Inhalt von Jack Ketchums Sequel zu „Beutezeit" ziemlich klar umrissen.

Elf Jahre sind vergangen, und eine Überlebende aus dem Vorgänger hat erneut eine bissfreudige Truppe kleiner und großer Racker um sich geschart, um die heimischen Kochtöpfe mit Menschenfleisch zu füllen und bei Bedarf Nachwuchs zu entführen, damit die eigene Familie größer und wehrhafter wird. So kam die „Älteste" genannte Anführerin der verfressenen Bande auch zu ihrem ersten Anhänger „Erstgeraubter" und späteren Vater ihrer Kinder.

Dass es die Sippe irgendwann aus dem Wald- und Höhlengebiet in die Zivilisation verschlägt, und das ausgerechnet in der Nähe ihrer alten Wirkungsstätte, bleibt bei dem blutigen Treiben der jungen, aber engagierten Sippe, natürlich nicht unbemerkt. Und so sieht sich der pensionierte Sheriff George Peters alsbald mit den Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert, die ihn ein gutes Jahrzehnt zuvor an den Rand des Wahnsinns brachten. Besser wird es diesmal auch nicht.

Freimütig gesteht Jack Ketchum im Nachwort ein, dass er „Beutegier" (auch) aus finanziellem Interesse verfasst hat. Immerhin war „Beutezeit" seine bis dato erfolgreichste Veröffentlichung, also lag der Gedanke, einen Nachzügler zu verfassen, nahe. Sein Verdienst ist ihm neidlos zu gönnen, aber fällt auch für den Leser ein Mehrwert ab?

Die Antwort ist ein klares „Jein"!

Vom Aufbau gleicht „Beutegier" dem Vorgänger wie ein Ei dem anderen. Es beginnt mit dem Auftauchen der Kannibalen-Sippe, stellt die freundlichen Mittelschicht-Antipoden vor, geht über zum brutalen Zuschlagen, dann Flucht, Verfolgung, Gemetzel und nicht für alle Beteiligten ein Happy End. Die Unterschiede liegen im Detail.

Da die Gruppe der wilden Waldläufer kleiner ist, kann Ketchum die einzelnen Mitglieder wesentlich besser fokussieren; ebenso ist die Figur des Steven Carey ein Gewinn für die Erzählung. Erst schwebt er als bloße Idee der Gefährdung für Leib und Seele über dem einsam gelegenen Anwesen der Kleinfamilie Halbard, bei der gerade Claire, die Noch-Ehefrau des gewalttätigen Carey, und ihr Sohn Luke zu Gast sind. Doch es dauert nicht lange, bis sich Steven Carey materialisiert. Unterwegs, mittlerweile zum Mörder geworden, und fies bis in die Haarspitzen. Denn dieser psychopathische Ex-Anwalt strahlt eine noch größere Bedrohung für ein zivilisiertes Miteinander aus als die verwilderten Artgenossen aus den Tiefen des Waldes. Diese Dualität des Grauens bringt Ketchum an zentraler Stelle auf einen gemeinsamen Nenner, um die dunklen Tiefen hinter diesem Gedankengang wenig später simpler Dramaturgie zu opfern. So wird das Potenzial der Figur bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Demgegenüber ist Ketchum die Emanzipation der freundlichen Claire, die genau wie ihr Sohn Luke im Lauf der Handlung über sich hinaus wächst, anschaulicher geraten.

„Beutegier" ist wesentlich eleganter (so weit das in diesem Bezug möglich ist), eloquenter, stringenter und dabei weniger brutal als der Erstling. Kurz: professioneller. Dafür fehlt ihm die rohe Kraft, jene scheinbare Abwesenheit von Kalkül, die „Beutezeit" erscheinen ließ wie mit dem Fleischwolf geschrieben.

Beide Bücher sind weit davon entfernt, ernsthafte Zivilisationskritik zu üben; Ketchum bedient lieber und durchaus geschickt das Genre des „Backwood-Horrors" mit Überraschungseffekten und rüden Spannungsmomenten. „Beutegier" zeigt, dass dies auch mit einer Reduzierung gewalttätiger Exzesse einhergehen kann, ohne dass man etwas vermisst. Eine kleine Warnung: für Zartbesaitete ist der Roman immer noch ein Stiefel voller Blutsuppe.

So ist „Beutegier" eine ausgefeiltere Variante des Vorgängers, besser zu lesen und sozial weit verträglicher. Dieses nagende Gefühl an den Eingeweiden, das einen mitunter beim Lesen beschleicht, ist allerdings bei „Beutezeit" intensiver. Wäre das Buch eine CD, so wäre „Beutegier" die remasterte und fachmännisch überarbeitete Neuauflage.

Das führt jetzt zu einem kleinen Konflikt mit der Bewertungsskala. „Beutegier" ist das bessere von beiden Büchern. Doch die 90° von Michael Drewniok hätte ich nie an „Beutezeit" vergeben. Maximal 72°. Bleiben für „Beutegier" 76° stehen und der Hinweis, dass man nur als Jack Ketchum-Fan beide Bücher braucht. Der Rest der lesenden Welt kommt auch sehr gut mit nur einer Version klar.

Beutegier

Jack Ketchum, Heyne

Beutegier

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