Der dunkle Engel

Erschienen: Januar 2009

Couch-Wertung:

75°
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Elmar Huber
Durchzogen von Verzweiflung, Hoffnung und sanfter Gefahr

Buch-Rezension von Elmar Huber Feb 2010

"Die Abtrünnigen schufen nun aus ihren bruchstückhaften Erinnerungen ein Evangelium, vermischten Ereignisse und sprachen ihr Kräfte zu, die sie nicht hatte, und ließen die Bedeutungen jener Kräfte, die sie wirklich besaß, außer Acht."

1985, ein kalter Abend im Januar. Vor Margarets Tür steht plötzlich die neunjährige Norah, in der Hand nur einen Koffer mit ihren Habseligkeiten. Nichts wünscht sich Margaret mehr, als dass das Mädchen ihre Enkelin ist, die Tochter ihrer eigenen Tochter Erica, die vor 10 Jahren mit ihrem anarchistischem Freund Wiley ohne eine Erklärung Richtung Mexiko verschwunden ist. In einer Mischung aus verzweifeltem Wunsch und hartnäckigem Glauben nimmt die Witwe Norah bei sich auf, schickt sie als ihre Enkeltochter in die Schule und legt sich für Nachbarn und Bekannte passende Begründungen zurecht, die die plötzliche Heimkehr einer unbekannten Enkeltochter erklären sollen. In Norahs Umfeld ereignen sich zudem immer wieder kleine Wunder, die vermuten lassen, dass das Mädchen weit mehr ist als ein Mensch.

"Manchmal verliert sie sich in ihrer Gedankenwelt und stellt sich Dinge vor, die gar nicht da sind."

Von Anfang an baut Keith Donohue eine mysteriöse Atmosphäre der Unsicherheit auf. Im Kopfe des Lesers lauert ständig die Frage, wer dieses seltsame Kind ist, das Margaret so bereitwillig anerkennt. Auch scheint Norah nicht alleine gekommen zu sein. Ein geheimnisvoller alter Mann ist ebenfalls in der Gegend aufgetaucht, der die Nachbarn nach der kleinen Norah ausfragt. Im unbekannten über die Beweggründe der Personen entsteht so einen durchgehend ungewisse Stimmung, die jeden Augenblick in greifbare Bedrohung kippen könnte.

Im zweiten Teil des Buches macht Donohue einen Zeitsprung zurück zu Ericas und Wileys Flucht. Das liest sich zunächst wie eine Road-Story und man meint förmlich ebenfalls das Gefühl dieses sorglosen Summer of Love zu spüren, in den sich allerdings schon bald erste dunkle Schatten schleichen. Der gemeinsame Weg der beiden endet ungeplant in einem Haus, in dem die kleine Una gemeinsam mit ihrer Großmutter lebt. Unas Eltern haben beide verlassen und mehr und mehr beginnen Una und ihre Großmutter in Erica und Wiley ihre Eltern bzw. Kinder, die zurück gekommen sind, zu sehen. Auch hier offenbart der Autor das Talent, konstant ein Gefühl des Unergründlichen und Bedrohlichen zu halten, als könnte schon auf der nächsten Seite etwas Grauenvolles geschehen.

Teil 3, der wieder 1985 spielt, und vor allem der zeitlich weit entfernte Epilog, schließen diesen diffusen Kreis mit Hilfe von Margarts Schwester Diane, die sich auf die Suche nach Erica macht, um endlich Klarheit über die Ereignisse zu bekommen.

"Sie (...) beugte sich wieder zu Boden, um weiter ihre Gebete in fremder Sprache zu sprechen, die von einer ihm nicht fassbaren Wildheit war."

Keith Donnohue ist mit "Der dunkle Engel" ein leiser Roman gelungen, der sich angenehm abhebt vom allgemeinen Bestreben, immer neue, grausamere Sensationen an den Leser bringen zu wollen. Der Roman ist durchzogen von Verzweiflung, Hoffnung und sanfter Gefahr, denn so ruhig der Roman auch erzählt ist, hat man doch das Gefühl, stets auf der Hut sein zu müssen, vor dem was kommt.

"Der dunkle Engel" ist schwer zu klassifizieren. Für Horrorfans möglicherweise zu harmlos und zu sehr Drama, für Fantasyleser zu wenige fremde Welten und Kreaturen. Noch dazu verlässt sich der Autor auf die traumartige Stimmung seines Romans und beweist den Mut, keine eindeutige Erklärung anzubieten. Es wäre schade, wenn dieser beeindruckende Roman aufgrund dieses Schubladendenkens sein Publikum nicht finden würde. Der Autor verfügt über das seltenes Talent, Stimmungen über lange Zeit aufrecht zu halten ohne zu Schockeffekten zu greifen. Er erzählt in einem ruhigen Fluss, in den sich unmerklich bedrohliche Strömungen einschleichen.

Um so mehr ist es schade, dass das Cover des Buches eine seelenlose Fotomontage zeigt, auf der der Engel der US-Hardcoverausgabe in eine Badewanne gestellt wurde (?).

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