Zerbrechliche Dinge

Erschienen: Januar 2010

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Verena Wolf
Eine Schatztruhe fantastischer Kleinode

Buch-Rezension von Verena Wolf Dez 2009

Neil Gaiman ist schon lange kein Unbekannter mehr. Zuerst machte er sich mit seinen fantastischen Sandman-Comics einen Namen in der Fantasy- und Comicszene, später wurde er dem breiten englischsprachigen Publikum und knapp danach auch dem deutschen z.B. mit seinen Romanen "Niemalsland", "American Gods" und "Anansi Boys" ein Begriff für fantastische Literatur mit Format. Einige seiner Bücher, wie das Kinderbuch "Caroline" und "Sternenwanderer" wurden verfilmt, und das mit beachtlichen Erfolg. Allerdings ist es trotzdem eine Besonderheit, wenn in Deutschland eine Kurzgeschichtensammlung eines Autors veröffentlich wird. Mit "Zerbrechliche Dinge - Geschichten & Wunder" liegt jetzt endlich ein zweiter Storyband von Gaiman mit 14 erstmals auf deutsch erschienenen Kurzgeschichten vor. Der letzte Band mit dem etwas seltsam gewählten deutschen Titel "Die Messerkönigin" (das Original "Smoke and Mirrors" traf die zauberhafte Raffinesse weit besser) ist schon vor fast zehn Jahren auf den Markt gekommen, das englische Original "Fragile Things" ist immerhin schon seit 2006 zu haben.

Zwischen Tag und Traum, bizarr und brillant

Neil Gaiman ist deswegen ein Fantasy-Autor der Extraklasse, weil er nicht einfach bestehende Muster wiederkaut, sondern stets etwas Außergewöhnliches und Einzigartiges schafft, weit weg von Elfen und Vampir-Romantik. Das erlebt man in seinen Romanen, aber Gaiman "kann auch kurz". Jede der vorliegenden Kurzgeschichten ist für sich einmalig, aber rund und abgeschlossen und bleibt lange im Gedächtnis. In Klappentext steht: "Gaimans Geschichten spielen an den Übergängen von Traum und Wirklichkeit" und ausnahmsweise trifft das den Nagel auf den Kopf. Fast alle Geschichten beginnen so, dass der Leser glaubt, sich in der Wirklichkeit, in unserer Welt zu befinden, sei es im Heute, in der Vergangenheit oder in einer späteren Zeit. Ganz allmählich, zuerst oft unbemerkt, durchdringt das Phantastische das Reale, so elegant und meisterhaft konstruiert, dass man dem Geschehen glaubt, sogar dann, wenn es objektiv längst behutsam geführt die Grenze zum scheinbar "Unmöglichen" überschritten hat. Wie in einem Traum stellt man nicht das Geschriebene in Frage, sondern eher das, was man - bisher - als in Stein gemeißelt, als real, hingenommen hat. Dementsprechend extrem gut für Einsteiger geeignet, die sonst eher "Fantasy" als irrealen Mumpitz ablehnen oder Kurzgeschichten als solches eher misstrauisch umgehen. Die Stories sind extrem gut konstruiert, wie sehr merkt man oft verblüfft erst zum Schluss, aber trotzdem fließen sie elegant dahin, sind warmherzig, humorvoll und schlichtweg intelligent in ihrer Unvorhersehbarkeit. Man bekommt einen extrem guten Eindruck von Gaimans Phantasie und außergewöhnlicher Vorstellungskraft. Kurzgesagt: einfach lesenswert

14 Fantasy-Geschichten, die zeigen, was Phantastik kann

Das Spektrum der Stories ist extrem breit gefächert. In "Der Herr der Tals" trifft man Shadow aus "American Gods" wieder und auch hier muss er sich wortkarg in einer zwielichtigen Welt zurechtfinden. "Bitterer Kaffeesatz" ist eine Zombiegeschichte der besonderen Art, die die schwüle Woodoo-Atmosphäre von "Angelheart" hat. "Sonnenvogel" ist eine typische Gaiman-Geschichte über einen sehr seltsamen Verein von Feinschmeckern, die unterschätzen, wie sehr Magie auch ihr Leben durchdringt. "Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste" ist eine intelligente, liebevolle Persiflage auf die englischen romantischen Geistergeschichten des 19. Jahrhundert, nach der letzten Zeile hätte ich am liebsten meinen nicht vorhandenen Zylinder gezogen. "Goliath" spielt im Matrixuniversum, "Gustav hat den Frack an" mit dem Thema "Musik und Magie" und ist trotzdem eine kleine "Erwachsen-werden-Geschichte" voller wissender Melancholie. In eine ähnliche Richtung, allerdings voll beißendem Humor geht die Geschichte "Wie man auf Partys Mädchen" anspricht. Hier fragt sich der jugendliche Held genau das und glaubt seinem selbstsicheren Freund nicht wirklich, dass Mädchen nicht von einem anderen Stern sind. Dass er mit diesem Zweifel nicht ganz unrecht hat, führt Gaiman höchst amüsant vor Augen. Jede der Geschichten hat ihre Berechtigung und ist zurecht endlich - und das sehr gut und sorgfältig - ins Deutsche übertragen worden.

Der einzige Wermutstropfen ist bei "Zerbrechliche Dinge" das es nur 14 Geschichten sind, die britische Version bietet ganze 23 Kurzgeschichten plus vier Gedichte, die amerikanische noch einige mehr. Auch fehlt bei der deutschen Ausgabe das Vorwort von Gaiman, in dem er erzählt, wie es zu den einzelnen Geschichten kam, diese Hintergrundinformation wäre zumindest für Gaiman-Fans bestimmt lesenswert. Aber ansonsten: Absolute Empfehlung.

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