Weltenwanderer

Erschienen: Januar 2000

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Michael Drewniok
Bedachter Blick auf eine mögliche Zukunft

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

In einer Welt der nahen Zukunft machen Wissenschaftler eine unerwartete Entdeckung: Im Centaurus-Sektor des Weltalls weisen sie Spuren „harter“ Röntgenstrahlen nach, die nur ‚Kondensstreifen‘ außerirdischer Raumschiffe sein können, wobei diese eine Geschwindigkeit erreichen, die der des Lichtes nahekommt. Wer ist es, der sich dort bewegt, und wie gelingt es, derartig leistungsfähige Maschinen herzustellen?

Getragen von einer weltweiten Welle der Begeisterung machen sich die klügsten Köpfe der Menschheit auf die Suche nach der unbekannten Energiequelle. Das Geheimnis kann entschlüsselt werden; als es soweit ist, ändert sich das Bild des Menschen vom Universum radikal. Er kann das All nun bereisen, seine Geheimnisse und Wunder kennenlernen - und die ahnungslosen Förderer dieses Fortschritts daheim besuchen.

Den Männern und Frauen, die an Bord des Raumschiffs „Envoy“ unter ihrem Kapitän Ricardo Aguilar die interstellare Fahrt zum Alpha Centauri antreten, ist bewusst, dass sie vor einer Reise ohne Wiederkehr stehen. Das Phänomen der Zeitdilation wird für sie nur fünf Jahre verstreichen lassen, während auf der Erde sechs Jahrtausende vergehen werden. Es ist zweifelhaft, ob die Besatzung der „Envoy“ bei einer Rückkehr überhaupt noch Erdmenschen vorfinden wird. Kaum ist das Schiff gestartet, als zudem eine Hiobsbotschaft eintrifft. Die Spuren der fremden Schiffe sind verschwunden. Wird die „Envoy“ - der Name bedeutet „Gesandte“! - überhaupt jemand antreffen, sollte sie ihr Ziel erreichen?

Auf der langen Reise ins Unbekannte erlebt die Besatzung der „Envoy“ viele Abenteuer, lernt eine Intelligenz kennen, die im Inneren eines Schwarzen Lochs existiert, und trifft auf eine Roboterzivilisation. Schließlich fliegt die „Envoy“ den Centaurus-Sektor an - und man findet die Außerirdischen. Doch die „Tahirianer“ haben die Raumfahrt aufgegeben und dämmern dem allmählichen Ende ihrer Zivilisation entgegen. Der Besuch von der Erde bringt neue Impulse.

Derweil entwickelt sich die menschliche Zivilisation auf der Erde weiter. Auch ohne lichtschnellen Antrieb wurden fremde Planeten besiedelt und Kolonien gegründet. Die „Envoy“ ist nur noch ein Mythos; als sie zurückkehrt, erscheint der Besatzung die Erde ebenso fremd wie der Planet der Tahirianer. Doch es sind trotzdem Menschen, auf die sie treffen - Menschen, die begierig sind zu erfahren, was die Männer und Frauen erlebt haben; Menschen, die ihnen helfen werden, auf der Erde wieder eine Heimat zu finden ...

An einem ganz großen Rad drehen

Poul (William) Anderson (1926-2001) blickte 1998 auf ein halbes Jahrhundert als überaus aktiver Autor zurück. Er hatte die Genres Science Fiction und Fantasy entscheidend mitgestaltet und dabei zahlreiche abenteuerreiche Geschichten und Romane veröffentlicht. Mit den Jahren wuchs nicht nur der schriftstellerische Ehrgeiz, sondern auch der Umfang seiner Werke. Damit stand Anderson nicht allein. In den 1980er Jahren gelang Autorenkollegen wie Robert A. Heinlein, Arthur C. Clarke oder Isaac Asimov der ‚Ausbruch‘ aus jenem ‚Getto‘, in dem sich die SF gefangen sah. Einschlägige Werke schafften es auf die Bestsellerlisten - und es waren vor allem Romane mit einer Seitenzahl, die dem Genre lange fremd war.

‚Episch‘ konnte die SF schon vorher werden - aber dann in den Fortsetzungen kürzerer Werke. Anderson begann Ende der 1940er Jahre mit dem Erzähl-Zyklus um die „Psychotechnische Liga“. Er wollte die Entwicklung der menschlichen Zivilisation von einer nahen Zukunft bis zum Aufbruch ins All schildern. In den 1950er startete Anderson eine zweite Zukunftsgeschichte. Die „Technische Zivilisation“ spannte sich vom 21. Jahrhundert bis ins 8. Jahrtausend. Ihren Aufstieg begleiteten im Unterzyklus um die „Polesotechnische Liga“ schillernde Gestalten wie der Handelsfürst Nicholas van Rijn, ihren Abstieg kraftvolle Helden wie Dominic Flandry - Charaktere, die ihrem Schöpfer die Aufmerksamkeit seines Publikums und die Anerkennung der Kritik sicherten (auch wenn im Laufe der Zeit deutlich wurde, dass Anderson eher konservative Ansichten vertrat).

Der Autor ließ beide Serien auslaufen, weil er (sehr richtig) das Konzept, auf dem sie basierten, durch die realpolitischen und kulturellen Entwicklungen hoffnungslos veraltet sah. Die Idee einer Chronik der Menschheit ließ ihn allerdings keineswegs los.

Langer Atem oder Puste aus?

Anderson war ein Autor, der sich zwar oft mit bunten, aber belanglosen Abenteuergeschichten unter Wert verkaufte, dies jedoch durch lupenrein konstruierte, gekonnte Werke wettmachte. An der Science Fiction faszinierte ihn nicht unbedingt der technische Aspekt (den er indes beherrschte, wie er auch in „Weltenwanderer“ unter Beweis stellt). Er spürte den ‚Mechanismen‘ des menschlichen Zusammenlebens nach. Seine Figuren waren stets eingebettet in ein Gefüge aus Möglichkeiten und Zwängen, das so kompliziert wirkte wie die Realität. Anderson machte zudem deutlich, dass er nicht daran glaubte, dies werde sich in der Zukunft zum Besseren ändern.

„Weltenwanderer“ ist eine Zusammenfassung dieser Ansichten. Ein ‚actionreicher‘ Roman ist „Weltenwanderer“ dagegen nicht. Da Anderson die „Space Opera“ nachweislich beherrschte, ging es ihm dieses Mal um etwas anderes. Schon die Prämisse der ‚unterschiedlich‘ verstreichenden Zeit und die Konsequenzen, die sich daraus für Menschen ergeben, die sich buchstäblich aus den Augen verlieren, kündigt Andersons Konzentration auf eine oft transzendentale Betrachtung der Zukunft an.

Er verfolgt zwei Handlungsstränge, die dramaturgisch nicht zueinanderfinden und dies auch nicht sollen: die Odyssee der „Envoy“ und die Geschichte der Menschheit. Anderson lässt beides parallel voranschreiten und sich verändern, um den finalen Konflikt vorzubereiten: Werden die ‚alten‘ und die ‚neuen‘ Menschen eine Basis gemeinsamen Verständnisses finden? Anderson setzt voraus, dass Charaktere nicht ‚gut‘/sympathisch oder ‚böse‘/widerwärtig sein ‚müssen‘. Das Individuum vereint unterschiedliche Eigenschaften. Dass die gleichermaßen professionelle wie ‚menschliche‘, d. h. keineswegs fehlerfreie Besatzung der „Envoy“ bereits auf dem Planeten der Tahirianer vor daraus resultierenden Herausforderungen stand und weitreichende Entscheidungen treffen muss, schürzt eine Spannung, für die man allerdings aufgeschlossen sein muss, da Anderson realistisch einfließen lässt, dass Kontaktaufnahme und -entwicklung bzw. Keimung und Reife ‚neuer‘ Gedanken zeitintensiv sind und anders als im „Star-Wars“- oder „Star-Trek“-Universum nicht zwangsläufig von Verfolgungsjagden und Kämpfen begleitet werden.

Das Universum kennt keine Eile

„Weltenwanderer“ könnte auch „Weltenbummler“ heißen: Die Handlung schreitet gemächlich voran - oder besser: bedacht. Freilich verzichtet Anderson als Altmeister der Science Fiction keineswegs auf jene Themen, die ihn groß gemacht haben. Die Reise der „Envoy“ ist ‚harte‘ SF pur, und während der Fahrt zum „Alpha Centauri“ gibt es mehrere Begegnungen der dritten Art.

Man mag dieses Konzept als Manko betrachten. Der rote Faden ist in der Tat nicht straff gespannt. Anderson schweift ab, verliert sich in Nebenhandlungen. Geblieben ist jedoch sein Talent, farbige Geschichten zu erzählen. Seine Haltung mag das Spiegelbild eines idealisierten US-Amerikas der Vergangenheit sein, doch im Vordergrund steht die nicht altmodische, sondern zeitlose Pflichterfüllung eines ‚guten‘ Science-Fiction-Autors, der sich eine Zukunft” spannend ausdenkt und den „sense of wonder“ nicht durch amoklaufende KIs und Digital-Hightech ersetzt.

Einst moderne bzw. ‚heiße‘ SF-Strömungen wie „New Wave“ oder „Cyberpunk“ sind gekommen und gegangen; Poul Anderson hat sie alle überlebt. „Weltenwanderer“ war eigentlich nur der vorläufige, aufgrund Andersons schwerer Krankheit aber endgültige Abschluss einer weiteren „Chronik einer zukünftigen Menschheit“. Begonnen hatte er sie mit „Harvest of Stars“ (1993; dt. „Sternengeist“), fortgesetzt mit „The Stars Are Also Fire“ (1994; dt. „Sternenfeuer“) und „Sternennebel” („Harvest the Fire“/„The Fleet of Stars“ (1995/1997; dt. „Sternennebel“).

Fazit:

Epischer Abschluss einer Zukunftschronik, die um die Rolle des Menschen in einem ebenso faszinierenden wie fremdartigen Universum kreist. Die manchmal episodische Handlung gehorcht nicht den Regeln der Action-SF, der Autor malt bedächtig sein Bild, dem sich der Erzählfluss (und die Figurenzeichnungen) zu beugen haben: kein Meisterwerk, aber Lesefutter mit einigen Kalorien auch für das Leserhirn.

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