Silberlicht

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2010
Silberlicht
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Almut Oetjen
81°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Mai 2010

Persönliche Höllen

Helen ist tot und hält sich seit 130 Jahren als Geist in der Welt der Lebenden auf. Sie kann die Menschen sehen, ist als transparentes Lichtwesen für diese jedoch unsichtbar. Sie muss sich an menschliche Begleiter - "Bewahrer" - binden, wenn sie nicht im Grab liegen will. Ihre Zeit verbringt sie damit, Dichtern als Muse zu dienen und ihnen Worte einzugeben. Eines Tages sieht ihr der Schüler Billy direkt in das Gesicht und lächelt, eigentlich eine Unmöglichkeit. Das fünfundachtzig Jahre alte Lichtwesen James hat es geschafft, den Körper Billys zu übernehmen. Helen und James verlieben sich ineinander und versuchen, auch für Helen einen menschlichen Körper zu finden. Die Lösung soll das Mädchen Jenny sein. Aber damit beginnt eine problemreiche Beziehung voller Versprechen, Täuschungen und schwerwiegender Zugeständnisse.

Körper übernehmen

Die Übernahme eines Wirtskörpers durch eine fremde Macht ist ein beliebtes Thema im Genre der Science Fiction. Die vielleicht bekanntesten Werke sind Jack Finneys Roman "Die Körperfresser kommen" und Robert A. Heinleins "Die Marionettenspieler". Ein Ziel der Körperübernahme durch nicht-menschliche Wesen ist es, sich unbemerkt auf der Erde aufhalten zu können, so zur Vorbereitung einer Invasion. Der besetzte Mensch verliert dadurch jedoch seine Persönlichkeit und erscheint seinen Freunden und Bekannten fremd.

Whitcomb verleiht ihrer Fantasy-Version des Themas zwei interessante Facetten. Billy und Jenny konnten keine eigene Persönlichkeit entwickeln, weshalb ihre Seelen den Körper verlassen haben. Sie haben nicht aufgegeben und sind Marionetten geworden, die ein zufriedenes Leben führen. Sie sind zwei Jugendliche, die die Erwachsenen erleben, wie die Menschen bei Finney und Heinlein die Außerirdischen. Nach Übernahme der Körper Billys und Jennys versuchen sich James und Helen anzupassen, um nicht aufzufallen. Das gelingt kaum, weil sie keinen Zugriff auf das Wissen von Billy und Jenny haben. Aber in den Wirtskörpern beginnen sie sich langsam wieder an ihre frühere Existenz zu erinnern.

An der Oberfläche erzählt "Silberlicht" eine Liebesgeschichte, die bestimmt ist durch Jahre der Einsamkeit, die James und Helen als Lichtwesen verbracht haben. Darunter stellt das Buch die Frage, inwieweit die beiden moralisch handeln, indem sie Körper übernehmen, um ihr Verlangen zu befriedigen. Reicht die Lebensmüdigkeit eines Menschen aus, seinen Körper für sich zu beanspruchen? Auch wenn Helen diese romantische Variante des "Body Snatching" für Diebstahl hält, sucht der Roman nicht gezielt nach einer Antwort auf diese Frage, findet sie aber am Ende dann doch.

Familie als Eingriff in das Privatleben

"Silberlicht" zeichnet nicht eine heile Welt, sondern thematisiert mit Ernsthaftigkeit Probleme von Jugendlichen und stellt diese in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Billy ist aufgewachsen in einem Umfeld extremer häuslicher Gewalt, seine Mutter wurde von seinem Vater zum Pflegefall geprügelt. Der Vater sitzt im Gefängnis, Billys Vormund ist sein älterer Bruder Mitch. Jenny kommt aus einem dogmatischen religiösen Haushalt, in dem ihr Leben minutiös organisiert wird. Sie darf nur christliche Literatur lesen, die von der Gemeinde als Lesestoff abgesegnet ist. Kontakte sind nur zu Gemeindemitgliedern erwünscht. Die Erzählung beschreibt zwei verschiedene Pfade des Zerfalls bürgerlicher Familien.

"Ich muss dich warnen, meine Familie ist sehr religiös", sagte ich. "Erschrick nicht, wenn du sie triffst."
"Willst du damit sagen, deine Familie ist furchteinflößender als meine?", fragte er.
"Ja, aber auf eine andere Art", antwortete ich.

Die Charakterentwicklung ist glaubwürdig und trotz einiger kitschiger Beigaben plausibel. Auch die Nebenfiguren Dan, Cathy, Mitch und Mr. Brown sind nicht eindimensional geraten und bereichern die Erzählung. James und Helen sind vielschichtig gezeichnet. Ihre Wirtskörper sind zwar jugendlich, aber Helen starb mit 27, James mit 29 Jahren. Beide wurden zu Lebzeiten traumatisiert und haben als Lichtwesen bereits ein erhebliches Alter und entsprechende
Erfahrungen. Nur, weil sie die Körper Jugendlicher beziehen, sind sie nicht selbst jugendlich.

Laura Whitcombs Lichtwesen geraten in zwei exemplarische Familien verschiedener Ausprägung, die zeigen, wie das gemeinsame Blut einen Höllenstrom erzeugen kann. Die Darstellung des Lebens der Mittelschicht ist der Autorin gelungen, bis in die verstörenden Momente hinein, wie den beiden Fällen von Vergewaltigung, einer tatsächlichen und einer behaupteten.

"A Certain Slant of Light", so der Originaltitel, entwickelte sich in der Twilight-Gemeinde, den Anhängern von Stephenie Meyers Biss-Reihe, zur beliebten Lektüre und wurde vermutlich deshalb als "Silberlicht" übersetzt, und in der Werbung werden James und Helen als Nachfolger von Bella und Edward, als das "neue Traumpaar der übersinnlichen Welt" angekündigt. Ein wenig wird damit das Anliegen des Buches sabotiert.

"Silberlicht" ist auch eine schön erzählte Geschichte um Liebe und Erlösung. Angenehm ist, dass Whitcomb sich nicht an Klischees und Stereotypen aufhängt. Das Ende allerdings trägt etwas sehr dick auf. Als ein reizvoll geschriebener Roman, der Fragen behandelt, die in eskapistischer oder erbaulicher Literatur nicht beantwortet werden, ist Laura Whitcombs Roman eine empfehlenswerte Lektüre.

Silberlicht

Laura Whitcomb, Droemer-Knaur

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