Die Last der Welt

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  • Erschienen: Januar 2007
Die Last der Welt
Die Last der Welt
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Almut Oetjen
89°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Feb 2010

Die Kunst der Aneignung und das Alte im Neuen

Im antiken Mythos hat Herkules zwölf Arbeiten zu erledigen, deren elfte darin besteht, aus dem Garten der Hesperiden goldene Äpfel zu entwenden. Die Geschichte ist bekannt unter dem Titel "Die Äpfel der Hesperiden". Zwar wäre Herkules als Unsterblichem der Zugang zu diesem Garten nicht zu verwehren, er könnte ihn jedoch nicht mehr verlassen. Deshalb gibt Prometheus ihm den Rat, sich die Äpfel von Atlas beschaffen zu lassen, dem Nachbarn der Hesperiden. Der Apfelbaum war ein Hochzeitsgeschenk von Atlas' Mutter Erde an Hera und Zeus. Bewacht wird der Garten von der Schlange Ladon und den Hesperiden - Nymphen, deren Vater in manchen Fassungen des Mythos Atlas ist. Atlas erweist sich als hinterhältig und hilfsbereit zugleich. Herkules soll für ihn den Himmel tragen, während er die Äpfel beschafft. Mit welcher List Atlas an die Äpfel kommt, erfahren wir nicht. Als er mit ihnen bei Herkules eintrifft, will er den Himmel nicht zurücknehmen. Herkules zeigt sich seinerseits als listig, stimmt zu, den Himmel weiterhin zu tragen, will sich aber ein Kissen zur Entlastung des Nackens fertigen (in manchen Fassungen: zurechtrücken). Während dieser Zeit soll Atlas den Himmel noch einmal tragen.

"Ich will die Geschichte von Neuem erzählen"

Es gibt verschiedene Ausgestaltungen des Mythos. In einer Variante dringt Herkules in den Garten ein, tötet die Schlange und nimmt die Äpfel mit. Jede Generation erzähle Mythen neu, einen bestimmten Zweck verfolgend, schreibt Jeanette Winterson in "Die Last der Welt". Sie erzählt Teile des Mythos um Herkules und Atlas auf ihre Weise nach und nennt diese Nacherzählung eine "Coverversion". Das Meer (Poseidon) und die Erde (Gaia) lieben sich. Poseidon, der selbst keine Grenzen anerkennt, schätzt die Grenzen der Erde. Die Liebenden bringen Atlas hervor, der später wie Prometheus von den Göttern wegen Grenzüberschreitung bestraft wird. Atlas muss auf ewig den Himmel tragen, der in Wintersons Nacherzählung zur Welt wird. Um diese sorgt sich Atlas. Daraus entsteht bei Winterson die Idee des Gewichts, was es bedeutet und wie es tragbar ist, als Last. Herkules ist anders als Atlas, er beschreibt sich als Draufgänger: "die einen machte ich kalt, die anderen legte ich flach, und was noch übrig war, verschlang ich."

Herkules, Atlas, Jeannette und die Welt

Winterson durchdenkt den Mythos nicht nur aus heutiger Perspektive, sie verbindet ihn mit ihrem eigenen Ansatz, Geschichten zu erzählen, fügt Reflexionen ein, Ereignisse aus ihrem Leben und persönliche Einlassungen, beides nicht unbekannt aus ihrem schriftstellerischen Werk.

"Da ich niemanden hatte, der mich trug, lernte ich, mich selbst zu tragen. Meine Freundin meint, ich hätte einen Atlas-Komplex."

Winterson akzeptiert die mythische Idee vom Schicksal, ohne dass diese ihr gefallen würde, und sie wendet sich subversiv dagegen, indem sie den Mythos selbst durch ihr Schreiben und ihre erzählerische Kreativität verändert und ihn mit ihrer Autobiographie verbindet. Das leicht lesbare Buch ist in Momenten auch komisch, so, wenn Herkules Atlas zur Rücknahme der Welt veranlasst. Anders als im antiken Mythos, begründet Herkules sein Leiden an der Welt mit der Existenz der Schweiz, genauer des Matterhorns, welches ihn in den Nacken sticht.

Grenzen und Freiheit

Schön ist, wie Winterson die romantische Beziehung zwischen Atlas' Eltern beschreibt, wie den Götterstreit, der dazu geführt hat, dass Atlas das Gewicht, die Last der Welt auf seinen Schultern tragen muss. Knapp und präzise gestaltet ist Atlas, ein nachdenklicher Titan, der körperlich erstarrt ist und sein Leben im Kopf führt. Atlas wird gegen den eher grobschlächtigen Herkules gestellt, dessen das Leben bestimmende Größen Sex und Gewalt sind. Herkules ist ein Mann, der nimmt, was er will, wann er es will, und dabei jeden beseitigt, der ihm im Wege steht. Gewissermaßen ein Entfesselter, im Gegensatz zu Prometheus. Winterson setzt sich mit der zwiespältigen Figur des Herkules auseinander, indem sie fragt, was notwendig ist, um aus einem Mann einen Helden zu machen. Atlas lebt durch das Denken, Herkules durch seine Taten. Beiden sind Selbstzweifel eigen. Winterson lotet an ihrem Beispiel die Bedeutung von Grenzen und von Verlangen, Freiheit, freiem Willen und Schicksal aus. Der Rollentausch beider Männer und die Einarbeitung der sowjetischen Hündin Laika, die 1957 gegen ihren Willen und unter Einplanung ihres Todes mit der Sputnik 2 ins All befördert wurde, erlauben es, die Komplexität dieser Überlegungen ebenso zu erhöhen.

Winterson zeigt zwei Möglichkeiten, sich mit den Wirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart und die Entwicklung des Selbst zu befassen. Prometheus erscheint als Blaupause für den Menschen, der verdammt ist zur Regeneration über die täglich gleiche und von ihm nicht gewollte Aktivität. Atlas bricht aus einer vergleichbaren Lage nur kurzzeitig aus und vereint sich am Ende mit einem durchaus irdischen Mythos, der Sputnikhündin Laika. Das Ende der Geschichte hat etwas schwach Versöhnliches für Atlas und Laika, die zu Gefährten werden. Wir sehen einmal mehr, was passiert, wenn wir uns den großen Herausforderungen des Lebens stellen: Prometheus wird täglich aufs Neue die Leber weggefressen, Zeus und Hera leben ein absurdes Arrangement namens Ehe. Die Geschichte, die Winterson erzählt, ist bestimmt durch Täuschung, Hintergehen, den Mut, beides zu ertragen. Wie leben die großen Heroen, und was können wir daraus lernen für unser weniger großes Leben? Fragen wir Laika - von Tatmenschen (wie Herkules einer ist) missbraucht und ins All geschossen, vom Kopfmenschen Atlas gerettet.

Und für wen soll das Buch nun sein?

"Die Last der Welt" ist mit Gewinn zu lesen, auch wenn man keinen Wert auf die biographischen Elemente legt, die in der Rezeption auffallend oft Gegenstand der Kritik sind. Winterson hat ein komplexes, nicht aber kompliziertes kleines Buch geschrieben, an dem seine Freude haben kann, wer antike Mythen mag, deren Nacherzählung in der kreativen Erneuerung des Stoffes die Frage stellt nach dem Gehalt von Mythen für unsere Existenz im Heute.

Die Last der Welt

Jeanette Winterson, -

Die Last der Welt

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