Die Villa am Rande der Zeit

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  • Erschienen: Januar 2010
Die Villa am Rande der Zeit
Die Villa am Rande der Zeit
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Amandara M. Schulzke
75°

Phantastik-Couch Rezension von Amandara M. Schulzke Feb 2011

Literarisch wertvoll und doch überlebt

Adam, ein serbischer Student, der sich seine Brötchen mit dem Lektorat einer Zeitschrift verdient, erhält von einem mysteriösen Auftraggeber einen lukrativen Auftrag. Er soll ein vor Jahrzehnten erschienenes Buch überarbeiten. Das Buch "Vermächtnis" des Anastas Branica ohne handelnde Personen, aber mit der detaillierten Beschreibung einer Villa und deren exklusivem Inventar, mit einem wunderschönen Garten und dahinter gelegenen Park. Dort begegnet er einigen Bewohnern. Das sind Leser, die zeitgleich wie er über die Fähigkeit verfügen, an den Ort der Lektüre zu gehen, z.B. die taube Köchin Zlatana, Natalja Dimitrijevic mit ihrer lieblich duftenden Gesellschafterin Jelena, eine Familie mit Schatten, der grimmige Gärtner und ein Professor. Im Roman selbst finden wir ihre Geschichten und die des vor Jahrzehnten ertrunkenen Autors. Adam kann seine Aufgaben zur Zufriedenheit seines Auftraggebers und vor allem seiner Frau erledigen. Er bringt eine neue Inschrift an, repariert verschlissenes Inventar und bringt die zauberhafte Harfe wieder zum Klingen. Da geschieht ein Mord im Buch, und als sich Adam in Belgrad auf die Suche nach dem Ermordeten macht, muss er feststellen, dass dieser auch im realen Leben von dannen gegangen ist und Unbekannte seine gesamten Aufzeichnungen aus dem Arbeitszimmer gestohlen haben.

"Es genügt, einige Zeilen zu lesen, und man begreift, dass Goran Petrovic zu den großen Autoren der Gegenwart gehört"
(Clémence Boulouque in "Le Figaro")

Dies finden wir auf dem Buchdeckel des serbischen Bestsellerautoren. Petrovic ist ein einzigartiger Autor, der die Leser in außergewöhnlicher Fabulierkunst in die Welt des Lesens mitnimmt. Wir tauchen ein in die Welt des magischen Realismus, in die Fähigkeit, während des Lesens mit anderen Lesern zu kommunizieren und selbständig in den beschriebenen Orten spazieren zu gehen. Sein Roman beginnt heute, jedoch lesen wir aus den Zeiten Anfang des 20. Jahrhunderts, aus den zwanziger Jahren, aus dem 2. Weltkrieg und der Zeit danach. Und mehr noch in dem Buch, dem "Vermächtnis" des Anastas Branica, der ein Buch schrieb, wie es noch keines davor gab und das Adam überarbeitet. Während Petrovic die Charaktere und Gefühlslagen einiger Mitspieler differenziert ausleuchtet, bleiben die Motive oder Handlungen von anderen im Verschwommenen und Geheimnisvollen oder ergehen sich in Andeutungen. Der Leser ist stets animiert, sich eigene Gedanken zu machen, während er mit den Helden durch die Gefilde wandelt. Der Roman spiegelt die sozialen, familiären und politischen Verhältnisse der jeweiligen Zeiten und ihre Strukturen wider. Damit schafft Petrovic verschiedene Sittengemälde. Gibt es für die Helden kein Entrinnen aus ihrem sozialen Milieu? Es ist zugleich ein Buch über das Geschick des stark gebeutelten Serbien.

Ein stimmungsvolles Lesevergnügen aus vergangener Zeit


Das Buch erinnert an die Werke der großen Romanciers des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Es erzählt von unglücklich Liebenden, von der ungeheuren Sehnsucht nach Liebe und Romantik, von Sprachlosigkeit und Familiengeheimnissen und idealisiert die Ästhetik als Möglichkeit der Sinnfindung. Es zieht den Leser in Orte, Stimmungen und Handlungen hinein. "Die Villa am Rande der Zeit" ist unbedingt empfehlenswert für Freunde und Interessenten der serbischen Geschichte und Kultur. Doch ansonsten wirkt es auch überlebt. Wer zum Beispiel in seiner Jugend die früheren Größen rezipiert hat wie Balzac, Zola mit seinem Naturalismus und Positivismus, Tolstoi, Dostojewski, Tschechov mit ihren großartigen Zeitgemälden oder Hesse immer auf der Suche nach dem eigenen Sinn des Lebens, der braucht heute im Jahre 2011 Petrovic nicht unbedingt. Vielleicht, um sich an die vielen Fragen der eigenen Jugend zu erinnern und um sich bewusster zu werden, woher wir kommen und was uns prägte. Denn die sozialen und politischen Verhältnisse des vergangenen Serbien sind auch unser Europa und unsere Geschichte.

Die Villa am Rande der Zeit

Goran Petrovic, dtv

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