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Elmar Huber
Dieser Ort ist eine andere Welt

Buch-Rezension von Elmar Huber Jul 2010

Ein seltsames Erlebnis in seiner Kindheit lässt Richard Matheson nicht los. In das Dorf, in dem Richards Familie gemeinsam mit Indianern lebte, kam eines Abends ein alter Indianer - in seinem Gefolge Sturm und Licht - der von der Freiheit aller Menschenwesen und vom Erwachen des Wendigos kündete, bevor er weiterzog und seine Botschaft auch in anderen Dörfern verbreitete. Jahre danach erreicht eine Expedition das Dorf, auf der Suche nach einem "besonders fruchtbaren Tal, das in den Bergen verborgen läge" und aus dem "vor langer Zeit ein unheimlicher Fremder gekommen sei." Der junge Indianer Running Horse bietet sich als Führer für die Gruppe an und er ist der einzige, der eine Woche später mit dem Expeditionstagebuch, doch ohne Verstand zurückkehrt. Jahre später findet Richard Matheson, inzwischen Professor für Anthropologie und Philosophie, das Expeditionstagebuch und liest von den unerklärlichen Geschehnissen in dem geheimnisvollen Tal, die alle Teilnehmer der Forschungsreise das Leben gekostet haben. Seine Entscheidung reift, selbst eine Expedition in das Tal auszurichten.

"Wir durchstöberten alte Dokumente und stellten fest, dass es in den Jahren nach dem Sturm bei den verschiedenen Indianerstämmen eine verstärkte Hinwendung zu den alten Traditionen stattgefunden hatte."

Richard Matheson stellt seine Expeditionsmannschaft, bestehend aus Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und einem Berichterstatter zusammen und Running Horse erklärt sich bereit, nochmals den Dämonen seiner Vergangenheit ins Auge zu blicken und die Gruppe zu führen. Schnell wird klar, dass die Gruppe mit dem Betreten des versteckten Tals in eine andere Welt eindringt ("Nicht ein Sternbild konnte ich zuordnen. Es war, als weilten wir nicht mehr auf der Erde, sondern an einem Ort, weit draußen am Rande der Galaxis."). Ein erstes Todesopfer, nächtliches Trommeln und riesenhafte Fußspuren zeugen davon, dass es hier Lebewesen geben muss. Was folgt, ist eine Aneinanderreihung von Szenen, in denen die Expedition diese albtraumhaften Wesen erblickt, mehrere gefährliche Situationen meistern muss und auch immer weiter dezimiert wird.

"Ich erinnere mich schwach an die Geschichte mit der Expedition. Man war der Sache eher oberflächlich nachgegangen, wenn man bedenkt, dass sieben Leute verschwunden sind."

Erinnert die Vermischung verschiedener phantastischer Themen (indianische Mythologie, Lost World, Monsterhorror, Traumreisen) doch sehr an die Romane des Mythenverwursters Wolfgang Hohlbein, kommt Michael Knokes "Im Tal des Grauens" doch wesentlich unplakativer daher als einer von dessen 500+-Seitern. Aufgrund der Kürze von rund 150 Seiten ist hier auch keine ausgefeilte Personenzeichnung zu erwarten, die für tiefer gehende Identifikationsmöglichkeiten sorgt. Spendiert Michael Knoke anfänglich noch einige kurze, doch gelungene Charaktermomente, bleiben diese komplett aus, sobald die Gruppe das Tal erreicht hat und "Das Tal des Grauens" wird zu einer wilden Geisterbahnfahrt, die eine Attraktion nach der anderen aufbietet. Doch genau wie in einer Geisterbahn erfolgen diese Schreckmomente willkürlich, austauschbar und zusammenhanglos. Es erfolgt noch nicht einmal ein Versuch, alle Elemente in einen Gesamtkontext zu setzten. Wir haben einen indianischen Botschafter, eine Prophezeiung über den Wendigo, einige unappetitliche Monster zu Wasser und zu Land, doch eine Klammer, die alles zusammenhält, fehlt völlig.

Leider wirkt auch Michael Knokes hemdsärmliger und etwas holpriger Stil, der in "Im Wendekreis der Angst" (dort wird die Handlung aus der Sicht eines geistig angeschlagenen Menschen geschildert) noch sehr gut funktioniert hat, hier fehl am Platz. Ein (weiteres?) Lektorat hätte hier möglicherweise nicht geschadet. Damit hätten auch einige Schreib- und Satzfehler vermieden werden können.

"An tiefe Schächte, die unseren Weg säumten, kann ich mich erinnern, an Schächte, aus denen unheimliche Geräusche drangen, und an das Donnern und Brausen, das uns auf Schritt und Tritt folgte."

"Das Tal des Grauens" ist so etwas wie Michael Knokes Vermächtnis. Es ist die letzte Veröffentlichung, die zu seinen Lebzeiten erschienen ist. Michael Knoke verstarb am 23.04.2010. Erstes Aufsehen erregte er Mitte der 1990er Jahre mit dem Roman "Sturmwanderer" und der Kurzgeschichtensammlung "Des dunklen Träumers Wiegenlieder" (beide in Jörg Kleudgens Goblin-Press), sowie einem Roman in Basteis Dämonenland-Reihe. Danach wurde es lange Zeit ruhiger um Michael Knoke, bevor er sich 2008 fulminant mit dem sehr persönlichen "Im Wendekreis der Angst" (Eloy Edictions, Vincent-Preis als bester Roman 2008) zurück gemeldet hat. Sieht man sich seine Vita und seine literarischen Zukunftspläne in "Das Tal des Grauens" an, wird klar, dass Michael Knoke gerade dabei war, sich einen festen Platz innerhalb der deutschsprachigen Phantastik zu erschreiben.

Das Tal des Grauens

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Letzte Kommentare:
26.05.2015 20:45:46
Horrorfan

Das Tal des Grauens erinnert stark an die Erzählweise von Lovecraft, kann aber hier nicht ganz mithalten. Aber man merkt, dass der Autor ein Lovacraft-Fan ist und stilistisch versucht in dessen Fußstapfen zu treten, auch wenn diese Fußstapfen ein klein wenig zu groß waren.

Von der Handlung möchte ich nicht allzuviel verraten, denn diese ist wirklich mit viel Spannung verfasst. Das Grundthema selbst ist nicht wirklich neu, wenn sich ein rational denkender Wissenschaftler in eine fremde und bedrohliche Welt begibt, wo an jeder Ecke das Grauen lauert.

Handwerklich eine solide Arbeit, die zu gefallen weiß. Wäre da nicht das kleine Manko, dass die meisten Charaktere mehr als flach bleiben und detailreiche Beschreibungen Mangelware sind, würde es eine volle Bewertung geben. Aber ein Unterhaltungsfaktor von 85% ist wirklich nicht übel. Ich kann den Titel mit gutem Gewissen weiterempfehlen.