Die Landkarte der Zeit

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  • Erschienen: Januar 2010
Die Landkarte der Zeit
Die Landkarte der Zeit
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Almut Oetjen
78°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Feb 2011

Ein Potpourri als Schmöker

Während Jack the Ripper in Whitechapel aktiv ist, verliebt sich der Adelsspross Andrew Harrington in die Prostituierte Marie Kelly. Von seinem Vater wird er verstoßen, als er ihm diese Liebe gesteht. Er geht zu Marie, die gerade Jacks Opfer geworden ist. Acht Jahre später will Andrew sich erschießen. Dies kann sein Cousin Charles Winslow verhindern, der Andrew erzählt, Marie könne gerettet werden: durch eine Reise in die Vergangenheit, durchgeführt mit einer neuen Maschine der Firma "Zeitreisen Murray".

Claire Haggerty, eine Vertreterin der reichen Oberschicht, will sich mit einer Zeitreise die Langeweile vertreiben. Im London des Jahres 2000 verliebt sie sich in Hauptmann Derek Shackleton, dessen Standbild sie vor der Reise bei Murrays gesehen hat.

Inspector Colin Garrett von Scotland Yard ist auf der Jagd nach einem Mörder aus der Zukunft, der mit Waffen tötet, die es noch gar nicht gibt. Er bedient sich im Zuge seiner Arbeit der Zeitmaschine Murrays und lernt Lucy Nelson kennen.

Palmas Erzähler ist allwissend und wendet sich zwischendurch direkt an die Leser und Leserinnen, so, als er den Erzählfluss unterbricht, um uns Auszüge aus Murrays Biografie in Form einer wilden Abenteuergeschichte zu erzählen. Er schafft zudem Überleitungen zwischen Handlungselementen und erklärt sein Vorgehen als Erzähler.

Palmas Buch verbindet (wenigstens) sechs Genres miteinander: Liebesgeschichte, historischen Roman, Kriminalroman, Science Fiction, Abenteuergeschichte und (fiktionale) Biografie. Das alte Thema von der Reise in die Vergangenheit, in der ein Ereignis verändert werden soll, steht neben der Reise in die Zukunft, in der man heute schon die angekündigte Apokalypse erleben will. Schon früh wissen wir, oder vermuten wir richtig, dass sich in diesem weitmaschigen Netz aus Kolportageelementen ein Illusionskünstler bewegt, der seine Gäste manipuliert. Eine wichtige Rolle in der Erzählung spielt der Schriftsteller Herbert George Wells, der Erfinder der Zeitmaschine, auf den verschiedene der Romanfiguren mit ihren Anliegen treffen. Es werden weitere Bezüge hergestellt, so zu Carlos Ruiz Zafons "Der Schatten des Windes", oder es treten neben Wells die bekannten Schriftsteller Bram Stoker und Henry James auf. Bereits 1979 spielen in Karl Alexanders "Flucht ins Heute" (und dessen Verfilmung "Flucht in die Zukunft" von Nicholas Meyer), Wells und Jack the Ripper, der während seiner Zeitreisen mordet, mit.

Klassen übergreifende Romanzen und ein Vernichtungskrieg

Die Reise in die Vergangenheit dient der Veränderung eines Ereignisses. Leser werden argwöhnisch, weil die Vergangenheit zwar verändert werden kann, nicht jedoch so, dass das gewünschte Ereignis eintritt. Das Vorhaben Andrews, Marie zu retten, bewegt die Frau des Schriftstellers Wells tief in seiner romantischen Qualität.

Die Reise in die Zukunft führt in das Jahr 2000, die Apokalypse, in der die ruchlosen Maschinen einen Vernichtungskrieg gegen die Menschheit führen. Palma greift hier Motive aus der Terminator-Filmreihe auf - Bestandteil des Abenteuerpakets ist ein Kurzabriss der Geschichte der Maschinen bis zu deren Rebellion, der diese Verwandtschaft besonders deutlich macht - und vermischt sie mit dem Pygmalionmythos, indem die weibliche Hauptfigur Claire sich in das Standbild des Hauptmanns Shackleton verliebt, dessen lebendes Pendant sie im Zuge einer Panne als heldenhaften Soldaten im Kampf gegen die Maschinen sieht. Claires Romanze mit dem Zeitreisenden, der ihr in ihrer Gegenwart begegnet, verweist in der Prämisse und im weiblichen Vornamen auf Audrey Niffeneggers "Die Frau des Zeitreisenden". Auslöser für Claires Sehnsucht und die von ihr angestrebte Romanze ist ihre Lektüre von Wollstonecrafts "Plädoyer für die Rechte der Frau". Ein liebevoll-böser Seitenhieb Palmas? Er zeigt sehr schön, wie aus einem Bedürfnis heraus Liebe konstruiert werden kann.

Palma stellt in seinem Buch ein paar interessante Fragen:

- Wieso kann die Vergangenheit zwar verändert, nicht jedoch das gewünschte Ergebnis realisiert werden?
- Wieso findet die immergleiche Expedition unter den jeweils gleichen Bedingungen ins Jahr 2000 statt, aber die aktuelle Reisegruppe sieht die vorhergehende Reisegruppe nicht?
- Darf man in der Gegenwart einen Mann festnehmen, der aus der Zukunft kommt, einen Mord begeht, aber in der Gegenwart noch nicht einmal geboren ist?

Die Antworten, die im Buch zu lesen sind, dürfen hinterfragt werden.

Die drei Teile des Romans lassen viele Fragen bis zum Ende offen. Antworten und eine Aufklärung über Zusammenhänge liefert ein fast vierzig Seiten langer, kursiv gesetzter Brief am Ende, den jemand (wer, wird nicht verraten) an sich selbst aus der Zukunft in die Gegenwart geschickt hat.

Palma hat mit "Die Landkarte der Zeit" einen Roman vorgelegt, der altmodisch erzählt und moderne textübergreifende Verknüpfungen herstellt; der vom Reiz und der Macht des Erzählens und der Phantasie handelt. Manche Leser werden ihn als Füllhorn bezeichnen, für andere mag Palma von allem zu viel gewollt haben. Wie auch immer, insoweit die Landkarte Palmas ein Verwandter der Schatten Zafons ist, handelt es sich, um eine bekannte Leserin aus TV und Rundfunk zu zitieren, um einen Schmöker im besten Sinne des Wortes.

Die Landkarte der Zeit

Félix J. Palma, -

Die Landkarte der Zeit

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