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Carsten Kuhr
Die Renaissance des phantastischen Abenteuer-Romans geht weiter

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jun 2010

Europa Ende des 19. Jahrhunderts. Vor der griechischen Inselgruppe Santorin kommt es immer wieder zu Havarien. Schiffe sinken, und dies obwohl die Meeresstraße eigentlich mittels Leuchttürmen gut gesichert ist und auch die Schiffsführer zu den erfahrensten Kapitänen der griechischen Reeder zählten. Die Schiffe und ihre Lasten verschwinden ohne eine Spur zu hinterlassen.

Der letzte Untergang liegt noch nicht lange zurück, als der Enkel des Reeders, der den einzigen Überlebenden gut kennt, entscheidet, selbst etwas gegen das Mysterium zu unternehmen. Zusammen mit dem Kapitän reist er nach Berlin, um Carl Friedrich von Humboldt, der erst vor kurzer Zeit von seiner aufsehenerregenden Expedition nach Südamerika zurückgekommen ist, zu engagieren. So machen sich Carl Friedrich und seine inzwischen erprobte Mannschaft erneut auf, ein weiteres Rätsel der Menschheit zu lösen.

Über Athen führen sie ihre Ermittlungen zunächst nach Frankreich. Verfolgt von einem Assassinen, der ihnen nach dem Leben trachtet, treffen sie auf der Spitze des Eiffelturms Nicolas Tesla, dann geht es nach Le Havre, wo sie nicht nur Jules Verne begegnen, sondern auch das modernste Forschungsschiff seiner Zeit chartern. Mit der Calypso mieten sie auch gleich ein Highlight der französischen Ingenieurkunst - die erste Bathysphäre, eine Tauchkugel, mit der man bis zu einer Tiefe von 200 Metern den Ozean erkunden kann. Mit dieser versuchen sie in den Tiefen rund um Santorin dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Und dort stoßen sie, immer verfolgt von dem Attentäter, dann auf erste Hinweise auf eine geheimnisvolle Zivilisation, deren stählerne Ungetüme die Schiffe auf den Meeresgrund reißen und als Rohstofflieferant nutzen ...

Endlich einmal kein Biss- oder Potter-Klon

Mit dem Auftaktband der Chroniken der Weltensucher leitete Thomas Thiemeyer und der Loewe Verlag die Renaissance des phantastischen Abenteuer-Jugendromans ein. Statt stumpfsinnig dem Trend hinterherzulaufen und Biss- oder Potter-Klone aufzulegen, besannen sich Autor und Verlag auf alte Stärken.

Man nehme eine Zeit, als es noch ausreichend weiße Flecken auf den Landkarten der Welt gab, es aber schon möglich war, in exotische Gebiete vorzustoßen. Die Expeditionen in die Anden gab dem Autor dann die Möglichkeit, seine Heldentruppe vorzustellen und aufzubauen. Angeführt von dem tatkräftigen Wissenschaftler Humboldt, einem vermeintlich unehelichen Sohn des berühmten Naturforschers, einer übersinnlich begabten Haushälterin, der Nichte des Forschers und unseres jungen Protagonisten Oskar, eines Berliner Gossenjungen, dem sich der Forscher angenommen hat, erwartet den Leser ein buntes Quartett.

Gerade Oskar als Identifikationsfigur ist dabei geschickt gewählt. Aus einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen stammend, steigt man mit ihm verdientermaßen zusammen die soziale Leiter auf und erlebt mit und durch ihn die packende Handlung sehr direkt mit. Der Bengel ist gleichzeitig aufmüpfig und überschäumend genug, um ihn interessant und liebenswert zu machen, gleichzeitig offenbart er aber auch jede Menge positive Charaktereigenschaften, so dass es eine wahre Freude ist, in seine Haut zu schlüpfen.

Mit der aus Haiti stammenden Haushälterin und der aufgeweckten Nichte des Forschers, die beide gleichberechtigt und aktiv im Geschehen mitwirken, haben auch Leserinnen jeweils gute Bezugspunkte, so dass sich die Reihe an Schmökerfans jeglichen Alters und Geschlechts wendet. Punktete der Autor im ersten Teil noch ganz mit dem exotischen Setting (Urwald, Hochtäler der Anden), so bereisen seine Helden dieses Mal zwei Metropolen. Während Athen dabei nur gestreift wird, erhält der Leser von Paris einen tieferen Einblick. Zwar ordnet sich auch hier alles der rasanten Handlung unter, dennoch nutzt er die Stippvisite dazu, nicht nur den damals als Schandfleck verpönten Eiffelturm zu besteigen, sondern auch historische Figuren auftreten zu lassen. Sei es Nicolas Tesla, Hippolythe Rimbault oder Jules Verne, sie alle werden kurz aber umfassend vorgestellt. Mit dem unsere Gruppe hartnäckig verfolgenden Attentäter sorgt Thiemeyer für zusätzliche Spannung. Dann geht es in die unbekannten Tiefes des Meeres. Hier spricht der Autor auf amüsant und spannend zu lesende Art Themen wie die Verantwortung der Wissenschaftler für ihre jeweiligen Schöpfungen an, greift alte Rätsel auf, warnt vor sich verselbständigenden Gefahren durch despotisch agierende Führer, streift aber auch die nach dem ersten Weltkrieg nach wie vor merklichen Ressentiments der Nachbarn Frankreich und Deutschland. Das erinnert - gewollt - immer wieder ein wenig an "20000 Meilen unter dem Meer", geht dann aber doch eigene Wege und zieht den Leser mit seinen packenden Geheimnissen in seinen Bann.

Einziger Wermutstropfen für mich, dass der Handlungsort des kaiserlichen Berlins leider erneut kaum genutzt wird. Das ist beste Jugendliteratur, gehaltvoll, spannend und angereichert mit phantastischen Elementen.

Der Palast des Poseidon

Der Palast des Poseidon

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