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Michael Drewniok
Das Böse lauert seit Urzeiten in unserer Mitte

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2010

Nach dem tragischen Tod seiner Frau kehrt Nick Close aus England in seine australische Heimatstadt Tallong zurück. Ohnehin als Witwer emotional stark angeschlagen, leidet er nach einem Motorrad-Unfall unter dem Zweiten Gesicht: Nick sieht die Geister derer, die durch Mord oder Selbstmord zu Tode gekommen sind.

Mit Tallong verbinden Close keineswegs glückliche Kindheitserinnerungen. Im Jahre 1982 wurde hier Tristram Boye, sein bester Freund, ermordet. Vor 25 Jahren entging der junge Nick selbst dem Täter nur zufällig. Die Bluttat ereignete sich in einem Waldstück, das an der Carmichael Road bis in das Stadtgebiet hineinreicht. Dieser Wald erschien Nick schon damals verflucht. Ein unerklärlicher Sog ging von ihm aus, und an seinem Rand fand er seltsam verstümmelte Tierkadaver.

Nur Stunden nach Nicks Heimkehr ereignet sich im Wald ein weiterer Mord. Der Heimkehrer stellt sich seiner Angst, geht zum Tatort - und findet tatsächlich den Geist des toten Kindes, der von einer unsichtbar bleibenden Macht zwischen die Bäume gezerrt wird. Wenig später taucht Tristrams Bruder auf, erklärt Nick, dass er damals hätte sterben sollen, und schießt sich den Schädel mit einer Schrotflinte weg: Die Kreatur im Wald hat Nicks Eindringen registriert und geht zum Gegenangriff über.

Gemeinsam mit seiner Schwester Suzette recherchiert Nick, dass Tallong Ort einer Serie nie geklärter Kindsmorde ist, die weit in die Vergangenheit reichen. In einer Kirche findet er Hinweise auf den "Grünen Mann", ein uraltes Wesen, das schon die Menschen der vorchristlichen Zeit verehrten und fürchteten. Doch sein eigentlicher Gegner ist eine uralte Hexe, die dem "Grünen Mann" dient. Nick beschließt, dem Schrecken und den Morden ein Ende zu bereiten. Er macht er sich in den Wald von Tallong auf; eine kapitale Fehlentscheidung, denn er begibt sich buchstäblich in die Höhle einer Löwin, der schon auf Nick wartet ...

Ausgetretener aber gut gepflasterter Pfad

Man glaubt es als viel- bzw. leidgeprüfter Freund des phantastischen Romans kaum, dass zwischen platonisch brünstigen Vampirchen, den aktuell ins Beststeller-Licht flatternden Engeln oder den bewährten Metzel-und-Schnetzel-Bolden noch ganz klassische Schreckgestalten ihr Handwerk verrichten. Man muss sie zumindest suchen, was besonders dann gilt, wenn sie unauffällig bleiben: "Der Sog" ist ein Taschenbuch, das ohne flankierende Werbung, mit einem wenig zündenden Titel und einem schlichten (aber hübschen) Cover beinahe verschämt in den deutschen Buchhandel gebracht wird.

Hier startet offenbar ein Versuchsballon. "Der Sog" ist der Debütroman eines australischen Schriftstellers. Zwar stellen Bücher von "down under" nicht mehr die exotischen Kuriositäten der Vergangenheit dar, doch es sind vor allem australische Krimis, die verstärkt ihren Weg nach Deutschland finden.

Sollte Stephen M. Irwin repräsentativ für die australische Phantastik-Szene sein, könnte sich dies ändern. "Der Sog" ist ein Titel, der nicht nur die magnetähnliche Wirkung eines verfluchten Ortes, sondern auch die Wirkung beschreibt, die dieser Roman auf seine Leser ausübt. Dabei enthält sich Irwin betont sämtlicher Tricks und Ticks, mit denen Horror heutzutage gern an den Mann (und an die Frau) gebracht wird. Er legt eine klassische Geschichte vor, die man "altmodisch" nennen könnte, würde dieser Bezeichnung nicht eine fälschlich negative Bedeutung innewohnen.

Uralter Schrecken in unerwarteter Umgebung

Irwin greift einen Archetypen des Schreckens auf: die böse Hexe. In ihrem Schlupfwinkel spinnt sie buchstäblich ihre Intrigen. Als Schutzgeist sitzt ihr im 21. Jahrhundert keine Katze mehr auf der Schulter. Eine Riesenspinne ist der Umgebung wohl auch angemessener, denn Irwin steht vor einem Problem, dass er seine Hexe erst einmal nach Australien bringen muss. Dieser Kontinent ist nicht für die Umtriebe gottloser Zauberinnen bekannt. Der Verfasser muss die böse Quill deshalb aus der "alten Welt" importieren: Sie stammt aus Irland und erreichte Australien an Bord eines Sträflingsschiffes.

Geschickt verknüpft Irwin sein Hexengarn mit dem Mythos vom "Grünen Mann", dem Herrn der Wälder. Das Konzept einer belebten und von gottähnlichen Mächten gesteuerten Natur wurde oder wird an zahlreichen Orten der Erde verehrt, ohne dass es dafür gemeinsame Wurzeln oder direkte Verbindungen gibt. Irwin konstruiert diesen Mythen eine gemeinsame Basis. Ihm gelingt dadurch die Kreation eines "Grünen Mannes", der weltweit präsent ist. So kann ihm Nick Close sowohl in England als auch in Australien begegnen.

Für die Auflösung seiner Geschichte ist die Trennung zwischen Hexe und Mann wichtig. Während der "Grüne Mann" eine Naturgewalt ist und außerhalb menschlicher Moralvorstellungen handelt, ist Quill eindeutig böse i. S. von selbstsüchtig. Trotz ihrer 180 Lebensjahre ist sie Mensch genug geblieben, um scheinbar unbemerkt vom "Grünen Mann" ihr eigenes Süppchen zu rühren. Das macht Quill zum ´besseren´ Gegner. Den "Grünen Mann" hält Irwin klug im Hintergrund und lässt ihm seine kaum verständliche Übernatürlichkeit.

Alltagsmenschen im Vorraum der Hölle

Keine pflichtbewussten, überforderten, seelisch angeschlagenen Cops. Keine zu Kampfmaschinen mutierenden Bücherwürmer. Keine hübschen, im Verlauf des Abenteuers über sich selbst hinauswachsenden und im Finale Mr. Right im Arm haltenden Blondinen. Oder zusammengefasst: keine langweiligen, dem Mainstream-Kino entliehenen, ärgerlichen Klischee-Figuren. Stattdessen orientiert sich Irwin für seine Figurenzeichnung bei Stephen King, der - selten genug - dennoch nicht mit einem anerkennenden und werbewirksamen Spruch auf dem Cover zitiert wird.

Irwin imitiert nicht, er hat erkannt, was King-Figuren so lebendig wirken lässt: Einfach aber sorgfältig charakterisierte Alltagsmenschen werden in eine Situation gedrängt, die ihren Durchschnitts-Verstand überfordert und der sie eigentlich nicht gewachsen sind. Folgerichtig (aber frustrierend für Leser, die heldenhafte Tatmenschen bevorzugen) dauert es lange, bis sie überhaupt Verdacht schöpfen, was um sie herum vorgeht. Entsprechende Nachforschungen ziehen sich hin und werden von Rückschlägen behindert. Kommt es endlich zur offenen Konfrontation mit dem Gegner, sind Niederlagen an der Tagesordnung. Diverse liebgewonnene Figuren springen über die Klinge, was die Überlebenden läutert, zur Entschlossenheit schmiedet und Gelegenheiten für tragische Szenen bietet. Gelingt dieser Prozess, wirkt es glaubwürdig, wenn im Finale der übermächtige Kontrahent aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz niedergerungen wird.

Der Horror zieht sich im Mittelteil

Grundsätzlich beherrscht Irwin seinen Job. Man kann sich kaum einen gewöhnlicheren Zeitgenossen vorstellen als Nick Close. Auch seine Mitstreiter - Schwester, Mutter, ein wankelmütiger Priester, eine verdrießliche Witwe, ein kleines Mädchen - scheinen Quill und ihrer Schutzgeist-Spinne eher als Sandsäcke für ein Zauber-Training zu dienen. Wie sie ebenso einfallsreich wie grausam die Reihen ihrer Verfolger lichtet, gehört zum Mittelteil dieses Romans, der seinem Verfasser eindeutig zu ausladend geraten ist.

Irwin misslang es, die Handlung so zu konzentrieren, dass sie mit dem furiosen Finale mithalten kann. Zu viele Figuren werden ausführlich eingeführt, um nach nebensächlichen Aktivitäten wieder zu verschwinden. Darüber hinaus gibt es unnötige Wiederholungen: Gleich dreimal arbeitet sich Close zitternd und zagend zum spinnenverseuchten Abflussrohr im Wald vor, was stets sehr ausführlich dargestellt wird.

Solche überflüssigen Episoden drücken aufs Tempo. Darüber geht manchmal verloren, wie gekonnt Irwin sein Rätsel nach und nach lüftet. Die in der schnöden Beschreibung bizarr wirkende Kombination aus Hexenfluch und Naturmystik funktioniert ausgezeichnet. Als sich der Staub (bzw. die Gischt) des Finalkampfes legt, kann die Auflösung dem Rätsel standhalten. Der Leser muss höchstens entscheiden, ob er dem routiniert nachgeschobenen Schlusstwist Glauben schenken möchte - ein uralter Trick, der die Handlungslogik im allerletzten Moment negiert (und eine mögliche Fortsetzung vorbereitet).

Ungeachtet solcher Schwächen hat Debütant Irwin es grundsätzlich richtig gemacht. "Der Sog" bietet soliden Grusel ohne grelle, selbstzweckhafte Effekte, aber mit einer guten Story und glaubwürdigen Figuren. Damit kann der Leser zufrieden sein.

Der Sog

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Letzte Kommentare:
13.05.2012 14:50:27
Corinna

Nach dem Unfalltod seiner Frau kehrt Nicholas von London zurück in seine alte Heimat Australien. Seit er damals fortgegangen war, kam er nie zurück. Denn in seinem Heimatort gibt es einen dichten Wald und sein bester Freund Tristam kam, bei einer gemeinsamen Tour, dort ums Leben. Dieses Ereignis hat ihn nie losgelassen.
Als bei seinem Neustart ein weiterer Junge getötet wird, bestätigt sich langsam sein Verdacht. Nicht Tristam sollte sterben, sondern Nicholas. Und etwas ist immer noch hinter im her.


Was für ein Buch. Irgendwie und ich weiß das war falsch, ging ich noch zu Beginn von einem normalen Thriller aus. Aber „Der Sog“ ist definitiv in den Bereich Horror einzuordnen.

Die Geschichte rund um Nicholas war für mich sofort sehr greifbar und ich gestehe, dass sie mich teilweise bis in meine Träume verfolgt hat. Es gibt die ganze Zeit über dieses greifbare Böse, dass sehr mysteriös und bedrohlich ist und mich als Leserin doch sehr gefesselt hat.

Das tolle bei solchen Büchern ist ja auch, dass es keine Regeln gibt. Wo es bei Thrillern oft so ist, dass es eine klare Auflösung mit einem guten Ende gibt, ist es in diesem Genre doch immer offen. Aus diesem Grund war nie so wirklich klar was mit den Hauptpersonen passiert und wie es sich am Ende auswirkt.
(Was tatsächlich passiert und ob gut oder schlecht, werde ich natürlich nicht verraten)
Und genau dieser Zustand und die Spannungsmomente zu jedem Kapitelende fand ich super.

Mein Fazit: Ein spannendes Buch, dass mich nicht losgelassen hat. Aber auch ein Buch, dass ich nicht immer lesen konnte und bei dem ich kleine Pausen brauchte (auch wenn meine Gedanken immer wieder zurückkehrten).

08.06.2011 16:11:56
Alexi1000

DER SOG ist ein "Grusel" - Thriller um alte "Mythen" in erstaunlich "moderner" Verpackung.

Wir haben es hier mit dem Debuet eines jungen australischen Autoren zu tun, der nicht selten etwas von dem herrlich schrägen/schwarzem Humor der den Australiern (wie auch Neuseeländern) so eigen ist, durchschimmern lässt, so werden auch üble Momente immer mal wieder durch ein verschmitztes Lächeln durchbrochen...

Sprachlich wirklich geschickt, wird der geneigte Leser schnell in die Geschichte einbezogen. Der Hauptprotagonist ist ein nicht unsympathischer, Anti - Held, der sich im Laufe der Geschichte den "Geistern" der Vergangenheit stellen muss; und das im sprichwörtlichen Sinne; denn Nick Close "sieht" die Toten, die in einer ewig währenden Zeitschleife immer wieder die Orte der Tragödie heimsuchen...

da kommt es dann immer wieder zu grotesken Situationen, schlussendlich wird Nick viel später aber versuchen, genau diese Gabe in die Waagschale zu werfen.

Der Roman hat wie von der Couch - Rzie und den Vorrednern schon genannt, ein paar "Längen" im Mittelteil, die ich aber so hinderlich im Lesefluss nicht empfunden habe.

Zum Finale bläst Irwin dann nochmal richtig ins Horn; der Leser wird mit einem wirklich spannenden Finale belohnt, wo letzlich schwarz gegen weiß antritt; es fragt sich nur, ob es dann alles wirlich so geglückt ist, wie es zunächst den Anschein hat...

alles in allem ein erstaunlich guter Roman für einen Erstling, obwohl ich hier in den ganz hohen Wertungstenor des Leser - Gradmessers nicht mit einstimmen möchte...

er ist gut, wirklich gut, aber nicht der große Überflieger (für mich!), zu dem er stilisiert wird...

ich vergebe ehrliche, gute 83°.

Anmerkung: Arachnophobiker werden mit diesem Roman evtl. an Ihre Grenzen getrieben; die könnten anhand des "gefühlten" Grauens dann ein paar Grad mehr vergeben!

Irwin werde ich auf jeden Fall weiterhin im Auge und Regal behalten; mal sehen, was er uns als nächstes "serviert"....

22.01.2011 21:53:47
Buboter

Nicholas Close macht sich nach dem Tod seiner Frau auf den Weg in seine Heimatstadt in Australien. Seit einem Sturz sieht Nick Geister, in dem Moment, in dem sie zu Tode kommen. Als er in Tallong ankommt, wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. Viele Jahre zuvor wurde sein Jugendfreund ermordet. Dessen Bruder teilt ihm mit, dass Nick damals hätte ermordet werden sollen. Er stößt auf den Geist eines Jungen, der gewaltsam in den dunklen Wald Tallongs gezerrt wird. Zusammen mit seiner Schwester fängt er an Nachforschungen anzustellen und findet ein uraltes Geheimnis.

Stephen M. Irwin hat es mit seinem Debüt-Roman unzweifelhaft geschafft mich in seinen Bann zu ziehen. Nick war mir auf Anhieb sympathisch. Er ist ein ganz normaler Typ, in dessen Leben auch mal einiges schief läuft, der Ängste hat und mit seinem Schicksal hadert. Der Autor beschwört zeitweise eine nackenhaarsträubende Stimmung herauf und steuert zielsicher auf das Finale zu. Die, in der Couch-Rezension genannten Längen, habe ich nicht als solche empfunden. Allerdings gibt es während des Finales einen kleinen Handlungsstrang, der in meinen Augen schlichtweg unnötig war und auch meiner Meinung nach nicht zu Ende geführt wurde.

Das Ende an sich, hat mir sehr gut gefallen. So und nicht anders sollten Gruselromane enden. Ansonsten kann ich sagen: Gestört hat mich nichts wirklich gravierend und ich hoffe noch einiges von diesem Autor zu lesen. Irwin räumt bei mir satte 95° ab und ich hoffe noch auf eine Steigerung.