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Elmar Huber
Packendes Puzzle auf zwei Zeitebenen

Buch-Rezension von Elmar Huber Mai 2009

„Das Mörderhaus? Fortunat Wilers Haus - sein Haus - wurde „Mörderhaus" genannt. Ein Dutzend mögliche Gründe fielen ihm ein. Er sah blutbespritzte Wände vor sich, im Wahn zerstörte Möbel mit aufgerissenen Polstern, herausquellende Eingeweide ...„

Nach dem plötzlichen Selbstmord seines Nachbarn, Fortunat Wiler, erbt der Städter Jan „Severin" Somm überraschend dessen Haus in Gspona, einem schweizerischen Bergdorf nahe der italienischen Grenze. Ohnehin gerade an einem persönlichen Scheideweg angekommen, beschließt Severin, sein Erbe anzunehmen und damit einen Neuanfang zu wagen. In seinem neuen Haus erwartet ihn eine Überraschung in Gestalt der schönen aber spröden Lucrezia, die dort lebenslanges Wohnrecht genießt. Eine weitere Überraschung ist ein zugemauerter Raum im Haus, der Kinderspielzeug und Zeichnungen und Kleidung von Lisbeth Wiler, Fortunat Wilers lange verstorbener Frau, enthält. Nahezu abgeschlossen von der Außenwelt und gefesselt von Lisbeth Wilers Zeichnungen, die eine eigene Geschichte zu erzählen scheinen, recherchiert Severin Ereignisse, die vor über 50 Jahren in Gspona stattgefunden haben und die in Zusammenhang mit Fortunat und Lisbeth Wiler, Lucrezias Eltern und einem geheimnisvollen Vorhaben an der Schattwand zu stehen scheinen. Die Ereignisse von damals beginnen sich zu wiederholen. Im Angesicht einer Jahrhundertlawine und getrieben von Liebe und einer bisher ungekannten Verbissenheit entreißt Severin der Vergangenheit ihre Geheimnisse.

"Schattwand" versetzt den Leser in einen weißen Rausch

Vom anfänglichen Paukenschlag, der Selbstmord seines Nachbarn und der unerwarteten Erbschaft, der sich als Auslöser für Severin erweist, seine bisherige Existenz hinter sich zu lassen, bis zum finalen Katastrophenszenario auf zwei Zeitebenen, zieht Augstburger den Leser in seinen Bann. In einer regelrechten Trance verfolgt man Severins gegenwärtige und Lisbeths vergangene Erlebnisse in Gspona, bis der Autor uns wieder aus diesem weißen Rausch entläßt.

Gekonnt nutzt Augstburger jeweils die Gunst der selbst ausgedachten Stunden und stößt Severin - und damit den Leser - in ein haltloses Wechselbad aus Schicksalsschlägen, skurrilem Humor, voyeuristischer Neugier, aufkeimender Liebe und wachsendem Kampfeswillen angereichert mit einer Portion Bergmystizismus. Parallel zu Severins persönlicher Entwicklung lässt uns der Autor an den Ereignissen teilhaben, die vor 50 Jahren in Gspona geschehen sind und die nun durch Severins Recherche wieder aufgedeckt werden. Mit Hilfe der Dorfchronik und Lisbeths Zeichnungen begleitet Severin die Anfänge der Liebe zwischen Fortunat und seiner Frau und den Widerstand der Gsponer gegen den Fremdling, der Severin in der Gegenwart selbst ist. Er stößt auf Fortunats Plan, der das Tal um Gspona und die Schattwand für immer hätte verändern sollen. So entblättert Augstburger nach und nach die Chronik des fiktiven Gspona bis hin zu der unausweichlichen Katastrophe, die anfänglich nur zu erahnen ist, aber mit fortschreitender Handlung immer greifbarer Gestalt annimmt. Ganz nebenbei ist "Schattwand" dann auch noch ein unaufdringliches Plädoyer gegen Fremdenhass und Fortschrittsangst. Dabei wirkt nichts von alledem künstlich oder aufgesetzt. Alle Teile fügen sich nahtlos in ein perfekt konzipiertes Gesamtbild.

Am Ende von "Schattwand" ist Severin durch die Hölle gegangen und dieser entkommen. Augstburger lässt uns zur Versöhnung noch einen letzten Blick auf den geläuterten Severin werfen, der endlich seinen Frieden gefunden hat.

Schattwand

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