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Jochen König
Franklin im Zuckerkillerwunderland

Buch-Rezension von Jochen König Nov 2010

Der Schaffner schaut sorgenvoll drein. Was soll er von dem Kerl halten, der seine Nase nicht in dieses dünne Buch mit den rosa Seiten hineinsteckt, sondern daran riecht? Ein perverser Librophiler, oder jemand, der leicht abseitig am Tagebuch seiner am Bahnsteig verlassenen Geliebten klebt? Ein kurzer Blick auf's Cover: Die Kannibalen von Candyland. Am unteren Rand ein Aufdruck: "Streichel mich und rieche Candyland".

Bei der Fahrkartenkontrolle bietet sich die Gelegenheit: Kurz übers Buch auf der Ablage gebeugt und einen tiefen Zug genommen... Gummibärchen, Wackelpudding, Geschmacksverstärker, Zuckerzeugs, Campino-Bonbons, Nimm Zwei; der Schaffner beginnt sich zu erinnern, an eine Zeit, als es Bonbons zur Belohnung gab, wenn er es geschafft hatte, nicht ins Bett zu machen. Was verdammt schwerfiel, denn er wusste genau, unter seinem Bett wohnten Monster. Und eines war ganz besonders schlimm; eine Frau mit Kirschnase, großen Brüsten mit grünen Weingummis darauf, einer Lakritzpeitsche und... rasiermesserscharfen Zähnen. Sie lockte ihn zu sich; doch er blieb standhaft. Obwohl sie so verdammt gut roch - wie das Buch. Dieses verdammte Buch...

Franklin Pierces Geschwister waren nicht so standhaft wie der tapfere Schaffner. Sie folgten dem Ruf der Zuckerfrau. Und wurden zerfleischt. Franklin entkam. Seitdem ist er auf der Jagd nach den "Zuckermenschen". Kein leichtes Unterfangen, vor allem wenn man kein Superheld mir Überzeugungskraft ist, sondern ein armes Würstchen, das durch die Weltgeschichte geschubst wird wie ein aus der Form geratener Kegel. Dessen Frau - die man nur geheiratet hat, weil sie angeblich auch an die Zuckermenschen glaubte, was sich als kleine Drogenfantasie entpuppt - es nicht nur zusammen mit Schwiegermutter auf dem heimischen Teppichboden mit irgendwelchen verlausten Kerlen treibt, sondern einen auch noch aus dem eigenen Haus schmeißt, wenn man überflüssig geworden ist. Gepiesackt von kleinen Kindern aus der Nachbarschaft, die "Opfer" quer über Franklins Gesicht geschrieben sehen.

Derart gebeutelt bekommt Franklin seine Chance, als er sieht wie das einzige freundliche Kind seiner Umgebung Opfer eines Zuckermenschen wird. Er nimmt die Verfolgung des Mörders auf, quer durch die Kanalisation, hinein in jene Parallelwelt namens Candyland, mit Bäumen aus Lutschern, Lakritzegras und Flüssen aus Wackelpudding. Dort stellt er den Killer namens "Marzipan" und kann ihn mit Glück und unter Zuhilfenahme einer Pistole und seines Spazierstocks erlegen.

Leider ist seine Leiche zu lecker für die lokalen Resteverwerter. Doch bevor Franklin sich groß ärgern kann, fällt er Jujube in die Hände. Jener Frau mit den prallen Brüsten, die einst seine beiden Brüder und seine kleine Schwester zerteilte. Sie führt ihn ein in die Sitten und Gebräuche Candylands und möchte so gerne einen Zuckermenschen aus Franklin machen. Gelingt nicht vollständig, aber Franklin fängt an sich Gedanken über seine Gefühle und Motivation zu machen. Vor allem weil Jujube so gut schmeckt. Er kostet ausführlich.

Nach etlichen Verwicklungen, süßem Sex, Metamorphosen und mehrfachen Morden führt der Weg wieder nach oben. Wo Tod und neues Leben zuckersüß und eng umschlungen zusammen liegen.

Die Kannibalen von Candyland ist eine absurde, witzige, brutale Erwachsenen-Version von Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Franklin Pierce, der unorthodoxe Rächer, begibt sich auf einen halluzinierenden Trip, der ihm die Freude süßester Liebe wie peinigenden Schmerzes bringen wird. Was in zahlreichen Selbstjustizwerken so einfach aussieht, wird unglaublich schwer, wenn sich das Objekt der zerstörerischen Begierde als schützende, verliebte Zuckerschnecke entpuppt. In der amerikanischen Zuckervariante des wohl bekannten Schlaraffenlandes läuft alles ein wenig anders.

Mellicks Candyland ist eine Parallelwelt mit eigenen Regeln, von der Partnerwahl bis zur Nahrungssuche. Klar durchstrukturiert, bunt und brutal. Dagegen wirkt die reale Welt - zumindest so wie Franklin sie erfährt - grau, traurig und hundsgemein. Obwohl die Zuckermenschen Kinder schlachten (jede Jagd erfordert ihre Opfer), wirken die Ungezuckerten keinen Deut weniger monströs.

Carlton Mellick der Dritte hat mit Die Kannibalen von Candyland eine wüste, blutige, finstere und höchst unterhaltsame Satire vorgelegt. Eine Absage an den hochheiligen Körperkult, eine Ode an den Verfall und mit Franklins aufgerüstetem Gehirn eine höchst ungewöhnliche Interpretation von Künstlicher Intelligenz. Mit Macken.  Mitten aus dem Leben halt, gefangen im Wahnwitz.

Außerdem sind Die Kannibalen von Candyland" die perfideste Hommage an Stephen Kings Es, die man sich nur vorstellen kann. Wo King sich gemächlich trabend in Jugenderinnerungen aufhält, galoppiert Mellick mit bonbonbunten Rössern und ungleich weniger Aufwand, höchst effektiv und phantasievoll ins Ziel.

Der Schaffner richtet sich benommen auf und geht weiter. Der nächste Waggon ist unbesetzt. Nein, in einer Ecke entdeckt er einen Kerl mit wilder Afrokrause. In einem Trenchcoat. Bei dieser Affenhitze. Als der Schaffner sich zur Fahrkartenkontrolle nähert, bemerkt er, dass die Haare des Mannes aussehen wie - Lakritzschnecken. Und  es duftet köstlich in seiner Nähe. Nach Haribo, Colorado, tütenweise. Kindheitserinnerungen, so süß. Der Schaffner lächelt. Der Fahrgast auch. Seine Zähne blitzen.

Ein kleines Handicap für deutsche Leser dürfte sein, dass hierzulande das Brettspiel "Candyland", das der Autor im Nachwort als Inspiration erwähnt,  kaum bekannt ist. Aber wer je auf der Suche nach dem Schlaraffenland war, kommt damit klar ...

Die Kannibalen von Candyland

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