Meat

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2009
Meat
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Jochen König
42°

Phantastik-Couch Rezension von Jochen König Mär 2009

Eine gefühlsduselige Befriedigung spekulativer Oberflächenreize

Die Stadt Abyrne ist eine Enklave in einem wüsten Land. So sehen es jedenfalls die Mächtigen, repräsentiert durch den "Fürsorge" genannten Klerus und die monopolistische Fleischverwertungsgesellschaft MFP, an deren Spitze der Mogul Rory Magnus steht. Wer die Kontrolle über das Fleisch besitzt, hat die Macht, über Abyrne zu herrschen. Aufgrund einer nicht näher benannten Katastrophe sind Nahrungsmittel knapp und glücklich darf sich schätzen, wer zur MFP-Belegschaft zählt. Denn derjenige darf portioniertes Fleisch mit nach Hause nehmen und sich satt essen. Klingt gut, hat aber einen Fleischerhaken. Aufgrund der ominösen Katastrophe gibt es keine Tiere mehr. Also wird eine Staatsreligion initialisiert, die sich auf eine neue Bibel, den "Abdominalpsalter", das "Buch des Gebens" stützt. Worin sich, Gott gegebener Weise, die Kaste der "Auserwählten" findet. Die Aufgabe jener "Auserwählten" ist es, die Bevölkerung mit ihrem Fleisch zu versorgen. Zumindest jene, die es sich leisten können. Das Geschäft floriert, so lange bis sich eine Gegenbewegung formiert. Klein zwar, aber überzeugend, effizient und hochmotiviert. An ihrer Spitze der charismatische John Collins, der seine Mannen in den Kampf gegen den Großbischof, seine streitbaren Pfarrer und den dekadenten Magnus samt Gefolge, führt. Tatkräftig unterstützt werden Collins und seine vegetarischen Kämpfer von Richard "Eispickel" Shanti, dem Vorzeigeschlächter der Fleischfabrik. Nach außen ein kalter Erfüllungsgehilfe, ein effizienter Meister am Bolzenschussgerät, ist er ausgebrannt und voller Schuldgefühle seinen wehrlosen Opfern gegenüber. Als er einen Weg entdeckt, wie er mit den - ihrer Stimmbänder beraubten - Auserwählten kommunizieren kann, ist der Ausbruch einer Revolte nicht mehr aufzuhalten. Es kommt zum Kampf.

Der Leser wird zum Besucher einer perfiden Vernichtungsmaschinerie

Da ist er wieder. Schon wieder, möchte man sagen. Stephen King. "Joseph D'Lacey rocks!" schießt er aus der Hüfte und trifft meilenweit daneben. Denn, wenn D'Lacey eins nicht beherrscht, dann ist es zu rocken. Zunächst stellt sich die Frage, ob "Meat" eine beklemmende Dystopie oder eine mäßig geschriebene (und nicht besonders eloquent übersetzte) Studie in Sensationsgeilheit ist?

Das Positive zuerst: D'Lacey gelingt es, von Beginn an eine verstörende Stimmung aufzubauen, die inhumanen Lebensumstände, die lähmende Angst innerhalb des totalitären Systems nachvollziehbar zu machen. Der Leser wird zum Besucher einer perfiden Vernichtungsmaschinerie, ist Gast im Haus eines dualistischen Despotismus, der keine Gnade und wenig Hoffnung kennt. Unterdrückung und Bewahrung des Status Quo sind die Faktoren, die die Maschinerie am Laufen halten. Wer jetzt meint, dafür braucht es keinen Blick in eine imaginäre Zukunft, keine obskure Gräuelmär vom instrumentalisierten Kannibalismus, der hat natürlich vollkommen recht. Doch D'Lacey hat seine Mittel gewählt und auf der formalen Ebene gelingen ihm - wenn auch nicht beeindruckende - so doch erschreckende Sequenzen. Manchmal auch nur im Kleinen, wenn z.B. die allgegenwärtige Brutalität des großen Ganzen ihren Widerhall in der Puppenstube von Richard Shantis Töchtern findet. Doch genau hier findet das Buch auch seine Grenzen.

Denn weder wird erklärt, wie das Schlächterspiel Einzug ins heimische Kinderzimmer finden konnte, noch warum Shantis Töchter am Ende plötzlich als Hoffnungsträgerinnen dastehen. Während der nachdenkliche Richard Shanti eine asketische und vegetarische Lebensweise anstrebt, ist Mutter Maya bekennende Anhängerin des Credos "Fleisch ist mein Gemüse". Rund und wohlgenährt zu sein sorgt für Ansehen, selbst wenn die Lebenserwartung auf knapp 50 Jahre schrumpft, während der sportliche und gesunde Lebensstil Richard Shantis geradezu als sein Gegenteil gilt. Besorgnis erregend. So verwundert es, dass die beiden Töchter zu unbedarften Erfüllungsgehilfinnen Shantis werden, denen das Schicksal der eigenen Mutter, die ihr vorheriges Leben weitgehend geprägt hat, am Allerwertesten vorbei geht. Shanti reicht eine läppische Gute-Nacht-Geschichte, um sie auf seine Seite zu ziehen und sie auf kommende Aufgaben vorzubereiten. Zu diesem Zeitpunkt steckt der literarische Karren allerdings längst im tiefen Dreck und kommt auch nicht wieder heraus.

Kein Rock'n Roll, sondern ein musikalisch akzeptabler, aber lausig getexteter Gospel

Wo soll man anfangen, was bei "Meat" in Schieflage ist? Die platten Figurenzeichnungen wären ein erstes Indiz. In D'Laceys kleiner Welt gibt es nur Gut oder Böse. Figuren in der Grauzone, wie Shantis Gattin Maya, bleiben profillos, werden missbraucht als Mittel zum Zweck, bevor sie sang- und klanglos aus der Erzählung verschwinden. Oder werden, wie Pastorin Mary Simonson, vom Saulus zum Paulus, ohne dass es begründet wird. Überhaupt Begründungen. D'Lacey schenkt sie sich meistenteils. Sein Abyrne ist das Produkt einer behaupteten Zukunft. Die Vergangenheit wird zum nebulösen Etwas, in dem sich Katastrophen abspielten, Wesenheiten und Gesetze veränderten, ohne dass die Frage nach dem Warum auch nur ansatzweise gestellt wird.

Was ist das für eine Katastrophe, die jedes tierische Leben vernichtet, den Menschen aber verschont? Mindestens Ratten und Kakerlaken haben Vetorecht. Anscheinend gibt es Getreide und pflanzliche Nahrungsmittel. Genug zumindest, um die "Auserwählten" in Massen durchzufüttern. Als Nahrungs- und Druckmittel wesentlich effektiver für die jeweiligen Machthaber als die menschliche Schlachtbank. Welcher profitorientierte Unternehmer lässt sich wohl auf eine Produktpalette ein, die 14 - 20 Jahre aufgepäppelt werden muss, bevor sie mäßigen Ertrag abwirft? Von wenigen "Kälbern" abgesehen, die aber auch ein paar Jahre ernährt sein wollen.

Wenn aber schon die Grundidee kompletter Humbug ist, wie soll dann der Rest funktionieren? D'Lacey macht es sich einfach. Es gibt keinen Aufstand der Massen, die Unterdrückten setzen sich nicht nach Jahren der Ausbeutung zur Wehr. Denn neben den Auserwählten existieren auch noch jene Stadtbewohner, die nicht Teil des großen Versorgungsplans sind und anscheinend trotzdem irgendwie leben. Sie finden nur in wenigen Nebensätzen Erwähnung, bleiben Staffage, Statisten, die bei Bedarf am Erzählrand positioniert werden. Wie auch die Auserwählten nur Beiwerk bleiben. Zwar rücken zu Beginn der "Zuchtbulle" BLAU-792 und die "Milchkuh" WEISS-047 gelegentlich in den Mittelpunkt des Romans, doch werden sie im weiteren Verlauf im Stall gehalten.

Und obwohl ihnen Verstand und Kommunikationsfähigkeiten zugestanden werden, bleiben die Auserwählten bis zum Exodus dummes Rindvieh, das geführt sein will. Spätestens hier verrät D'Lacey seine eigene Geschichte, um etwas zu etablieren, das Menschen, die kein neues Bewusstsein aufbauen können, gerne die Hand reicht, um sie ins gelobte Land zu führen: den Erlöser. "Meat" hat sogar zwei dieser Sorte zu bieten. Um das geballte Unrecht in Gestalt von Großbischof und Rory Magnus auch zahlenmäßig korrekt auszugleichen. John Collins - Initialen "J.C.", damit auch die Lümmel von der letzten Bank wissen, wohin der Hase läuft - als Pendant zur geistlichen Macht, und Richard Shanti als reumütigen Widerpart zum "Fleischbaron" Magnus. Im Gegensatz zur gesichts- und geschichtslosen Masse, echte Macher, die weite Teile der schweigenden Mehrheit hinter sich versammeln können. So bietet D'Lacey keine Lösung an, sondern nur eine Verschiebung. Von den "bösen" Tyrannen zu den "lieben" Führern. Bloße Behauptung, der die schweigende Mehrheit folgt, ohne sich zu Wort zu melden, bzw. ohne es zu können.
"Meat" ist eine rückständige Parabel auf eine Welt, die aufgrund ihrer hirnrissigen Prämisse nie stattfinden wird. D'Lacey hat keinen Gegenentwurf zu bieten, sondern nur die belanglose Bitte eines naiv gläubigen Menschen: dass doch da draußen irgendwo ein Gerechter sein möge, der die missbrauchten und dumpfen Massen aus dem dunklen Tal des Verderbens führen kann.

Keine Spur von Rock'n Roll, stattdessen ist "Meat" ein musikalisch akzeptabler, aber lausig getexteter Gospel. Bedauerliches Nichts, sinnloses Einerlei. Zu schade, da D'Lacey stilistisch tatsächlich in der Lage ist, der Hölle ein dunkles Funkeln zu entlocken. Inhaltlich frohlockt der Teufel hingegen ob dieser allgegenwärtigen geistigen Tieffliegerei.

Ein Vergleich mit Harry Harrisons "Make Room! Make Room!" und der darauf basierenden Verfilmung "Soylent Green" ("Jahr 2022... die überleben wollen") mag auf den ersten Blick nahe liegen, auf den zweiten wird nur der Unterschied zwischen dem Versuch intellektueller Erfassung und der gefühlsduseligen Befriedigung spekulativer Oberflächenreize deutlich.

Spannend bleibt am Ende die Frage, ob Stephen King es wohl nötig hat, jedes dahin geblasene literarische Lüftchen mit seinen Lobhudeleien zu bewerten. Andererseits haben Bücher wie "Meat" jede Werbung vermutlich nötig, denn sonst könnten sie, nicht ganz zu Unrecht, unbemerkt untergehen. Na gut, vielleicht sollte man den tabubrechenden "Boah, die essen Menschen!"-Effekt nicht unterschätzen.

Meat

Joseph D´Lacey, Heyne

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