Die Monster von Templeton

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  • Erschienen: Januar 2009
Die Monster von Templeton
Die Monster von Templeton
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Almut Oetjen
69°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Nov 2009

Lederstrumpf in Loch Ness

Die Archäologin Wilhelmina Sunshine Upton, genannt Willie, 28 Jahre alt, promoviert in Stanford. Als sie sich von ihrem Professor Primus Dwyer geschwängert glaubt und seine Frau beinahe umbringt, kehrt sie in ihren Heimatort Templeton zurück. Sie wohnt bei ihrer Mutter Vivienne, genannt Vi. In ihrer desolaten Lage hofft Willie, sich zu Hause mit dem als Schande empfundenen Versagen auseinandersetzen und in Ruhe über ihre Entwicklungsmöglichkeiten nachdenken zu können.

Willie hat ihr bisheriges Leben in dem Glauben verbracht, sie sei in den siebziger Jahren von Hippie Vi in einer Sexorgie mit drei Männern gezeugt worden. Sie erfährt nun von Vi, dass ihr Vater tatsächlich ein angesehener Bürger Templetons ist. Auf Willies Drängen liefert Vi einen Hinweis: ihr Vater stamme von Marmaduke Temple ab, dem Gründer Templetons. Willies Freundin Clarissa rät ihr, Stammbaumforschung zu betreiben.

Zur Zeit der Rückkehr Willies wird im Glimmersee ein totes Monster gefunden. Es bekommt den Namen Flimmy. Untersuchungen ergeben, dass das Tier eine prähistorische Mischung aus Reptil und Fisch ist. Es findet eine Suche im See statt, die mit einer Tiefseetaucherkugel in dunkle Tiefen reicht.

Verschränkungen des Realen und des Fiktionalen

Der berühmteste Sohn der Stadt Templeton ist der bekannte Schriftsteller James Franklin Temple. Groff macht Figuren aus James Fenimore Coopers Reihe über Lederstrumpf Natty Bumppo (Hawkeye) zu historischen Zeugen in der Rekonstruktion von Willies Geschichte. Zu den Vorfahren Willies zählen neben Natty Bumppo die Mohikaner Chingachgook und Uncas, sowie die Offizierstochter Cora Munro, alle aus "Der letzte Mohikaner". Einem anderen Lederstrumpf-Roman, "Die Ansiedler", sind der Ort Templeton, der Coopers und Groffs Heimatstadt Cooperstown im Staat New York nachempfunden ist, und die Figur Marmaduke Temple entlehnt.

"Die Monster von Templeton" ist Teil einer noch jungen Entwicklung, die Figuren aus klassischen Werken in einen neuen Romankontext stellt oder eine klassische Erzählung fortschreibt.

"Die Monster von Templeton" thematisiert die Familie als einen traditionellen Wert, der in ihrer modernen Ausformung als Patchwork erhalten bleibt. Der anfangs fehlende Familienzusammenhalt beruht nicht auf dem Fehlen des Vaters, sondern auf der Existenz einer auf sich bezogenen Mutter, die bestimmt ist durch Instabilität und Gefühlsirritationen, Störungen ihrer Emotionalität. Willies Stammbaumforschung gibt ihr Aufschluss über ihre Herkunft und bewirkt einen familiären Heilungsprozess. Der Vater wird zwar gefunden, spielt aber keine Rolle über die Füllung einer Wissensleerstelle hinaus.

Willie kehrt in einer Fluchtbewegung vom Professor und der Bedrohung durch dessen Ehefrau als Gescheiterte, "knietief in der Schande" (S.13), in ihren Heimatort zurück. Dadurch erfährt die archetypische Abenteuerfahrt des Mythos gleichsam eine Umkehrung. Willie gelangt an eine Schwelle, die den Ausgangspunkt ihrer Rettung bildet. Sie muss in die Dunkelheit, die Tiefe hinabsteigen, durchmisst eine Welt gleichzeitig fremdartiger und vertrauter Kräfte. Sie durchlebt einige Prüfungen, die mit Vi, Männern der Kleinstadt, ihrem "Klümpchen" aus der Affäre mit Primus und mit Clarissa zu tun haben. Die Verwandlung, die sie durchmacht, die Erkenntnis, die daran gebunden ist, versöhnt sie mit ihren Eltern. Am Ende ist sie geläutert und bricht erneut auf, dieses Mal, um ihre Promotion zu Ende zu bringen.

Phantastische Momente

Der Roman ist durchsetzt mit wenigen phantastischen Momenten: den "Monstern" im See, Geistern aus dem See, die in einigen der Unterlagen eine Rolle spielen, sowie unsichtbaren Freunden Willies. Im Material, das Willie während ihrer Recherchen sichtet, taucht das Seeungeheuer Flimmy wiederholt auf und scheint verknüpft mit der Geschichte Templetons und Willies. Flimmy erinnert an Nessy, den Star unter den Seeungeheuern, und kann damit ebenso wie Willie einen Brückenschlag in das "alte Europa" erzeugen.

Das Buch wird beworben als eine Mischung aus phantastischem und historischem Roman. Der Phantastik zugehörig ist es jedoch nur am Rande. Für die Erzählung und deren Verstehen sind die phantastischen Elemente nicht notwendig, wirken allenfalls als Accessoires, bestenfalls sind sie bildhaft kommentierend. Auch würde ich "Die Monster von Templeton" nicht als historischen Roman bezeichnen, es sei denn, man betrachtet das Lesen alter Unterlagen (Briefe, Tagebücher etc.) durch eine heutige Figur als "historisch".

Fazit

Die Autorin erzählt im Gewand einer sentimentalen Kleinstadtgeschichte von einer Identitätsfindung, einer Wiedervereinigung, der Aufarbeitung von Vergangenheit, der Schaffung eines neuen gemeinsamen Raumes, schließlich der (unvollständigen) Trennung in Liebe und in dem Bemühen, eingeschlagene Pfade voranzuschreiten.

Groff hat ihre Willie reizvoll gestaltet, man begleitet sie gerne durch die gut konstruierte, mitunter jedoch etwas leblos anmutende Geschichte. Die Szenen zwischen Mutter und Tochter gehören zum Besten, was das Buch zu bieten hat. Die Charaktere und ihre Namen (Wilhelmina Sunshine Upton, Primus Dwyer, Ezekiel Felcher, Solomon Falconer, Euphonia Shipman, Remarkable Prettybones) sind alle irgendwie schräg und veranschaulichen den Sinn der Autorin für skurrilen Humor. Leider sind sie weitestgehend statisches Personal, das sich um Mutter und Tochter gruppiert. Etwas unglaubwürdig wirkt, dass das Material für Willies Recherche immer leicht verfügbar ist.

 

Die Monster von Templeton

Lauren Groff, -

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