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Michael Drewniok
Erd-Imperialisten gegen „Ich-will-nicht“-Anarchisten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2019

Nachdem der überlichtschnelle Antrieb erfunden war, nutzten viele auf der Erde nicht mehr willkommene Gruppen die Gelegenheit, sich auf ferne Planeten abzusetzen, wo sie sich denkbar obrigkeitsfern entfalten konnten. Vier Jahrhunderte später erinnert die Erde sich ihrer ‚Kinder‘, denn man möchte ein terranisches Imperium gründen, dem die Siedlerplaneten beitreten sollen. Deshalb macht sich ein Raumschiff auf den Weg ins All. An Bord sind 2000 Diplomaten, Beamte und Soldaten, denn auf der Erde geht man davon aus, dass die Kolonien der irdischen Führung bedürfen, die man ihnen auf bewährte Weise - d. h. vorschriftenreich und bürokratisch korrekt - zukommen lassen möchte.

Vor Ort stellt sich Ernüchterung ein: Niemand hat die Erdlinge vermisst, niemand will sich von ihnen führen lassen. Tatsächlich verstehen die Als-ob-Kolonisten nicht einmal, was man von ihnen will. Seit Jahrhunderten ungestört haben sie ihre einst von der Erde mitgebrachten Ansichten kultiviert und entwickelt. Entstanden sind Gesellschaften, die mit der irdischen Auffassung von Pflicht, Gehorsam oder Ökonomie nichts mehr anzufangen wissen.

Auf sämtlichen Planeten laufen die pompös als „Retter“ und Repräsentanten des selbsternannten galaktischen Zentrums Erde auftretenden Besucher ins Leere. Sie blamieren sich, stoßen die Einheimischen vor die Köpfe, weigern sich aber standhaft, die lokalen Verhältnisse zu verstehen oder gar zu akzeptieren. Immer größer wird an Bord einerseits die Frustration, während andererseits die Disziplin aufweicht, da manches Besatzungsmitglied die Vorteile der vorgefundenen Freiheiten zu schätzen beginnt …

Imperiale Lockrufe

Galaktische Imperien sind ein Muss der Science Fiction. Schon sehr früh, d. h. vor dem Zweiten Weltkrieg, verabschiedeten sich Autoren von der langweiligen Realität, die Demokratien darstellten, und kehrten zu jenen Zeiten zurück, als absolutistische Herrscher das unumschränkte Sagen hatten: Wer nicht unter solchen Bedingungen leben (und sterben) muss, weiß die unterhaltsame Exotik solcher Gesellschaften zu schätzen …

Selbst wenn sich besagte Imperium demokratisch gaben, kamen sie in der SF zentralistisch herüber. Womöglich ist es einfach so, dass ein „Mutterland“ seine „Kolonien“ vorsichtshalber am kurzen Zügel hält, damit sie sich nicht selbstständig machen - eine Entwicklung, die sich in der realen Historie so intensiv widerspiegelte, dass SF-Autoren sie quasi automatisch in ihre Geschichten integrierten. Folgerichtig gründeten viele Garne ihren Unterhaltungswert auf entsprechende Konflikte, die auch dann bierernst ausgefochten wurden, wenn sich „Imperialisten“ und „Rebellen“ mit Schwertern u. a. archaischen, aber effektkräftigen Waffen gegenüberstanden.

Die Kritik an solchen Zukunftsimperien richtete sich nicht grundsätzlich gegen den oft als ‚weise‘ gedeuteten Zentralismus, sondern thematisierte Verstöße, für die primär in ihrer Macht erstarrte, degenerierte, mehr oder weniger größenwahnsinnige Herrscher verantwortlich gemacht wurden. In der Regel waren es dann geistig ‚frische‘, gerechte und notorisch unterlegene Kolonisten, die für frischen Wind sorgten: Da die Kolonien ‚jünger‘ waren als die zentrale Erde, ‚mussten‘ ihre Bewohner aufgeschlossener sein.

Stell dir vor, wir gründen ein Reich, aber niemand will es …

Eric Frank Russell wirft diese bewährten Szenarien genussvoll über den Haufen. Zwar ist auch ‚seine‘ Erdregierung bestrebt, sich über möglichst viele fremde Welten zu erheben. Nicht nackte Herrschsucht ist der Antrieb, sondern eher eine Schnapsidee. Eine überbordende Bürokratie hat das heimische Sonnensystem ‚unterworfen‘ und sucht nach neuen Herausforderungen.

Da Politiker, Bürokraten (und Militärs) nach Russell intellektuell retardiert sind, hat man auf der Erde vergessen, dass die ‚Kolonien‘ von ehemaligen Mitbürgern besiedelt wurden, die man unbedingt loswerden wollte, weil sie sich nicht in ein mehrheitlich gefördertes Mainstream-Verwaltungsgefüge einpassen ließen. Dass dies keineswegs in Vergessenheit geraten ist, kommt den von sich eingenommenen Erdlingen nicht in den Sinn.

Deshalb ist der Schock umso größer, als vor Ort buchstäblich niemand daran interessiert ist, sich freudig in ein terranisches Imperium einzureihen. Dieser Widerstand ist friedlich, was Russell als besondere ‚Heimtücke‘ darzustellen weiß: Die zahlreich an Bord des irdischen Raumschiffs stationierten Soldaten werden niemals als Kämpfer herausgefordert. Genau das stellt sich als Achillesferse heraus. Da sie nicht an der Waffe gefordert werden, bleibt den Soldaten Zeit, die sie dafür einsetzen, was jede militärische Leitung fürchtet: Sie beginnen nachzudenken! Doch Drill, Disziplin und Furcht vor dem Vorgesetzten sind die Säulen einer funktionstüchtigen Armee; so ironisiert es jedenfalls der Autor, der als Soldatenkind diesen Alltag kennengelernt hat. Vor allem Sergeant Rufus Bidworthy personifiziert das logische Ergebnis: „Langsam spazierte Bidworthy die Reihen entlang, musterte jeden einzelnen von Kopf bis Fuß. Es war die letzte Gelegenheit, den Männern klarzumachen, dass ihren Eltern ein schwerer Fehler unterlaufen war. Er wusste das, und sie wussten das.“ Entsprechend ist der Umgangston, obwohl Russell dafür sorgt, dass Bidworthys Autorität immer wieder ad absurdum geführt wird.

Gesellschaften als personifizierte Gegenargumente

Schon die „Große Explosion“, die der Menschheit den Weg in den Kosmos öffnete, war kein Ergebnis sorgfältiger Forschung, sondern ein Zufall und wurde möglich durch einen Sonderling, der eigentlich nur einen Zaubertrick kreieren wollte und dabei die künstliche Schwerkraft und den überlichtschnellen Antrieb erfand. Statt ins All vorzustoßen und dabei den Geist zu weiten - auch dies ist ein SF-Topos -, ließ die Erde ihre Störenfriede ziehen und blieb ansonsten auf sich konzentriert. Das Ergebnis ist die von Russell geschilderte Expedition, ausgeschickt von einer Regierung, die in ihrer pompösen Selbstverliebtheit gar nicht auf die Idee kommt, dass man die Erde längst aus dem Lebensalltag gestrichen hat. Für Russell sind Politiker und ihre Handlanger, die Bürokraten, ebensolche Witzfiguren wie Soldaten.

Die Expedition führt auf drei Planeten, was für eine episodische Handlung sorgt, die auch die Entstehungsgeschichte von „Die große Explosion“ nachzeichnet. Russell schrieb diesen Roman quasi um die schon 1951 entstandene Novelle „... And Then There Were None“ (dt. „Keine Macht der Erde“/„Planet des Ungehorsams“/„... dann war'n sie alle futsch“) herum. Deshalb wirkt der Besuch auf dem dritten Planeten in der Beschreibung deutlich dichter: Hier hat sich Russell grundsätzliche Gedanken zum Thema (Anti-) Autorität gemacht, während die später hinzugekommenen Kapitel nur Variationen darstellen; der Besuch auf dem Nudisten-Planeten Hygeia wirkt zudem veraltet und verstaubt; was Anfang der 1960er Jahre noch als schlüpfrig-unterhaltsam galt, wurde von der Zeit nicht nur eingeholt, sondern begraben.

Der Grundgedanke allerdings ist weiterhin aktuell: Staatsbedienstete nehmen sich gern (viel zu) ernst und nutzen die ihnen anvertraute Macht nicht, um einen Job möglichst effektiv zu leisten, sondern um sich und ihre (eben nur manchmal sinnvollen) Vorstellungen von einer ‚besseren Welt‘ zu verwirklichen. (Andere sind weniger ehrgeizig und beschränken sich auf Selbstbereicherung.) In der Realität kommen sie meist viel zu lange damit durch. Russell lässt seinen wichtigtuerischen Funktionären stellvertretend für uns still und hilflos leidenden Steuerzahler die heiße Luft genüsslich ab. Natürlich ist das naiv und manchmal eindeutig albern. Außerdem bleibt der Humor harmlos, während Kritik heutzutage bissiger ist. Manchmal trifft Russell jedoch den richtigen, von der Entstehungszeit unabhängigen, weil zeitlosen Ton. Zudem übertreibt er es nicht, sondern kommt nach 150 Seiten zum Schluss: DARAN sollten sich moderne Autoren auf jeden Fall ein Beispiel nehmen!

Fazit:

Satirisch nimmt Autor Russell die SF-übliche ‚Selbstverständlichkeit‘ aufs Korn, nach der irdischer ‚Fortschritt‘ galaxisweit übernommen wird. Hier scheren sich die ‚Kolonisten‘ nicht um die Erdlinge, die sich auf drei Planeten lächerlich machen: Aus heutiger Sicht eher ulkig als kritisch, ist dieses Werk trotz seiner (etwas wehmütig stimmenden) altmodischen Harmlosigkeit immer noch unterhaltsam.

Die große Explosion

Die große Explosion

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