Wiedergänger

  • Hoffmann & Campe
  • Erschienen: Januar 2010
Wiedergänger
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Almut Oetjen
80°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Jun 2010

Mystery- und Familiengeschichte

Tönges, Großvater der Sprengmeisterin und Freizeitmusikerin Liv Engel aus Lübeck, gibt auf einem Familientreffen die Trennung von seiner Frau bekannt und verschwindet kurz darauf spurlos. Hat er sich einfach nur abgesetzt, wurde er getötet? Hängt sein Verschwinden mit einem Ereignis aus dem Jahr 1942 zusammen, bei dem ein Mann auf Heimaturlaub in Lübeck während eines Bomberangriffs verschüttet und von seinen Kindern getötet wurde? Liv begibt sich auf die Suche nach Tönges, die sie zurück in die Vergangenheit ihrer Familie und nach Island führt. Dort lebt die alte Fritzi, die Geister sieht, Elfen und Trolle. Generationen und Länder übergreifend wird eine Geschichte erzählt, die die zentralen Figuren zueinander in Beziehung setzt.

Alexandra Kuis fünftes Buch, "Wiedergänger", verbindet eine Familien- mit einer Mystery-Geschichte. Der Prolog weckt unser Interesse an der Mystery-Erzählung und bietet notwendige Hintergrundinformationen, um dieses Interesse wach zu halten, das im weiteren Text mitunter zu schwinden droht. Der Hauptteil selbst ist weitgehend ein Familiendrama, reich an interpersonellen Konflikten. Gewalt durchzieht das vordergründig beschauliche Leben der beschriebenen Mittelschicht. Man geht seiner Arbeit nach, trifft sich zu gelegentlichen Familienfesten, lebt eine bürgerliche Existenz, in der Merkmale wie Patchworkfamilie und alleinerziehend längst kein Randphänomen mehr sind. In der Familie und in den Paarbeziehungen sind sich lieben und sich verletzen zwei Aspekte des Miteinander, die sich offenbar nur gedanklich trennen lassen. Hierauf deutet bereits der Prolog hin, in dem ein Vater erzählt, wie er von seinen beiden Kindern getötet wurde.

Drei Erzähler und viele Zweiheiten

Die "Wiedergänger" arbeitet mit drei Erzählern. Im Prolog und im Epilog kommen zwei Geister als Ich-Erzähler zu Wort. Im Hauptteil ist der Erzähler eine unbekannte dritte Person mit mehreren Köpfen, von denen jeder Aspekte der Geschichte erzählt, ohne über das Wissen der anderen Köpfe zu verfügen.

Der Roman besteht aus sechzehn Kapiteln, deren Überschriften bis auf eine Ausnahme jeweils nur ein Wort enthalten. Diese Worte bilden zumeist Begriffspaare, wie: Hunger - Milch, Trümmer - Steine, Schnee - Eis. Überschriften aus der Phantastik sind: Spuk - Trolle - Wiedergänger. Wobei der Buchtitel und die Kapitelüberschrift Wiedergänger ein Begriffspaar bilden mit der einzigen Überschrift, die aus mehreren Worten besteht: Das Recht zu verschwinden. Durch diese Bezüge erhalten wir einen Anreiz, dem Text beim Lesen auf andere Weise nachzugehen, als ihn einfach nur linear zu erfassen.

Die Zweiheit, die sich aus Kapitelüberschriften ergibt, ist auch ein strukturierendes Element der Erzählung. Im Prolog werden zwei Kinder als Vatermörder aufgeführt. Die Handlung ist in zwei Ländern verortet, in jedem Land ist ein Musiker bzw. eine Musikerin für die Handlung wichtig. Realität und Phantastik treffen aufeinander, wobei es für wenigstens eine Romanfigur keinen Unterschied zwischen beiden Sphären gibt.

Zwei Frauen in zwei Welten sind die Hauptfiguren, Liv und Fritzi. Durch den wechselnden Blick der Autorin auf die beiden Hauptfiguren an zwei auseinander liegenden Orten entstehen zwei Parallelhandlungen, die zu Beginn über Andeutungen in Zusammenhang gebracht werden (Auswanderung, Prolog...) und später über die Reisebewegung zu einem umfassenderen Handlungsort vereint werden. Bis zu dieser Zusammenführung ist der Erzählstrang "Fritzi" wenig ertragreich und läuft im Grunde mit einigen Redundanzen einfach nur mit. Beide Erzählstränge sind formal verknüpft durch ständige Ortswechsel zwischen Deutschland und Island. Eine dritte Person führt eine gegenläufige Reisebewegung durch, von Island nach Deutschland, in der die Autorin die Bewegungen ausbalanciert.

Schnelle Schnitte und ein Blick für Details

Die Szenen sind überwiegend recht kurz, clipartig geschnitten, und der Informationsfluss ist schnell. Manchmal wird ein Ortswechsel mitten in der Handlung vorgenommen. So kündigen die Großeltern auf der Familienfeier in Deutschland etwas an, die Handlung springt nach Island und wieder zurück zur Feier, wo wir erfahren, dass Livs Großeltern sich scheiden lassen. Die Autorin erzählt zumeist knapp, weshalb sie auch die Langeweile des Alltagslebens schön vermittelt, ohne dass diese sich als Langeweile auf die Leser überträgt. Bisweilen wird recht ausführlich über Dialoge Aufklärung betrieben. Im Kapitel "Spuk" gar wird doziert.

Alexandra Kui inszeniert in die Tiefe und lenkt die Aufmerksamkeit der Leser durch oft wechselnde Aspekte der Figuren auf Kleinigkeiten - Gesten, Emotionen, Sachdetails. Dieses Vorgehen unterstützt sie durch die Bewegungen der Figuren in den Szenen, wobei sie in manchen Szenen zwischen Handlungselementen hin und her pendelt. Kui spürt kleinen Handlungsnuancen nach und vermittelt (auch) so ein Lokalkolorit mit in der Region heimischen Figuren, die jedoch, bis auf sehr wenige Momente, alle ähnlich und universell sprechen.

In der Charakterisierung sind die Figuren plausibel. Es gelingt der Autorin, unser Interesse an den Figuren zu wecken und zu erhalten. Der Roman ist angenehm straff erzählt, gewinnt seine Dynamik aus Dialogen und Handlungen.

"Wiedergänger" ist eine Geschichte über Sünde, Erlösung und die Verstrickung späterer Generationen in Gewesenes. Liv Engel tritt in der Krise eine Reise in eine fremde Welt an, aus der sie gestärkt hervorgeht.

Wiedergänger

Alexandra Kui, Hoffmann & Campe

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