Fortunas Flug

Erschienen: Januar 2011

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Carsten Kuhr
Der Zeppelin auf Fahrt in die Feenlande

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jan 2011

Willkommen zurück in der Welt der Bureaus für okkulte Angelegenheiten im Dienste der Habsburger. Wir schreiben das Jahr 1913. Die Zeppeline des Deutschen Reiches beherrschen die Lüfte, der Generalstab und das Kriegsministerium Wiens befürchten den Anschluss ans Deutsche Kaiserreich zu verlieren - man will unbedingt auch solch ein Spielzeug sein Eigen nennen. Natürlich muss das K&K-Luftschiff größer und schneller, schlagkräftiger und beeindruckender als alles sein,was der Deutsche Kaiser sein Eigen nennt. Gesagt, getan, mit Billigung des Thronfolgers und Unterstützung eines der reichsten Industriellen des Reiches legt man die Fortuna auf Kiel.

Als Leiter und Lenker des Baus fungiert Freiherr von Merentheim. Doch dieser hat weitergehende Pläne, als nur ein simples Luftschiff zu konstruieren. Er lässt ein schwarzmagisches Luftschiff bauen, das ermöglichen soll, Reisen auf die Andere Seite zu unternehmen. Die Andere Seite, auch Feenlande genannt, mythische Heimat der Moroi; ein Ort, den es nach herrschender Meinung eigentlich gar nicht gibt oder doch eher nicht geben sollte.

Kurz darauf wird der Konstrukteur der Fortuna augenscheinlich mittels Moroimagie in den Freitot getrieben, Tage später bringt sich ein anderes Mitglied der Magisch-Technischen Abteilung um, während auf Merentheim selbst ein Mordattentat verübt wird. Damit nicht genug, hat die Magisch-Technische Abteilung eine Reihe von höchst absonderlichen mechanischen Tieren geschaffen, die irritierenderweise über einen freien Willen zu verfügen scheinen.

Grund genug für den seines Amtes suspendierten Agenten Graf Felix Trubic, sich die Angelegenheit einmal näher anzusehen. Immer wieder stößt er dabei auf eine nicht mehr ganz junge, auch nicht eben umwerfend schöne, dafür aber findige Gesellschafterin, die sich nebenher als Klatschreporterin einen Namen gemacht hat. Schnell wird Trubic deutlich, dass hinter Stella Schönthal mehr steckt, als man ihr auf den ersten und zweiten Blick ansieht. Als Halbblut der Moroi ist sie in der Lage, echte Magie zu beschwören - und sie hat einen aufgeweckten Verstand. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel um die Selbsttötungen, die Anschläge und letztlich die Fortuna zu lösen - und geraten nur zu bald an die Grenze dessen, was sie bislang als Realität angesehen haben ...

Wiener Schmäh trifft auf okkulte Magie

Die Anzahl der Romane, die auch deutschsprachige Autoren im London zur Zeit Königin Victorias ansiedeln, sind Legion. Dabei bietet der Kontinent mit seinen mannigfaltigen und so unterschiedlichen Metropolen doch eigentlich faszinierende Kulissen zuhauf, die man als historische Kulisse für eine phantastische Handlung nutzen könnte.

Als der Heyne Verlag von rund 3 Jahren einen Wettbewerb ausschrieb, in dem Autoren aufgefordert wurden, ihre Manuskripte einzureichen, legte die Wienerin mit »Des Teufels Maskerade« einen Plot vor, der Kritiker wie Lektoren auch wegen seiner Eigenständigkeit überzeugte und der bis dato unbekannten Autorin den ersten Preis einbrachte. Die Veröffentlichung im Rahmen der Heyne Paperbacks erwies sich als erfolgreich, die Fans und Leser goutierten den interessanten Plot um vielschichtige Figuren und einer sehr lebendig wirkenden Vergangenheit der österreichischen Monarchie. Während der damals Zweitplatzierte Oliver Dierssen mittlerweile bei Heyne bereits drei Bücher publiziert hat, wartet der Leser lange und ungeduldig auf Nachschub aus dem Bureau für okkulte Angelegenheiten. Nun endlich ist es soweit, und eine Art Fortsetzung wartet darauf, dass sich die Leser ihr öffnen.

Während andere Autoren in ihren Fortschreibungen oft auf die aus dem ersten Teil bekannte Geschichte zurückgreifen, diese geringfügig abändern und nochmals erzählen, hat sich Schlederer die Mühe gemacht, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Zwar ist der Graf Trubic wieder mit von der Partie, auch Baron Dejan Sirco und Sir Lysander tauchen in Nebenrollen auf, doch mit der patenten Beigehfrau und Klatschkollumnistin Stella Schönthal hat sie dem Roman eine neue Stimme gegeben, die uns die Handlung auf ihre ganz eigene Art und Weise näher bringt.

Letztere präsentiert sich zunächst als interessantes Rätsel um die Hintergründe einer Reihe von Selbstmorden. Was veranlasst gestandene Honoratioren, die offensichtlich in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben und als angesehene Wissenschaftler und Militärs ihren Weg gemacht haben, den Freitod zu wählen?

Zunächst kapitelweise getrennt und alternierend, später gemeinsam machen sich unsere beiden Erzähler daran, die Hintergründe zu erkunden und Licht ins Dunkel zu bringen.

Das geht über das Übliche »Who Did It« hinaus und bietet der Autorin erneut eine willkommene Möglichkeit die Gesellschaft von damals zu zeichnen. Immer wieder auch stilistisch mit ein wenig Wienerisch aufgepeppt, erwartet uns eine interessante und überzeugende Kulisse der Hauptstadt kurz nach der Jahrhundertwende. Gerade weil die Autorin ihr fundiertes Wissen eher nebenbei einfließen lässt, erweckt sie die Vergangenheit zu Leben. Man wird als Leser förmlich hineingezogen in diese uns so fremd gewordene Welt, in der alles ein wenig gesitteter und geruhsamer zuzugehen schien, die aber ihre ganz eigenen Abgründe hatte.

Stilistisch ansprechend mit markanten Charakter-Unikaten und jeder Menge historischem Flair versehen wartet erneut ein ganz eigener Ausflug in einer phantastische Welt abseits ausgetretener Pfade auf den Leser, der mich in seinen Bann gezogen hat.

(Carsten Kuhr, März 2012)

Fortunas Flug

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