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Michael Drewniok
Der Doktor kommt, aber er hilft nur sich selbst

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2010

Er ist das kriminelle Superhirn seiner Zeit: Auf der ganzen Welt spinnt der mysteriöse Dr. Nikola seine Intrigen, die in der Regel damit enden, dass reiche Männer und große Firmen viel Geld verlieren. Doch vor einiger Zeit hat sich jemand Nikola in den Weg gestellt, wodurch dem Schurken diverse Pläne zunichte gemacht wurden. Nun ist es genug, aber Nikola wäre nicht Nikola, wollte er sich den Rivalen nur vom Hals schaffen. Dem Frechling soll eine Lektion erteilt, er soll ruiniert und gedemütigt werden. Um dies zu gewährleisten, entwirft Nikola einen komplizierten Racheplan. Für die Realisierung heuert er drei skrupellose Schurken an und schickt sie mit genauen Anweisungen aus.

Buchstäblich am anderen Ende des Globus´ - in Australien - stolpert Richard Hatteras in das Abenteuer seines Lebens. Als er eine Reise nach England antritt, um die Heimat seines Vaters kennenzulernen, verliebt er sich in die junge Phyllis Wetherell. Sie ist in Begleitung ihres Vaters, des Kolonialsekretärs Sylvester Wetherall, der sich als Nikolas ´Zielperson´ entpuppt. Davon ahnt Hatteras natürlich zu diesem Zeitpunkt nichts, weshalb er nicht einschätzen kann, wieso der alte Wetherell, der Nikolas Schergen entdeckt hat, voller Schrecken und in Begleitung seiner Tochter in Australien untertaucht.

Hatteras beginnt eine intensive Suche nach seiner Braut und gerät dabei Nikola in die Quere. Obwohl vom Doktor eindringlich gewarnt, macht er sich auf den Weg nach Australien. In Begleitung eines jungen englischen Adligen gerät Hatteras in diverse Fallen und Ablenkungsmanöver des tückischen Dr. Nikola. Unerschrocken bleibt er diesem auf den Fersen. Auf einer einsamen Südsee-Insel kommt es zum finalen Duell, doch das Schurkengenie hält auch dieses Mal die Fäden fest in der Hand ...

Vom Archetyp zum Klischee

An ihren prägnanten Eigenheiten lassen sie sich erkennen: Die großen, klassisch gewordenen Schurken definierten sich niemals allein über ihre Taten. Sie drücken ihre böse Intelligenz bereits optisch und akustisch aus, präsentieren sich flamboyant, extravagant, aufregend. Auf keinen Fall sind sie gewöhnliche Verbrecher, verwenden auf Stilfragen mindestens soviel Energie wie auf den Entwurf unerhört komplizierter Pläne, deren Aufgehen sie eher gleichgültig lässt. Viel wichtiger ist ihnen die Intrige, das Düpieren übermächtiger Gegner sowie die Demütigung von Rivalen. Nie können sie der Versuchung widerstehen, sich vor diesen zu spreizen, wenn sie endlich in ihre Gewalt geraten sind, statt sie endgültig auszuschalten und sich auf die Durchführung ihrer genialen Projekte zu konzentrieren, die folgerichtig meist in letzter Sekunde scheitern.

Im 21. Jahrhundert sind die besten Macken längst vergeben. Die genialischen Bösewichter wiederholen sich und sind vom Archetyp zum Klischee herabgesunken. Nur selten fällt einem Schuft noch etwas Originelles ein. Da hatten es die kriminellen Ahnen einfacher. Dr. Nikola ist hier für manche echte Überraschung gut: Er beherrscht die Kunst der Hypnose und zwingt seine Gegner buchstäblich in seinen Bann, ist ein begnadeter Wissenschaftler (und Alchemist), der in seinem Labor betäubende Wundermittel und exotische Gifte mischt, sowie ein Meister der Maske, der zudem überall auf Verstecke und Helfershelfer zurückgreifen kann.

Auf die Details kommt es an!

Außerdem benutzt er eine schwarze Katze als Accessoire (und entlarvt damit die James-Bond-Nemesis Blofeld als schnöden Nachahmer). Guy Nevell Boothby hat einen gut entwickelten Sinn für die Inszenierung seines Schurken. In einem feinen Lokal in London lässt der Doktor drei gefährliche Männer zusammenkommen. Zu seinen Anweisungen gehört die Bereitstellung einer Schale mit Milch. Was bedeutet dieses Detail? Noch bevor Boothby seinen Lesern Nikola vorstellt, hat er sie neugierig auf diese Figur gemacht, die er später so überhöhen wird: "Nun, er ist Nikola, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Wenn Sie ein kluger Mann sind, werden Sie nicht mehr wissen wollen. Fragen sie die chinesischen Mütter, ... wer er ist, fragen sie die Japaner, die Malaien, die Hindus, die Burmesen, die Kohlenträger in Port Said, die buddhistischen Priester auf Ceylon; fragen Sie den König von Korea, die Menschen oben in Tibet, die spanischen Priester in Manila oder den Sultan von Borneo, den Minister von Siam oder die Franzosen in Saigon, sie alle kennen Dr. Nikola und seine Katze; und glauben Sie mir, sie fürchten ihn." (S. 210)

Nikola scheint nicht nur für Blofeld, sondern auch für andere klassische Finsterlinge Pate gestanden zu haben: Sein betont mysteriöses Auftreten und sein Faible für schwarzmagisch anmutende Tricks verweisen auf Dr. Fu-Manchu, den Sax Rohmer (1883-1959) ab 1913 auf ahnungslose Abendländler losließ. Freilich war der Osten als Hort einer "gelben Gefahr" für brave und vorsichtshalber stets wachsame Abendländer bereits um 1900 ein politischer, kultureller und eben auch literarischer Topos. Zwei Jahrzehnte später bescherte Norbert Jacques seinen Lesern mit Dr. Mabuse einen ´europäischen´ Super-Verbrecher, der nichtsdestotrotz Dr. Nikola in Auftritt und Handlung sehr ähnlich war. Dass Dr. Nikola echte übernatürliche Kräfte besitzt, deutet Boothby zwar an, lässt es aber offen; als kluger Autor, der an die Zukunft denkt, lässt er diese Katze im ersten Band seiner Serie im Sack.

Der Inhalt verdeckt die Form

Starke Figuren können dem Verfasser, der sie zu schaffen versteht, viel Arbeit ersparen. In unserem Fall überstrahlt Dr. Nikola mit einer Persönlichkeit, die selbst in seiner Abwesenheit über der Handlung schwebt, die im Grunde simple Struktur dieses Romans. Hinter dem Gewirr eines überkompliziert eingefädelten und selbst im 19. Jahrhundert unrealistischen Intrigengespinstes kommt viel heiße Luft zum Vorschein. Boothby konnte nie viel Zeit auf originelle Plots verwenden. Sie waren in seinem Metier - der Unterhaltungsliteratur - auch nicht wichtig. Hier griff man auf bewährte Geschichten und Figuren zurück, die variiert und der jeweiligen Handlung angepasst wurden.

In der Tat funktionieren Elemente wie Verfolgungsjagden, Todesfallen oder dramatische Rettungsaktionen, selbst wenn das dabei zum Einsatz kommende Instrumentarium inzwischen altmodisch wirkt. Auch die Rollenverteilung hat sich konserviert. Das Dreieck Schurke - Maid in Not - junger Held ist zeitlos, selbst die damit einhergehenden Klischees fallen mehr als 100 Jahre später kaum irritierend ins Gewicht.

Das wahre Alter der Geschichte wird dort zum Problem, wo sich der Alltag grundlegend gewandelt hat. Die Liebesgeschichte von Richard und Phyllis wirkt heute steif und in die Länge gezogen, während den zeitgenössischen Lesern die diffizilen Regeln im Umgang zwischen Mann und Frau bekannt und vertraut waren. Natürlich - so muss man beinahe sagen - erweist sich Hatteras nicht nur als Ehren- sondern zufällig auch als Edelmann, wodurch sämtliche Vorbehalte, die man gegen ihn hegen könnte, mit einem Schlag ausgeräumt sind: Auch dies ist ein einst gern eingesetzter Knalleffekt.

Weniger erfreulich ist Boothbys Hang zu Wiederholungen und abschweifenden Nebenhandlungen, die mit der zentralen Handlung wenig bis gar nichts zu tun haben. Hierin erkennt man den Vielschreiber, der die Hatz auf Nikola und damit seinen Roman auf möglichst einfache, d. h. ideenarme Weise zu verlängern sucht. Immerhin lesen sich diese Schlenker oft unterhaltsam, da Boothby Land und Leute, über die er schreibt, selbst bereist hat und deshalb kennt.

Gute Bücher und schöne Bücher

Dass sich "Die Rache des Doctor Nikola" mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung insgesamt immer noch flüssig und spannend liest, spricht für den Verfasser (sowie für einen Übersetzer, der das künstlich Altmodische vermeidet, ohne das Alter der Vorlage zu verleugnen). Nicht nur die bloße Tatsache, dass ein Verlag das Risiko eingeht, eine mehr als 100 Jahre alte Reihe neu übersetzt auf den Buchmarkt zu bringen, ist positiv zu registrieren. Mit Bestseller-Auflagen ist hier kaum zu rechnen, weshalb die ´großen´ Häuser Dr. Nikola keines Blickes würdigen würden. Wie heute üblich, springt ein kleiner aber engagierter und wohl auch mutiger Verlag in die Bresche. Dem Käufer und neugierigen Leser, der über den Tellerrand der üblichen Verbrauchsliteratur schauen möchte, wird für einen moderaten Preis darüber hinaus ein Vorwort des Übersetzers geboten, der knapp aber umfassend Auskunft über Leben und Werk des Verfassers gibt.

"Die Rache des Doctor Nikola" erscheint als Paperback in Klappenbroschur. Das Buch ist schön gebunden, lässt sich aufschlagen, ohne dass dabei der Rücken krachend bersten würde, und dank ihres guten, dicken Papiers verkraften die Seiten auch energisches Umblättern ohne eselsohriges Nachgeben. Wer seine Bücher nicht nur liest, sondern auch liebt und sammelt, wird mit diesem Exemplar auf seine Kosten kommen!

Es bleibt noch die Frage, wieso die Abkürzung "Dr." in dieser neuen deutschen Ausgabe hartnäckig als "Doctor" aufgelöst wird ...

Die Rache des Doctor Nikola

Die Rache des Doctor Nikola

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Letzte Kommentare:
15.05.2011 15:51:06
tassieteufel

Das sehr schön gestaltete Buchcover weckte schon mal mein Interesse, als ich dann noch auf dem Klappentext etwas vom 19. Jh. las, mußte ich mit meinem Faible für die viktoriansiche Zeit sofort zugreifen.
Das Buch beginnt recht geheimnisvoll, 1890 werden 3 Männer aus allen Ecken der Welt in ein vornehmes Londoner Hotel zu einem Treffen mit einem 4. Gentlemen bestellt. Dieser entpuppt sich als Doctor Nikola, der ebenso mysteriös wie undurchsichtig ist und den 3 Herren recht ominöse Aufträge erteilt. Etwa zur selben Zeit fällt in Syndey eine junge Dame in die Hände einiger Rohlinge vor denen sie in letzter Sekunde von einem australischen Abenteurer gerettet wird. Der Retter in der Not ist Richard Hatteras, der zu einigem Wohlstand gekommen, sich auf dem Weg nach England befindet, um dort die Wurzeln seiner Familie kennenzulernen.
Bald schon trifft er die junge Dame wieder, die sich mit ihrem Vater ebenfalls auf dem Weg nach England befindet. Und auch Doctor Nikola tritt schon bald wieder in Aktion, denn sein Gegener, gegen den sich seine finseren Pläne richten, ist niemand anders als der Vater der jungen Dame und so wird Richard Hatteras ungewollt in ein rasantes Abenteuer verwickelt.

Obwohl schon vor über 100 Jahren geschrieben, bietet das Buch alles, was auch heutige Leser noch begeistert. Doctor Nikola stellt sämtliche Schurken der Buch- und Filmgeschichte in den Schatten, er ist ein wahrhaft perfider Bösewicht mit übersinnlichen Fähigkeiten, der ominöse Experimente durchführt und vor keiner Schandtat zurückschreckt. Tatsächlich kann man diverse Parallelen zu Dr. Mabuse, Fumanchu, dem James Bond Fiesling Blofeld und diversen anderen Schuften späterer Zeiten ziehen, aber Doctor Nikola war nunmal zuerst da und der Gentleman-Verbrecher füllt seine Rolle perfekt aus, zieht aus dem Hintergrund die Fäden und ist seinen Gegnern immer einen Schritt voraus und als besonderes Accesoire hat er stets eine große schwarze Katze dabei. Auch in der Ausführung seiner Pläne ist Doctor Nikola ganz besonders perfide, der Gegener, der die Frechheit hatte, seinen Wünsche zu wider zu handeln, wird nicht einfach schnöde ums Leben gebracht, nein, das wäre ja auch zu einfach. Mit einer Reihe übler Tricks soll der Gegenspieler seines Vermögens u. seiner Reputation beraubt werden und am Ende mittellos und gedemütigt zurück bleiben.
Dem Leser heutiger Thriller mit ausgefeilten, verzwickten und undurchschaubaren Plots mag die Geschichte recht einfach gestrickt vorkommen, was sicher durchaus zutrifft, aber der Mix aus Abenteuer, Intrige, exotischen, farbeprächtigen Kulissen und einem schillernden Schurken läßt das eher einfache Grundgerüst vergessen.
Die Liebesgeschichte zwischen Richard und Phyllis erscheint ein wenig steif, aber da der Autor zur fraglichen Zeit selbst gelebt hat, kann man wohl davon ausgehen, das er ein genaues Bild vom gesellschaftlichen Umgang zwischen Männern und Frauen widergegeben hat. Mir ist das allemal lieber als die anachronistischen Frauengestalten, die heute fast immer historische Romane bevölkern!

Fazit: eine herrliche viktorianische Schauergeschichte, die auch nach über 100 Jahren nichts von ihrem Charme eingebüßt hat. Exotische Orte, abenteuerliche Verfolgungsjagden, Todesfallen, dramatische Rettungsaktionen, ein perfider Oberschurke, eine Jungfer in Not und nat. ein Held der zu ihrer Rettung eilt, bieten hier flott und flüssig geschrieben abetnteuerliche Unterhaltung und machen gespannt auf den 2. Teil.