Das Gemälde

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2009
Das Gemälde
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Almut Oetjen
75°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Dez 2009

Gotischer Horror im Heute

Der alte Junggeselle Theo Parmitter von der Universität Cambridge erzählt seinem früheren Studenten und heutigen Freund Oliver eine mysteriöse Geschichte über ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, das er auf einer Auktion erworben hat. Das Bild zeigt eine venezianische Karnevalsszene, in der Oliver besonders eine Figur auffällt, die den Betrachter anschaut und ein Eigenleben im Bild zu führen scheint. Theo erzählt seinem Freund auch von einer alten Gräfin, deren Mann von einer anderen Frau geliebt wurde, die sich an ihm für die Ablehnung rächen wollte.

Mehr will ich vom Inhalt nicht preisgeben, damit die Leser das schmale Bändchen mit der großzügig gesetzten Novelle, ein Handschmeichler von Droemer/Knaur, selbst ergründen können.

Susan Hill folgt M. R. James, einem Klassiker der Ghost Story

M.R. James (1862-1936), der Schriftsteller und Gelehrte von der Universität Cambridge, wurde bekannt als Verfasser von Geistergeschichten, für die er ein klassisches Muster entwickelte:

1. Der Held ist ein etwas naiver Gentleman und Gelehrter.
2. Es gibt drei wesentliche Handlungsorte: eine Abtei oder Universität; einen malerischen Ort in England; eine alte Stadt auf dem Kontinent.
3. Ein altes Objekt (Buch, Gemälde) wird zur Bedrohung.
4. Eine geisterhafte Erscheinung verhält sich in böser Absicht gegen Lebende.

Diesem Muster entspricht Hills Novelle vollständig. Von James sind bei uns Hörbücher erhältlich, etwa "Runenbeschwörung" und "Die Esche", sowie (antiquarisch) "Dreizehn Geistergeschichten" (Phantastische Bibliothek 247).

Beim Lesen kamen mir die vier bekannten Weihnachtsmärchen von Charles Dickens ins Gedächtnis, auch Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray". Als die Erzählung sich ihrem Ende nähert, erinnert sie in wichtigen Details an Nicholas Roegs großartigen Film "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

Eine elegant erzählte Novelle

Die Autorin Susan Hill erzählt altmodisch und elegant eine atmosphärische Geistergeschichte, die sie nahezu ausschließlich aus der rückschauenden Perspektive verschiedener Personen vermittelt. Obgleich man beim Lesen ständig das Gefühl hat, die Handlung spiele im 19. Jahrhundert, ist sie doch eindeutig heutig.

Beim gotischen Horror stellt man sich als Leser immer wieder Fragen wie: Warum lässt die Heldin ihr Fenster offen, wenn sie doch um die Gefährdung durch den Vampir weiß, oder sie zumindest erahnt? In Hills Buch ist es mir ähnlich ergangen. Zudem wirkt die Handlung gelegentlich vorhersehbar, nur um dann doch eine überraschende Wendung zu nehmen.

Ob Susan Hill mit ihrer Novelle eine Wiederbelebung der gotischen Horrorgeschichte gelingt, müssen die Leser für sich entscheiden. "Das Gemälde" ist jenseits solcher Überlegungen eine schöne Lektüre für Leser und Leserinnen, die angenehme romantische Schauer - idealer Weise bei Kerzenlicht - erleben wollen.

Das Gemälde

Susan Hill, Droemer-Knaur

Das Gemälde

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