Fossil

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2009
Fossil
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Michael Drewniok
35°

Phantastik-Couch Rezension von Michael Drewniok Mai 2009

Uralter Bösling im düsteren Tunnel

Nur einer Nacht bedurfte es, die Leben von Chance, Deacon und Elise zu prägen: Betrunken und zugekifft verschafften sie sich Einlass in den Tunnel eines alten, längst aufgelassenen Wasserwerkes. Was dort tief unter der Erde der Stadt Birmingham im US-Staat Alabama geschah, muss schrecklich gewesen sein, doch die schwer traumatisierten Teenager können sich an Details nicht erinnern; es blieb nur die dunkle Ahnung einer uralten, bösen Kreatur, die sie unklugerweise aufgeweckt haben.

Jahre später: Elise ist tot, sie hat sich umgebracht. Deacon wurde ein zynischer Menschenfeind, Chance eine beruflich erfolgreiche Naturforscherin aber privat unglückliche Frau. Sowohl ihre Eltern als auch ihre Großmutter kamen tragisch ums Leben. Chance fühlt sich verflucht. Noch immer macht ihr die Erinnerung an die Nacht im Tunnel zu schaffen. Jetzt scheint Aufklärung möglich: Die junge Dancy Flammarion taucht in Birmingham auf. Scheinbar sucht sie Chance auf, um ihr ein seltsames Fossil zu zeigen, das der Wissenschaft völlig unbekannt ist. Kurz darauf lässt Dancy durchblicken, dass sie mehr über das Ding im Wasserwerk weiß.

Zusammen mit dem zunächst unwilligen Deacon und seiner neuen Freundin Sandy will Chance Gewissheit. Dass Dancy weiß, wovon sie redet, wird deutlich, als grässliche Erscheinungen die Gefährten heimsuchen. Die uralte Wesenheit im Tunnel will nicht ausgeforscht werden und wehrt sich unter Einsatz seiner beachtlichen Mittel. Standfeste Kameradschaft wäre ratsam. Stattdessen zerstreiten sich die Freunde, was der unheimlichen Macht den Ansatzpunkt liefert, die Gemeinschaft zu spalten, um jedes Mitglied einzeln zu jagen ...

Das Ding auf der Schwelle

Tief im Dunkeln tun sie munkeln ... Seit jeher treibt den Menschen die Furcht vor Dinge(r)n um, die dort auf ihn lauern, wo er seinen Augen nicht trauen kann. Diese Ungeheuer werden im eigenen Hirn ausgebrütet und von diesem anschließend dorthin projiziert, wo man sie zu sehen erwartet. Das funktioniert auch im 21. Jahrhundert noch immer ausgezeichnet, was das Blühen & Gedeihen des Horrors in Literatur und Film unterstreicht.

Heutzutage erwartet der Leser freilich eine zumindest logisch klingende Erklärung für das Grauen. Es muss (und darf) nicht gar zu kompliziert werden; der Verweis auf eine ‚weiße‘ Stelle im ansonsten dokumentierten Gefüge der Erde und ihrer Geschichte reicht schon aus. Auf seiner Oberfläche weist der Globus solche Gebiete kaum mehr auf. Die Weltmeere bieten da schon bessere Reservate für Ungeheuer aller Art. Aber auch das angeblich feste Land ist oft durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Wenn solche Höhlen ganz in der Nähe menschlicher Niederlassungen liegen, läuft die daraus entwickelte Geschichte fast wie auf Schienen: Das Seltsame = Böse gelangt dorthin, wo ahnungslos der Alltagsmensch siedelt und leicht überrascht werden kann. In diesem Fall ist es eine Intelligenz aus dem Morgengrauen der Erdgeschichte - vermutlich, denn die letzte Sicherheit verweigert uns die Autorin. Es könnte sich auch um die Ausgeburt einer kollektiven psychischen Störung handeln; um Hysterie oder Einbildung.

Das Zünden von Nebelkerzen ist üblich, typisch und nützlich, wenn Fürchterliches in Szene gesetzt wird. Der Grat zwischen Schrecken und Lächerlichkeit ist schmal, weshalb es nie schaden kann, den Faktor Verwirrung einzusetzen. Was definitiv im Tunnel des alten Wasserwerks umgeht, muss jede/r Leser/in für sich selbst entscheiden.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!

Wobei wir einen neuralgischen Punkt berühren: Kiernan gehört zu den Schriftstellern, die ihre Wörter nicht halten können. Vor allem in Szenen großer Gefühlsentfaltung geht es mit ihr durch, aber auch sonst wandelt sie stilistisch knapp am Rand des Abgrunds: „Der Frühling röchelte zum letzten Mal unter der heißen Hacke des Sommers" (S. 29) ist ein peinlicher Kiernanscher Klopfer, für den die Übersetzerin eventuell mitverantwortlich zeichnet.

Diese kann aber nicht immer haftbar gemacht werden. Kiernan schadet ihrer Geschichte durch den Drang, ihr emotionale Tiefe förmlich einzuprügeln. Chance und Deacon sollen emotional gescheiterte Existenzen sein. Tatsächlich sind sie nur eindimensionale Figuren. Dancy Flammarion soll als zwiespältiger und zwielichtiger Charakter beeindrucken, ärgert aber durch die jene Worthülsen, die jeder Prophet der klaren Rede vorzieht. Sandy ist eigentlich überflüssig, zumal die tote Elise notfalls umher spukt und weitere Unklarheiten in die Runde wirft.

Hinter dem ganzen Wortgeklingel verbirgt sich jene konventionelle Story, die weiter oben skizziert wurde. Sie wurde u. a. von Stephen King 1986 in „Es" wesentlich stringenter und letztlich gelungener erzählt, obwohl er sie auf mehr als 1000 Seiten streckte. Wer Literatur und Unterhaltung näher vereint wissen möchte, greife zu Peter Straubs „Drachenhauch". Das archaische und vor allem das wirklich eindrucksvolle Böse benötigt keine Wortkaskaden.

Sie leiden für & nerven die Leser

Gar schrecklich ergeht es Chance, Deacon, Sandy und auch Dancy: So möchte es jedenfalls die Autorin. Allerdings hat sie stattdessen vier echte Nervensägen in die Welt gesetzt. Psychisch angeschlagene Figuren so zu schildern, dass der Leser mit ihnen fühlt, ist offensichtlich eine Kunst, die Kiernan nicht beherrscht. Ihre ‚Helden‘ wirken ausschließlich unsympathisch. Man wünscht das Monster förmlich herbei, das ihnen die Hälse umdreht, damit endlich Schluss ist mit den endlosen hysterischen Tiraden, die sich stets im Kreis drehen und hinter denen die Geschichte außer Sicht gerät bzw. erstickt wird.

Zentrale Fragen bleiben darüber ungeklärt: Was genau hat Chances Großmutter in Sachen Wasserwerktunnel recherchiert? 1888 muss dort bereits etwas aufgestört worden sein. Kiernan erwähnt es, führt es aber nie aus. „Leben vor dem Menschen", überschreibt sie das 10. Kapitel (S. 269). Deutlicher wird sie an keiner Stelle. Verworrene Wahnvorstellungen und verwirrende Zeitsprünge sind ihr wichtiger als ‚Fakten‘ - ein Stilmittel, das zunächst akzeptiert werden muss, da sich die Autorin dafür entschieden hat. Wenn es sich allerdings als Effekthascherei herausstellt, ist es zur offenen Kritik freigegeben, was hier bedeutet, dass „Fossil" sich leider zu den (viel zu) vielen Geschichten mit einer im Kern interessanten Idee gesellt, die in der Umsetzung auf der Strecke bleiben.

Fossil

Caitlín R. Kiernan, Rowohlt

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