Schattenwanderer

Erschienen: Januar 2010

Couch-Wertung:

75°
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Carsten Kuhr
Der Fantasy-Bestseller aus Russland - wird er die Fantasy so beeindrucken wie Lukianenkos Werke die SF?

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Apr 2010

Unser etwas anderer Held Garrett geht einer angesehenen, aber weithin unterschätzten Profession nach. Er ist ein Dieb. Nun brauchen Sie wirklich nicht die Stirn zu runzeln oder schnell nach ihrem Beutel zu greifen, ob dieser auch noch am Gürtel hängt oder sich der Inhalt vielleicht verflüchtigt hat, mit so etwas gibt sich Garrett, der legendäre Schatten, schon lange nicht mehr ab. Er ist ein Meister seiner Zunft, ein Dieb, der sich nur an die schwierigsten Aufträge wagt.

Sagte ich seiner Zunft? Nun, mit der Gilde der Diebe hat Garrett so seine Schwierigkeiten, schließlich riskiert er für seine Beutezüge Kopf und Kragen, und der Gilde da die Hälfte abzugeben, sieht er nicht ein. So ist ihm nicht nur die Wache, sondern auch die Diebesgilde auf den Fersen. Damit nicht genug, haben auch ziegenköpfige Doralisser, die Mördergilde und Dämonen noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Wem das noch nicht langt, den wird es nicht sonderlich erstaunen, dass auch die Magier und der König höchstselbst ihn zu sprechen wünschen - dringend versteht sich. Und einer solchen Einladung, noch dazu ausgesprochen von den Wilden Herzen, der Eliteeinheit des Königreiches, kann man kaum ausschlagen - noch nicht einmal, wenn man Garrett heißt.

Und so sitzt unser Meisterdieb eines Nachts im Königspalast einer illustren Gesellschaft gegenüber. Der König selbst erteilt ihm einen Auftrag, und bei Sagoth, dem Gott der Diebe, unser Schatten muss ihn annehmen, sonst geht die Welt, wie er sie kennt, unter.

Der Unaussprechliche hat seine Truppen um sich gesammelt. Oger, Orks und dunkle Schamanenpriester stehen bereit, das menschliche Königreich Sialas und das EIbenreich gleich mit zu überrennen. Nur ein uraltes magisches Relikt, das legendäre orksche Horn des Regenbogens, kann den Unaussprechlichen aufhalten - doch dieses ist gut und sicher versteckt. Und nun raten sie mal, wer nach bereits zwei gescheiterten Versuchen die Kastanien aus dem Feuer holen soll und das Horn, das in der achten Ebene der beinernen Paläste Hrad Spines, des uralten Ork- und EIbenfriedhofes verborgen ist, beschaffen darf - yours truly Garrett, der Schatten.

So macht er sich, nachdem er seine dringendsten Angelegenheiten in Awendum geregelt und einige Pläne Hrad Spines aus dem verbotenen Viertel besorgt hat, wenn auch widerstrebend, gemeinsam mit einer Gruppe Kämpfer, einigen Elfen, einem Zwerg, einem Gnom und dem königlichen Narren, einem Kobold, auf, die dunklen Wälder der Orks zu bereisen ...

Ein Russe wandelt auf amerikanischen Fantasy-Pfaden

Was ist das für eine Fantasy-Trilogie, die zumindest verkaufstechnisch in Russland selbst den "Herrn der Ringe" alt aussehen lässt? Nach Sergej Lukianenkos "Wächter"-Zyklus brechen die "Chroniken von Siala" dort sämtliche Verkaufsrekorde. Nun soll also auch der deutsche Markt erschlossen werden. In einer sehr sorgfältigen, angenehm zu lesenden Übersetzung von Christiane Pöhlmann erwartet den Leser zunächst einmal eine auf den ersten Blich recht gewöhnliche High-Fantasy-Geschichte. Einmal mehr ist ein Mann vom Schicksal dazu auserwählt, bei dem anstehenden Kampf gegen einen bösen Aggressor entscheidend einzugreifen. Es gibt eine magische Waffe, die zum Obsiegen unserer Guten vonnöten ist, Götter greifen, wenn auch eher zaghaft, ins Geschehen ein, zu unserem Helden gesellt sich eine ganze Schar verschiedenster Helfer.

Man sieht, der Plot als solcher ist also nicht eben neu und schon gar nicht sensationell! Pehov bewegt sich inhaltlich im Bereich der üblichen Questen-Romane anglo-amerikanischer Prägung. Hatte man bei den Romanen aus der Feder von Lukianenko und Glukhovsky noch einen ganz ungewöhnlichen Einblick in die russische Gesellschaft und Seele erhalten, so erinnert das dieses Mal Gebotene kaum mehr an östliche Wurzeln. Das ist Mainstream-Fantasy, gefällig, spannend und zeitweilig humorvoll, aber nicht mehr. Es fehlt das typisch Russische, die Hinwendung zu alten Traditionen, der Aufgriff russischer Mythen und Märchen.

Was den Roman dann aber lesenswert macht, ist neben der bereits angesprochenen gefälligen Übersetzung der Erzähler. Garrett ist ein liebenswerter, eingebildeter Filou. Auffallend ist, dass hier kein Saulus zum Paulus mutiert, sondern, dass unsere Hauptperson immer stimmig in ihrem vorgegebenen Charakter agiert. Er ist beileibe kein überzeugter Held, der seine Queste stolz vor sich herträgt. Er ist ein Mann, dessen Ego es zwar schmeichelt, dass er und nur er für so kompetent gehalten wird, dass es ihm gelingen könnte, in die Nekropole einzusteigen, aber er sieht auch das Risiko, das mit dem finanziell lukrativen Auftrag verbunden ist. Garrett ist somit innerlich hin und her gerissen. Sein Ego, seine Selbstherrlichkeit und die Habgier auf der einen Seite, die Vorsicht vor den drohenden Gefahren auf der anderen Seite bringen ihn in einen deutlich bemerkbaren inneren Zwiespalt. Und genau dies, sein Zögern, seine Unwilligkeit, die Verlockung sich der Aufgabe zu entziehen, machen ihn und seine Gestalt sympathisch und glaubwürdig.

Die munteren, spritzigen Dialoge der teilweise in der Ich-Erzählform verfassten, dann wieder im allwissenden Erzählstil geschriebenen Kapitel machen die spannende Lektüre dann zum Selbstläufer. Das ist gute, stellenweise mitreißende Fantasy, die dem anglo-amerikanischen Vorbildern folgt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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