Todeshunger

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2010
  • 1
Todeshunger
Todeshunger
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2010

Mörder gegen Menschen - oder ist es umgekehrt?

Drei Monate sind vergangen, seit ein Virus ein Drittel der Menschheit befiel und es in "Hasser" verwandelte: Weiterhin intelligent und alles andere als geistlose Zombies, spüren sie in sich den unwiderstehlichen Drang, die "Unveränderten" zu verfolgen und zu töten.

Notgedrungen haben die "Unveränderten" die Brutalität ihrer Gegner übernommen. Ein globaler Krieg ist ausgebrochen, der nunmehr in seine zweite Phase tritt: Nachdem die "Hasser" bisher ungestört Jagd auf ihre Opfer machen konnten, haben sich die nicht infizierten Menschen in die großen Städte zurückgezogen. Dort verschanzen und organisieren sie sich und rüsten zum Gegenschlag. Die "Hasser" nehmen zur Kenntnis, dass sich ihr ´Wild´ rarmacht. Obwohl es ihrem anarchistischen Wesen heftig widerstrebt, müssen auch sie daran denken, ihre Kräfte zu bündeln.

Inmitten der chaotischen Verhältnisse sucht Danny McCoyne nach seiner fünfjährigen Tochter Ellis. Auch er ist ein "Hasser", der die eigene Familie auslöschte, bevor er bemerkte, dass zumindest Ellis sich ebenfalls verändert hat. Dieses Kind will McCoyne finden und für die neue, von "Hassern" regierte Welt retten. Dabei gerät er in Intrigen und Machtspiele, über die auch die ´neuen´ Menschen keineswegs erhaben sind.

Kriegsherren versuchen sich zu etablieren und die "Hasser" auf ihre Seiten zu ziehen. McCoyne, der sich keiner "Hasser"-Streitmacht anschließen, sondern Ellis suchen und so viele "Unveränderte" wie möglich töten will, sieht sich widerwillig als ´Schläfer´ rekrutiert: Weil er seinen Mordtrieb in Anwesenheit "Unveränderter" kontrollieren kann, wird er in ein Heerlager des Feindes geschickt, wo er unerkannt abwarten soll, bis das Signal zum großen Töten ertönt ...

Zombies sind out!

Zunächst (1968) waren es die Zombies, die als Auslöser der Apokalypse herhalten konnten. George A. Romero ließ sie schlurfend aber unermüdlich über die Menschheit herfallen, deren Zivilisation dieser Prüfung nur kurz standhielt, bevor ein neues Zeitalter der Barbarei begann. Viele Filme und Romangeschichten später hatte sich das Konzept abgenutzt, bis die Zombies in "Dawn of the Dead", dem Remake eines weiteren Romero-Klassikers, schnell, beweglich und auf diese Weise wieder gefährlich wurden.

Doch nicht nur zu viele Köche, sondern auch zu viele Zombies verderben den Brei. Sie sind unermüdlich und fressen Menschen: Darin erschöpft sich ihr Potenzial. Wieder Romero - wem sonst? - war dies bereits 1973 bewusst: In "The Crazies" ließ er Menschen an einer Seuche erkranken, die sie nicht umbrachte, sondern in Killer verwandelte. Ihre geistigen Fähigkeiten behielten sie. Damit brachte Romero einen neuen Aspekt ins Geschehen, denn ein intelligenter Killer ist ein einfallsreicher Killer.

Intelligenz ist der Schlüssel

David Moody sind beide Konzepte vertraut. In seiner "Autumn"-Serie lässt er ganz klassisch Zombies über eine verwüstete Erde wanken. Die "Hater"-Trilogie ist dagegen dem Wüten quicklebendiger Menschen gewidmet. Wer von der nicht weiter thematisierten Seuche betroffen wurde, verändert sich körperlich überhaupt nicht. Die Mutation bleibt auf das Gehirn beschränkt, und auch hier sind es nur Teilbereiche, die modifiziert werden.

Die "Hasser" sind Menschen geblieben: Sie sprechen, planen, fahren Autos, streiten und vertragen sich - und sie sind lernfähig. In Gegenwart eines "Unveränderten" bricht sich ihr neues Wesen in Form eines unbändigen Mordtriebs Bahn. Tatsächlich greifen die Unterschiede jedoch tiefer. Moody arbeitet geschickt mit Rollenvorgaben, die er immer wieder in Zweifel stellt. Dazu gehört, dass sich die "Hasser" keineswegs als ´krank´ verstehen. Durch die Veränderung fühlen sie sich stattdessen frei von den Zwängen eines Lebens, das sie bisher oft zu einem Dasein in Langeweile und Frustration verdammt hatte.

Sie waren Rädchen eines Systems, das sie abgeschüttelt haben. Es existiert noch bei den "Unveränderten". Dort zeigt es in der Krise seine hässlichen Seiten völlig offen: Umgehend wurde die Demokratie abgeschafft und durch willkürliche ´Notstandsverordnungen´ ersetzt. Die Mächtigen klammern sich an ihre Privilegien und sichern sich unterstützt durch Militär und Polizei auf Kosten derer ab, die sich nicht gegen diese Willkür wehren können.

Intelligenz ist das Verderben

Während Moody eine denkbar simple Story erzählt, deren Programm der Titel der dritten "Hasser"-Episode auf den Punkt bringt: "Them or Us" - sie oder wir -, liefert er jenen Lesern, die mehr von ihrer Lektüre wünschen als Haudrauf-Action, einen interessanten Subtext. Auch im Zombie-Horror knirscht es auf der Seite der (noch) Lebenden stets mächtig im Sozial-Getriebe. Angesichts der Gefahr bildet das menschliche Kollektiv keineswegs eine geschlossene Front, hinter der Einigkeit herrscht. Moody treibt diese Zerrissenheit ein gutes Stück weiter: Die "Unveränderten" führen nicht nur Krieg gegen die "Hasser". Sie kämpfen auch gegeneinander um die letzten Ressourcen. Die daraus resultierende Uneinigkeit wird zu ihrer Schwachstelle, derer sich die "Hasser" bedienen können.

Zombies hätten sie nicht einmal bemerkt. Auch die "Hasser" müssen erst lernen, ihre Triebe zu zügeln. Hatten sie "Im Wahn" (dem Auftaktband der "Hater"-Trilogie) vor allem ihrem Tötungsdrang gefrönt, lernen sie nun widerwillig, dass sie so ihre Zukunft nicht meistern werden. Die Front der "Hasser" differenziert sich. Auf der einen Seite stehen die "Brutalos", die reine Kampfmaschinen sind und bleiben werden, auf der anderen Seite charismatische Anführer mit Visionen wie Sahota. Dazwischen bewegt sich die Mehrheit, deren Repräsentant Danny McCoyne ist.

Krieg und innere Kämpfe

McCoyne ist auch als "Hasser" der typische Alltagsbürger, der vor allem in Ruhe gelassen werden will. Sein kleines Glück soll der hoffentlich erfolgreichen Suche nach Töchterlein Ellis folgen, an deren Seite er anschließend glücklich "Unveränderte" niedermetzeln möchte. Aber die neue Realität gönnt ihm seinen Frieden nicht. McCoyne sieht sich dabei einerseits hin und hergerissen zwischen "Hassern", die ihn zwar nicht töten aber instrumentalisieren wollen. Andererseits muss er feststellen, dass die von der Seuche betroffenen Kinder die Apotheose des "Hassers" darstellen: Als gefühllose, intelligente Kampfmaschinen, die jegliche soziale Bindungen gekappt haben, repräsentieren sie den eigentlichen Neubeginn.

McCoynes "unverändertes" Spiegelbild ist Mark Tillotsen. Der ehemalige Versicherungs-Verkäufer hat sich willig den Verordnungen gefügt. Gebracht hat es ihm nichts. Während sich die Lage stetig verschärft, sinkt Tillotsen, von Regierung und Militär im Stich gelassen, immer tiefer, bis er um Lebensraum und Nahrung gewaltsam kämpfen muss. Der Unterschied zwischen "Hassern" und "Unveränderten" ist schmal, macht Moody auf diese Weise deutlich.

Nicht einmal der Tötungsdrang kann als echter Unterschied gelten. Die "Unveränderten" gehen ebenso mitleidslos vor wie die "Hasser". Droht das Militär einen Kampf zu verlieren, zieht es sich zurück und belegt das Schlachtfeld mit Bomben. Skrupellos macht es dabei auch jene Pechvögel nieder, die dieses Feld nicht schnell genug räumen können. Die Fähigkeit der Organisation sichert den "Unveränderten" noch einen Vorteil, aber die "Hater" ziehen nach.

Der Kessel beginnt zu pfeifen

Moody schildert den Krieg aus der Perspektive eines durchaus sympathisch gezeichneten "Hassers". Die ´unveränderte´ Seite wird ih kurzen, schlaglichtartigen Einschübe geschildert. Hier wird der Text wird in kursiven Buchstaben gesetzt, und der Autor wählt die Vergangenheitsform, was die Differenz zwischen den beiden Parteien unterstreicht oder sogar anzudeuten scheint, dass sich die ´normalen´ Menschen auf dem absteigenden Ast befinden.

Faktisch sind die Dinge auf beiden Seiten in Gang gekommen. Der Stellungskrieg kann so nicht fortgesetzt werden. Sowohl die "Hasser" als auch die "Unveränderten" müssen in die Offensive. Die Ereignisse spitzen sich in rasantem Tempo zu. Der dritte Band der "Hater"-Trilogie wird den Höhepunkt und die Entscheidung bringen. Man darf gespannt sein, denn Moody hat es verstanden, die Situation so ambivalent zu gestalten, dass der Ausgang völlig offen ist.

Todeshunger

David Moody, Goldmann

Todeshunger

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