Schattenstunde

Erschienen: Januar 2010

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Carsten Kuhr
Die Geisterflüsterin und das Haus der merkwürdigen Kinder

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jun 2010

Als kleines Kind litt Chloe unter Albträumen. Was bei anderen Kindern schnell mit einem Glas warmer Milch, ein bisschen Kuscheln oder dem Lieblingsstofftier behoben wird, das suchte sie nicht nur in ihren Träumen heim - sie sah Geister.

Nach dem Unfalltod ihrer Mutter aber gab es andere Probleme, die Nachtmahre der frühen Kindheit verzogen sich. Seitdem sucht die mittlerweile 15-jährige nach einem festen Halt. Ihr Vater, ein erfolgreicher Immobilienmakler, findet für seine Tochter kaum Zeit, sie ziehen laufend um, und so muss das Mädchen sich immer wieder neu in einer anderen Schule einfinden. Ihr Traum wäre es, endlich einmal zur Ruhe zu kommen, tiefe Freundschaften zu schließen, und vielleicht sogar einmal ein Date auszumachen. Stattdessen aber bekommt sie, für ihren Geschmack viel zu spät, das erste Mal ihre Regel, begegnet einem verbrannten Hausmeistergeist und flippt, verständlicherweise, aus.

Nach dem kurzfristigen Krankenhausaufenthalt wird sie, vorgeblich nur für zwei Wochen, in das Lyle House, eine private Einrichtung für, nun nennen wir sie einmal, schwierige Kinder aus begütertem Elternhaus gegeben. Doch auch hier, unter dem mäßigenden Einfluss der Pharmaindustrie und der Begleitung durch die Psychologen des Hauses begegnen Chloe weiterhin Verstorbene - ist sie wirklich, wie ihr ein Mitinsasse wahrmachen will, ein Nekromant, und was nur haben die anderen Kinder für besondere Gaben, dass man sie hier wegsperrt ...?

Glaubwürdige Jugendliche in einem etwas beschränkten Umfeld

Kelley Armstrong war eine der Autorinnen, die die Urban Fantasy initiiert haben. Als Autorin der ersten Stunde hat sie gemeinsam mit Laurell K. Hamilton und Charlaine Harris dafür gesorgt, dass paranormal Begabte in einer modernen Umwelt zu einem der literarischen Themen unserer Tage wurden. Dabei zeichneten und zeichnen sich ihre Romane insbesondere dadurch aus, dass sie immer wieder neue, andere Protagonisten und Fähigkeiten ins Zentrum ihrer Titel stellt, diese aber miteinander verknüpft, und so nach und nach eine umfassend andere Welt schafft, in der sie ihre Handlung dann platziert.

Unverständlich bleibt mir, dass sie im krassen Gegensatz zu ihren beiden vorgenannten Kolleginnen den großen Durchbruch bei uns noch nicht geschafft hat. Es mag damit zusammenhängen, dass sie eine allzu plakative Darstellung des Aktes oder brutale Gewaltschilderungen vermeidet, dass sie ihre Leser immer wieder mit neuen Personen und frischen Ansätzen verwöhnt oder aber, dass sie schlicht nicht immer dieselbe Geschichte erzählt.

Vorliegend beginnt sie, erstmals in ihrer Karriere, eine Jugendbuchtrilogie. Zwar ist auch diese in ihrer Welt angesiedelt, richtet sich aber ganz gezielt an ein jüngeres Publikum.

Armstrong stellt dabei ganz bewusst pubertierende Teenager ins Zentrum des Plots, um so für mehr Nähe und Identifikation des Lesers mit ihren Figuren zu sorgen. Und sie schildert, inhaltlich durchaus nachvollziehbar, deren Nöte. Man wird, gerade wenn man ein wenig anders als die anderen, vielleicht gar sonderbar ist, schnell mit einem Label versehen, landet in einer Schublade und erhält ganz genau das nicht, was man doch so dringend bräuchte. Verständnis, Wärme, das Gefühl der Geborgenheit, und das, obwohl die eigenen Hormone Achterbahn fahren, der Körper macht was er will, und man sich selbst nicht mehr mag. Dieses Gefühl, nicht verstanden zu werden, sich selbst und seinem Körper hilflos ausgeliefert zu sein, hat Armstrong sehr gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Da ist die Diagnose der Schizophrenie auch nicht eben hilfreich, insbesondere, wenn es sich, wie vorliegend, um eine Fehldiagnose handelt.

Erstaunlich undefiniert aber bleibt, bislang zumindest, die Welt der Protagonistin. Wir lernen - kurz - ihre Schule kennen, dann das Haus, ansonsten erfahren wir so gut wie nichts von der Welt, in der Chloe lebt. Hier wäre Raum für mehr gewesen, vielleicht wird dies in den anderen beiden Titeln nachgeholt.

Insgesamt gesehen ein atmosphärisch dichter Roman, dessen Schwerpunkt auf der Zeichnung glaubwürdiger Charaktere liegt, der seine Leser in seinen Bann zieht, und mit einem veritablen Cliffhanger zum Finale aufwartet.

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