Der kleine Hobbit

Erschienen: Januar 1957

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Michael Drewniok
Die lange unbemerkt bleibende Geburt eines grandiosen Mythenwerks

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2006

"In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit." Bilbo Beutlin von Beutelsend (Unter dem Berg) ist sein Name, ein typischer Vertreter dieses kleinwüchsigen und friedlichen Völkchens, das den schönen Dingen des Lebens zugetan ist und nichts so schätzt wie seine Ruhe und mindestens sechs gute Mahlzeiten pro Tag. Doch in Bilbos Adern kreist auch das Blut seiner Vorfahren aus dem Tuk-Zweig der Familie, der seit jeher scheel von den anderen Hobbit-Clans angesehen wird, da ihm einige echte Draufgänger und Abenteurer entsprungen sind.

Trotzdem ahnt Bilbo nichts Böses, als es eines schönen Abends an die runde Tür seines Höhlenhauses klopft. Hobbits besuchen gern einander, aber dieses Mal treten besondere Gäste ein: Thorin Eichenschild, König der Zwerge, und zwölf seiner Gefährten sind es, die den verblüfften Bilbo in ihrer Runde willkommen heißen: Gemeinsam mit ihnen soll er ins ferne Reich Dal ziehen, um dort einen Schatz zu heben!

Zu verdanken hat Bilbo dieses für ihn ungeheuerliche Ansinnen einem alten Freund, dem Zauberer Gandalf, der den Hobbit als "Meisterdieb" der Zwergenschar empfohlen hat. Besagter Schatz wird nämlich von einem mächtigen Drachen bewacht, der ihn gewiss nicht freiwillig hergeben wird. Dieses Untier, Smaug mit Namen, war es auch, das einst Thorins Großvater vom Thron stieß und das ganze Volk der Zwerge von Dal ins Exil trieb. Die Stadt und der Königspalast auf dem Einsamen Berg wurden zerstört, und seither terrorisiert Smaug die Lande um den Langen See, wenn er nicht gerade auf seinem Hort geraubten Goldes dem Schlaf des Ungerechten frönt.

Gegen diesen furchtbaren Feind soll es also gehen, als die Zwerge, Gandalf und der vom Zauberer mehr oder weniger sanft zur Teilnahme bewogene Bilbo sich auf den beschwerlichen Weg gen Osten machen. Die Gruppe reist durch gefährliche Gegenden, in denen sich nicht nur die Natur gegen sie verschworen hat: In den schroffen Nebelbergen, die es zu queren gilt, beginnen sich seit einiger Zeit Orks, gefährliche, in Höhlen lebende Kobolde, zusammenzurotten, um Tod und Verderben in die Länder des Ostens zu tragen. Die Reisenden geraten mitten in diesen Aufmarsch und werden gefangen genommen. Bilbo wird von seinen Gefährten getrennt und findet auf sich allein gestellt Rettung nur durch einen (scheinbaren) Zufall: Tief unter der Erde in den Höhlen der Orks findet er einen Zauberring, der ihn unsichtbar macht ...

Glücklich den Orks entronnen und wieder vereinigt, warten noch viele gefährliche Abenteuer auf die Reisenden. Dem düsteren Nachtwald und seinen ungastlichen Bewohnern und teuflischen Fallen gilt es zu entrinnen, wobei Bilbo allmählich über sich selbst hinauswächst und seinen Begleitern mehr als einmal das Leben rettet. Doch als man endlich am Ziel der Reise angekommen ist, lauert ein schrecklicher Gegner auf sie: Smaug, der Drache, ist kein tumbes Ungetüm, sondern ein höchst agiles und vor allem schlaues Geschöpf, das bald sehr genau weiß, was seine "Gäste" planen, und die Herausforderung mit Freuden annimmt ...

Ein Kinderbuch für alle Generationen

Gibt es denn wirklich noch etwas zu sagen über diesen Klassiker der phantastischen Literatur, der in den sechseinhalb Jahrzehnten seit seinem ersten Erscheinen bis zum Überdruss besprochen, interpretiert und analysiert wurde? Wahrscheinlich nicht - oder vielleicht gerade doch, denn wo verbales Stroh gedroschen wird, fällt meist viel Spreu über die wenigen Körner der Weisheit. Dazu gehört vor allem die unglückliche Tendenz, den "Hobbit" hauptsächlich als Präludium für das zu werten, was noch kommen sollte: als Vorspiel für den "Herrn der Ringe" nämlich. Aber damit tut man dem früheren Werk bitter unrecht. "Der Hobbit" soll und kann als vollständig eigenständiges Werk gelten, dessen Intention zudem in eine ganz andere Richtung weist. Das sollte auch nicht wundern, da doch mehr als anderthalb Jahrzehnte den "Hobbit" vom "Herrn der Ringe" trennen.

"Der Hobbit" wurde von John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), einem urbritischen Gelehrten mit erstaunlicher Fantasie als Kinder- oder Jugendbuch geplant und realisiert, und das ist es geblieben, Punkt. Die unerhörte Farbenpracht der Tolkienschen Mittelerde, die unerschütterlich auf ihrem ebenso massiven wie logistisch verzahnten Fundament einer eigenen Geografie, einer eigenen Geschichte oder einer eigenen Mythologie ruht, über dem sich ein eigener Mikrokosmos skurriler, aber bis ins Detail stimmiger Bewohner (Tolkien, der Literaturwissenschaftler, schuf sogar eigene Sprachen für die seinem Geist entsprungenen Völker) wölbt, ist im "Hobbit" noch rudimentär. Sie wird nur dort sichtbar, wo sie der Geschichte dienlich ist, was im Vergleich zum "Herrn der Ringe" selten der Fall ist: "Der Hobbit" präsentiert eine wesentlich simplere Handlung; im Grunde die altbewährte Queste, die Suche, die mindestens ebenso wichtig ist wie ihr Ziel. Die Abenteuer von Bilbo Beutlin und seinen Gefährten bilden die Perlen einer Kette, die vom Auenland (das hier übrigens niemals unter diesem Namen auftaucht) bis zum Einsamen Berg reicht. Allerdings stellt sich dann heraus, dass Tolkien durchaus einem wohl durchdachten Handlungsgerüst folgt. Der Kampf gegen Smaug und die sich anschließende "Schlacht der fünf Völker" stellt nicht nur den furiosen Höhepunkt der Ereignisse dar, sondern bringt die Suche sehr wohl zu ihrem logischen Ende, schürzt alle losen Enden zum logischen Knoten und verleiht dem "Hobbit" letztlich eine epische Dimension, die unbeabsichtigt, aber wirkungsvoll eben doch auf das hinweist, was bald folgen wird.

An dieser Stelle würde es definitiv zu weit führen zu dechiffrieren, wo und wie Tolkien sich für seine Welt durch die Märchen und Mythen des europäischen Abendlandes inspirieren ließ. Ich überlasse dies getrost denen, die nun, da der "Herr der Ringe" auch im Kino seinen Siegeszug angetreten hat, den Markt mit einschlägigen "Büchern zum Film" pflastern, und möchte nur voller Bewunderung auf die Meisterschaft hinweisen, mit der Tolkien das Entlehnte mit dem Ersonnenen verknüpft und zu einem dichten und jederzeit überzeugenden Ganzen verschmilzt.

Gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung übersieht man darüber entweder gänzlich oder verzeiht sie dem Autoren gern. Während Bilbo Beutlin und Gandalf es nicht ohne Grund in den "Herrn der Ringe" geschafft haben, bleiben Thorin Eichenschild und die Seinen eigentlich durchweg profillos. Wieso hat Tolkien gleich zwölf Zwerge eingeführt? Lassen wir seine Vorliebe für archaisierende Zahlenmystik (später wird es u. a. drei bzw. sieben bzw. neun Ringe der Macht geben) einmal beiseite, müsste ihm doch eigentlich klar gewesen sein, dass dieser Personalstamm einfach zu groß ist, um echte Charaktere zu schaffen. Tatsächlich sind die Zwerge hauptsächlich Kanonenfutter für den Geschichtenerzähler Tolkien, um es einmal etwas krass, aber deutlich auszudrücken. Man darf eben nicht vergessen, dass dieser 1937 als Romancier noch Neuling war. Das erklärt z. B. auch den recht abrupten und nicht wirklich überzeugenden Abgang Gandalfs zu Beginn der zweiten Romanhälfte: Als Teilnehmer der Reisegruppe hatte er sich als gar zu zaubermächtig erwiesen. Nur ohne seine Anwesenheit konnte Bilbo Beutlin sich zum Retter wider Willen emporschwingen.

Smaug, der Drache, ist eine der ganz wenigen Schöpfungen, die nur für den "Kleinen Hobbit" von Bedeutung sind und im "Herrn der Ringe" nicht mehr berücksichtigt werden. Das ist schade, denn er ist ein Bösewicht von Format und mit Potenzial. Andererseits ist er so, wie Tolkien ihn anlegte, eher märchenhaft als mythisch, und das macht ihn für ein Epos wie das vom Ringkrieg untauglich. (Im Kinofilm taucht Smaug übrigens als kleine visuelle Reminiszenz in einer Karte seiner handgeschriebenen Lebensgeschichte auf, die Bilbo stolz seinem Neffen Frodo präsentiert.)

Ein Buch sie zu fesseln, sie alle zu finden &

Was man mit Erleichterung zur Kenntnis nimmt, ist die Abwesenheit der Mythentümelei, die Tolkien im "Herrn der Ringe" an den Tag legt. Dort kann er seinen Drang, das hauptberuflich erworbene Fachwissen mit der akademischen Freizeit-Gedankenarbeit zu verquicken, viel zu häufig nicht unterdrücken, und langweilt seine Leser mit vermeintlich dramatischen, tatsächlich aber rührselig-pathetischen Einschüben zwischen Charles Chaplin und Leni Riefenstahl sowie aus- und abschweifenden historischen, soziologischen, ethnografischen etc. Pseudo-Fakten. Nicht verantwortlich darf man Tolkien jedoch dafür machen, auch darin Vorbild für seine zahllosen minderbegabten Epigonen geworden zu sein, die dem Meister folgen möchten und erst recht nur wieder und wieder geklonten Fantasy-Stumpfsinn in Endlos-Serien produzieren.

Ach ja: Die Frage, ob "Der kleine Hobbit" denn nun "nur" ein "Kinderbuch" ist, kann ich auch nicht beantworten. Ist sie denn überhaupt relevant? Falls doch, dann waren die Kinder von 1937 durchaus nicht aus weicherem Holz geschnitzt als die Garanten für die Renten des 21. Jahrhunderts. Tolkien lässt tüchtig schlachten und gruseln, aber meine Güte: In jedem Märchen geht es so zu! Hier darf man den Autoren beneiden, der in Zeiten lebte, als er den Terror noch "Smaug" und nicht "political correctness" nennen durfte ... Ansonsten gilt, dass der "Hobbit" einfach ein meisterhaftes Werk der Unterhaltungsliteratur ist, das Leser jedes Alters zu fesseln weiß. (Auch wenn Spielverderber darüber quengeln, dass Tolkien noch rigoroser als im "Herrn der Ringe" im "Hobbit" jedes Wesen weiblichen Geschlechts ausspart - gleichgültig, was dies angeblich über ihn aussagen mag! "Der kleine Hobbit" ist ein Werk von 1937, für dessen Beurteilung die Bedingungen und Beschränkungen dieser Zeit zu berücksichtigen sind.)

"Der Hobbit" kann seinen Klassiker-Status in der deutschen Fassung auch jenseits der zeitlosen Qualität der Geschichte durch die lesenswerten Übersetzungen - die alte von Walter Scherf wie die neue von Wolfgang Krege unterstreichen. Sie ist ein gutes Stück über die Translations-Stammeleien überlasteter, unterbezahlter und minderbegabter Wortklauber erhaben, mit denen wir Leser des Phantastischen heute allzu oft abgefertigt werden.

P. S.: "Als Bilbo seine Augen öffnete, ... konnte er [in den Höhlen der Orks] nichts finden, ... und er hatte keine Ahnung, in welche Richtung [seine Gefährten] gelaufen waren. Auf gut Glück kroch er ein ordentliches Stück weiter, bis seine Hand plötzlich auf dem Boden des Stollens etwas liegen fand - etwas, das sich wie ein dünner Ring aus einem kalten Metall anfühlte. Und das war ein Wendepunkt in seinem Leben. Aber er wusste es nicht. Er steckte den Ring in seine Tasche, ohne sich Gedanken zu machen."Es hilft nichts; obwohl der "Hobbit" wie gesagt als singuläres Werk bestehen kann, jagt einem Tolkiens Geschick, ihn nachträglich für den "Herrn der Ringe" zu adaptieren, durchaus Schauder über den Rücken. Er wusste ganz genau, wo er anzuknüpfen hatte. Aus den wenigen oben zitierten, so harmlos klingenden Sätzen erwuchs nicht nur ein 1500-seitiges Epos, das zum Klassiker der Unterhaltungs-Literatur wurde, sondern ein moderner Mythos, der in einem halben Jahrzehnt längst unter Beweis gestellt hat, was Harry Potter noch schuldig bleiben muss: den Status eines echten Klassikers, der über den Medienhype hinausgeht und ein Eigenleben fern jeder Mode entwickelt.

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