Ravinia

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2011
Ravinia
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Eva Bergschneider
73°

Phantastik-Couch Rezension vonApr 2011

Stimmig, düster, poetisch - neue deutsche Fantasy

Thilo Corzilius ist ein neuer Name unter den deutschen Fantasy-Schaffenden. Ihm ist ein Kunstgriff gelungen, der nur wenigen vergönnt ist, denn nach Angaben des Piper Verlags veröffentlichte der Neuautor sein erstes Werk über Nacht. Wird "Ravinia" auch die Leser im Sturm erobern?

Der Schlüssel zu einem anderen Leben

Lara wächst in Edinburgh bei ihrem Großvater Henry auf, ihre Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Den Schlüssel, den Henry seiner Enkelin an ihrem 16. Geburtstag schenkt, überreicht er ihr mit dem Hinweis, sie möge ihn als Möglichkeit zur Verwirklichung eines Berufswunschs betrachten. "Das ist ein Test", wiederholt er, bevor er sie ihrem Frühstück überlässt.

Dieser Test wird zu einem ausufernden Mysterium, denn der Schlüssel führt an wirklich jeder Tür in die Victoria Street. Und dort befindet sich die Werkstatt von Balthasar Quibbes, dem Schlüsselmacher. Der alte Herr kommt Lara seltsam vor. Er erklärt ihr, er stelle magische Schlüssel her. Ihr Vater hätte den selben Beruf ausgeübt und auch sie könne durchaus das Talent besitzen, eine besondere Schlüsselmacherin zu werden. Lara willigt ein, bei Quibbes eine Lehre anzufangen und lernt das Reich derjenigen kennen, die anders sind - Ravinia.

In Ravinia scheinen Lara alle zu kennen und machen ein großes Geheimnis um ihre Familie, über die das Mädchen so dringend mehr erfahren möchte. Stattdessen wird sie gejagt. Laras rätselhafter Freund Tom flüchtet mit ihr zuerst nach London, danach nach Lissabon und an verschiedenste Orte der Welt. Lara ahnt nicht, dass infolge ihres Eintritts in die magische Welt Ravinias ein Teufel aus alter Zeit zurückzukehren droht.

Mutig und talentiert

In den letzten Jahren konnte man einen deutlichen Zuwachs im Bereich der deutschen Urban Fantasy beobachten. Was gut ist, denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Nach Thomas Plischke, Oliver Dierssen und Gesa Schwartz (um nur beispielhaft einige der neueren Vertreter zu nennen) hat nun Thilo Corzilius mit seinem ersten Roman "Ravinia" das Sortiment dieses Subgenres erweitert.

Das Setup der Geschichte ist ein klassisches. Die sechzehnjährige Lara erhält einen verzauberten Schlüssel, mit dem sie in die Welt der "Anderen", der Zauberer, Wahrsager, der X-Men und Women eintritt. Auch in der Besetzung der Hauptrollen gibt es keine allzu großen Überraschungen. Lara, die Identifikationsfigur, ist ein Teenager mit Retro-Touch, liebt Punk-Rock und ihre klimatisch rauhe Heimatstadt Edinburgh. "Ravinia" wird aus ihrer Perspektive erzählt, aus der Sicht eines neugierigen und begeisterungsfähigen Menschen. Ihren Wegbegleiter Tom Truska hat der Autor, man ahnt es fast, als einen verschlossenen Einzelgänger und Nonkonformisten charakterlich von Lara abgegrenzt. Und dann sind da noch Laras Mentoren in der dies- und jenseitigen Welt, ihr Großvater Henry und ihr Lehrmeister Balthasar Quibbes. Beide auf ihre Weise liebenswerte, kauzige Herren, die versuchen, Lara behutsam in die Geheimnisse "Ravinias" einführen.

Laras Geschichte erfindet die Urban Fantasy zwar nicht unbedingt neu. Jedoch liest sie sich stets spannend und steckt voller schöner und liebevoll erdachter Überraschungen. Der Bösewicht und seine Weltherrschaftsziele erinnert an Harry Potters fiesen Gegenspieler, andere Protagonisten können einen Gaiman'schen Schatten nicht verbergen. Doch Thilo Corzilius hat sich zudem viele originelle und wundersame Aktionen, Orte und Figuren einfallen lassen, die "Ravinia" in ein einzigartiges, um nicht zu sagen "düstergoldenes" Licht tauchen.

Die Idee, mit Schlüsseln an beliebige Orte der Welt zu kommen, macht Toms und Laras Abenteuer temporeich und dramatisch, denn überall lauern neue Bedrohungen. Zu ihnen gesellen sich zahlreiche illustre Wegbegleiter, jedoch hat der Autor bezüglich der Figurenvielfalt etwas zu viel gewollt. Mancher taucht kurz auf und verschwindet schnell wieder, ohne die Geschichte wirklich voran zu bringen.

Eigenwillig ist der Schreibstil des Autors. Jedes Kapitel startet mit einem Leitsatz und einem Zitat großer oder weniger bekannter Kollegen. In einigen Kapiteln wechselt die Perspektive, sie erklären die Geschehnisse zum Beispiel aus Henrys Sicht oder erzählen Tagebucheintragungen aus der Vergangenheit. Poetisch verspielt möchte man Corzilius´ Stil nennen, manchmal philosophisch anmutend, manchmal pathetisch. Zum Beispiel soll eine vierfache Wiederholung des Adjektivs "allein" (S. 56) an der Stelle sicherlich nicht komisch wirken, tut es aber. Andererseits zergehen Metaphern wie

"Manchmal versinkt die Welt hinter flüsternden Schleiern aus Regen"

auf der Zunge und beschreiben die Atmosphäre der Szene perfekt. Thilo Corzilius hat den Mut zu stilistischen Experimenten und das Talent, mit Worten Stimmungen zu zeichnen. Das hebt "Ravinia" von der Masse ab und sorgt für einen phantastischen Lesegenuss.

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