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Andreas Kurth
Überlebenskampf mit moralischen Prinzipien

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2010

In ihrem neuen Buch "Kristall der Macht" hat die zweimalige Gewinnerin des Deutschen Phantastik-Preises mal wieder eine ganz neue Welt für ihre Fans erschaffen. Wie gewohnt setzt Monika Felten dabei nicht auf krachende Action, sondern präsentiert starke Charaktere, die mit ihren nachdenklichen Dialogen und überraschendem Handeln die Geschichte prägen. Ausgangspunkt ist die mitten im Meer gelegene Insel Nintau. Ein geheimnisvoller Kreis von fünf versteinerten Jungfrauen und fünf Kristallen bannt den Luantar, einen uralten und ebenfalls versteinerten Dämon. Vor Unzeiten soll er die Insel mit einem giftigen Nebelatem heimgesucht und den Großteil der Bevölkerung ausgerottet haben. Gebannt wurde er vom Zauber der Maor-Say, einer Hohepriesterin, die den Luantar und die geopferten Jungfrauen versteinerte.

Noelani ist die amtierende Maor-Say und hütet den Kristallkreis wie ihren Augapfel - muss dafür allerdings einen hohen Preis zahlen. Denn sie lebt allein im Tempel, getrennt von ihrem Volk und ihrer Zwillingsschwester Kaori, nur umgeben von einigen Dienerinnen und ihrem persönlichen Berater und Leibwächter. Und plötzlich geschieht das schier unfassbare: Gelber Nebel verschlingt abermals die gesamte Insel und vernichtet alles Leben auf Nintau, nur wenige Einwohner können sich in höher gelegene Bergregionen retten. Auch Kaori, die geliebte Zwillingsschwester der Maor-Say stirbt - doch das Unglück scheint nicht das Werk des Dämons zu sein. Kaori bleibt in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod hängen und findet durch Gespräche mit dem dort ebenfalls zu findenden Geist des Luantar heraus, dass die alten Legenden offenbar nur eine Lüge sind.

Der tödliche Brodem steigt vielmehr von einer westlich gelegenen Vulkaninsel auf. Das Unglück kann sich also jederzeit wiederholen. Noelani wird bei einer so genannten Geistreise von ihrer Schwester informiert, und überzeugt die Überlebenden, Nintau mit Flößen zu verlassen, um zum Festland zu gelangen. Die Überfahrt gestaltet sich hochdramatisch, nur ein Teil der Flöße werden im Sturm von einem Schiff aufgesammelt. Auf dem Festland kommen Noelani und ihr Volk in das vom Krieg gebeutelte Baha-Uddin. Die Maor-Say gerät in die Palastintrigen und wird vom König gezwungen, zu seinen Gunsten mit ihren magischen Fähigkeiten in den Konflikt einzugreifen. Noelani lehnt das Töten aus Überzeugung ab, aber zum Schutz ihres Volkes bleibt ihr keine andere Wahl. Die dramatischen Ereignisse nehmen ihren Lauf und es kommt zu einem höchst überraschenden und den Leser tief berührenden Finale.

Eine starke Frauengestalt prägt die Geschichte

Monika Feltens flüssig erzählte Geschichte schlägt die Leser von Beginn an in ihren Bann. Und wie so oft bei dieser Autorin ist es eine starke Frauengestalt, die in der Geschichte eine prägende Rolle spielt. Oder genauer gesagt, es sind zwei Frauengestalten. Denn Noelani, die amtierende Hohepriesterin von Nintau, ist eher von Selbstzweifeln geplagt, stets unsicher in ihrer Rolle und vor allem in ihren Entscheidungen. Sie hat stets zu ihrer zupackenden und klugen Zwillingsschwester aufgeschaut, und war sicher, Kaori würde zur Maor-Say bestimmt. Da ist es ein geradezu genialer Kniff der Autorin, die entscheidungsfreudige Schwester sterben zu lassen und in der Zwischenwelt gefangen zu halten. So kann sie die wichtige und ungesehene Beraterin im Hintergrund spielen. Dieses Duo verkörpert sinnbildlich zwei Seiten einer Medaille und drückt der Handlung den entscheidenden Stempel auf - bis sich Noelani gewissermaßen von ihrer Schwester emanzipiert und eine einsame Entscheidung trifft. Mehr darf dazu aber nicht verraten werden.

Aber nicht nur das Volk von Nintau hat seine Helden. Auf dem Festland gibt es in Baha-Uddin den mutigen Schmied, der sich als Spion im Feindesland umschaut, es gibt den wandlungsfähigen Prinzen, der nach seiner Zeit unter den Feinden plötzlich ganz anders denkt. Aber da sind auch die negativ besetzten Typen wie der tyrannische König, der hinterhältige Fürst, der sture und doch nachdenkliche General. Insgesamt hat Monika Felten ihre Charaktere klar positioniert, so dass der Leser sich leicht entscheiden kann, mit wem er mitzittert, und wem er eher nichts Gutes wünscht. Und dennoch sind da auch die Zwischentöne, nachdenkliches und grundsätzliches. Im Grunde ist ihre Geschichte ein modernes Märchen, eine Fabel in Fantasy-Gestalt. Man könnte den Inhalt des Buches auch wunderbar erzählen oder vorlesen. Und es gibt einiges, über das man nach der Lektüre nachdenken könnte oder sollte. Und wer das nicht will, freut sich einfach über eine lesenswerte und spannende Geschichte, die gekonnt erzählt wurde.

Kristall der Macht

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