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Peter Kümmel
Niemand ist tot, solange man sich an ihn erinnert

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2006

Wieviele Menschen lernen wir in der Zeit unseres Daseins auf der Erde kennen? Sind es tausend? Fünfzigtausend? Hunderttausend? Oder gar mehr? Manche davon treten nur kurz in unser Leben und verschwinden wieder, andere begleiten uns über Jahre hinweg. Viele hinterlassen einen positiven Eindruck, andere hätten wir lieber nie kennengelernt. Doch alle diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie nehmen einen Platz ein in unserer Erinnerung und leben dort gewissermaßen, selbst wenn sie schon lange gestorben sind.

Aufbauend auf diese Überlegungen hat Kevin Brockmeier seine "Stadt der Toten" entwickelt. In vielen Kulturkreisen ist es üblich, die Verstorbenen in zwei Gruppen zu unterteilen: diejenigen, an die sich noch lebende Menschen erinnern und die anderen, die als Ahnen verehrt werden. Alle diesen Verstorbenen, an die noch mindestens ein lebender Mensch Erinnerungen besitzt, leben in einer riesengroßen Stadt. Keiner der Einwohner kennt die wirklichen Ausmaße dieses Molochs. Bevor man es geschafft hat, die Grenzen zu bestimmen, entsteht plötzlich wieder ein neues Gebiet am Rande. In dieser Stadt gibt es auch gesellschaftliches Leben. Man arbeitet, amüsiert sich wie in dem Dasein, das man vorher kannte. Man trifft Personen wieder, mit denen man früher verkehrte, lässt alte Beziehungen weiter bestehen oder geht neue Verbindungen ein. Man braucht sich keine Sorgen um seine Gesundheit zu machen, denn das Herz schlägt nicht mehr. Stattdessen scheint die Stadt über einen eigenen Herzschlag zu verfügen; ein Pochen, das von irgendwo her zu kommen scheint.

Jeder der Bewohner der Stadt hat eine eigene Geschichte und hat andere Erfahrungen gemacht beim Übergang vom vorherigen Leben zum Dasein in der Stadt. Der Autor zeigt an vielen Einzelbeispielen, daß das Sterben kein klar definiertes Ereignis ist. Die Empfindungen jedes einzelnen Menschen sind unterschiedlich, jeder erlebt es anders und bekommt seine eigenen Eindrücke.

Der Moloch leert sich wie ein Sieb

Die Stadt ist stetigen Veränderungen unterworfen. Ständig gibt es Neuankömmlinge und andere, die fünfzig oder hundert Jahre in der Stadt lebten, verschwinden von einem Moment auf den anderen. Doch plötzlich leert sich die Stadt, obwohl immer mehr Menschen in der Stadt ankommen. Wie in einem Sieb kamen Menschen an, berichteten von einer Seuche, die auf der Erde herrsche, und verschwanden fast genauso schnell wieder und zahlreiche der anderen Bewohner mit ihnen. Die Stadt scheint auszusterben.

Soweit die Kurzgeschichte "The Brief History of the Dead", die Kevin Brockmeier 2003 im "New Yorker" veröffentlichte. Diese Kurzgeschichte bildet das erste Kapitel des Romans gleichen Namens, den der Autor drei Jahre danach aus der Story entwickelt hat.

Der Roman besteht aus zwei unabhängigen Handlungssträngen, die kapitelweise alternierend erzählt werden. Einer davon spielt in der Gesellschaft der Toten, der andere in unserer Welt in naher Zukunft. In der Stadt der Toten finden sich die nur noch verstreut existierenden Bewohner wieder zu einer kleinen Gemeinschaft zusammen und nach und nach kristallisiert sich heraus, daß viele davon eine Verbindung zu einer einzelnen Person aufweisen; zu der jungen Biologin Laura Byrd.

In jedem der Kapitel aus dem "Jenseits" steht eine andere Person im Mittelpunkt. Völlig unterschiedliche Charaktere, die teilweise bereits im Auftaktkapitel eingeführt wurden, werden weiter vertieft und stehen für kurze Zeit im Mittelpunkt der Geschichte.

Doppelter Endzeit-Roman in Parallelwelten

Auf der Erde befindet sich Laura Byrd derweil in einer kleinen Forschungsstation in der Antarktis, wo sie im Auftrag des Coca-Cola-Konzerns arbeitet. Zu dritt waren sie dort tätig, bis ihr Funkgerät ausfiel. Seit die beiden Männer vor einigen Wochen zu einer Nachbarstation aufgebrochen sind, um Unterstützung zu bekommen, lebt Laura alleine. Als ihr schließlich klar wird, daß keine Hilfe zu erwarten ist, bricht sie selber zur Nachbarstation auf. Dort angekommen erkennt sie langsam das Ausmaß der Katastrophe.

Mit seinem post-apokalyptischen Roman, quasi ein doppelter Endzeit-Roman in Parallelwelten, hat Kevin Brockmeier ein faszinierendes Szenario erschaffen, dessen Konsequenzen man beim Lesen selber logisch oder abstrakt weiterführt. Die Idee für diesen Roman sowie die Kurzgeschichte, aus der er entstanden ist, sind schlichtweg genial. Leider kann der Autor das Niveau, auf dem das Buch beginnt, nicht bis zum Schluß halten. Zum Ende hin gleiten seine Gedanken zu sehr ins Metaphysische ab, ohne weitere interessante Aspekte näher zu beleuchten.

Dennoch ist "Die Stadt der Toten" ein eindrucksvoller Roman, über den man nicht nur hinwegliest, sondern der uns aufgrund seiner nicht unrealistischen Ausgangssituation auf der Erde beschäftigen muß. Ein Roman, in dem Gefühle eine große Rolle spielen. Die Gedanken beim Lesen schweifen ab von der eigenen Situation, und man erinnert sich an viele Menschen, die man selber einmal gekannt hat und die bis heute unvergessen sind.

Die Stadt der Toten

Die Stadt der Toten

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Letzte Kommentare:
03.08.2006 20:24:02
B. Straub

Habe Kevin Brockmeiers Buch zwar noch nicht gelesen, aber schon die Inhaltsangabe erinnert mich an einen weitgehend vergessenen deutschen Roman aus dem Jahr 1946, den ich hiermit gern empfehle:
>Die Stadt hinter dem Strom< von Hermann Kasack.

14.07.2006 10:20:42
Christine T.

"Stadt der Toten" ist ganz grosses Kino im handlichen Überall-und-Jederzeit-Format. Die sanfte aber zwingende Stimme des Autors macht Alltägliches zum Erlebnis, Fantastisches zur Selbstverständlichkeit. Fast wünscht man sich, es wäre wahr.