Das Blut des Wolfes

  • Emmons
  • Erschienen: Januar 2011
Das Blut des Wolfes
Das Blut des Wolfes
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Eva Bergschneider
65°

Phantastik-Couch Rezension vonJun 2011

Werkreaturen gehen in der Eifel auf die Jagd

Den Autor Michael Schenk kennt man aus seinem High-Fantasy-Epos um die "Pferdelords". Nachdem der Mira-Verlag diese Serie eingestellt hat, übernahm sie der Arcanum-Verlag. Mit dem neuen Verlagspartner machte der Autor allerdings mit einem anderen überraschenden Fantasy-Projekt auf sich aufmerksam. "Die Zwerge der Meere" agierten mit ihren Tauchglocken und riesigen Flößen auf und unter dem Meeresspiegel und somit auf gänzlich neuem Terrain. Und nun nimmt sich Schenk also wieder ein neues Thema vor, Werwölfe - bzw. Werkreaturen anderer Art.

Ein einsames Dorf in der Eifel...

Wolfgarten gibt es wirklich. Man findet nicht gerade viel darüber im Netz, allerdings zeigt Google Maps, wie einsam und gänzlich vom Nationalpark umrundet das Dorf tatsächlich liegt. Eine einzige Landstraße führt zum Nachbarort Gemünd, noch ein paar Kilometer weiter folgt die Gemeinde Schleiden, zu der Wolfgarten gehört. Orte wie die Kermeterschänke, der Feuerwachturm und das Forstamt (im Buch etwas moderner als "Ranger-Station" bezeichnet) gibt es wirklich, die handelnden Personen sind allerdings frei erfunden. Und so möchte es der Kölner emons: Verlag haben, denn die veröffentlichen Regionalliteratur mit lokalem Wiedererkennungswert. Auch mit Werwölfen? Allerdings, im Rahmen der emons: Mystery-Reihe.

Wolfgarten ist ein idyllischer Ort. Entsprechend aufgebracht sind die Bewohner, als zwei Wanderer aus Köln spurlos verschwinden. Doch es scheint sie niemand wirklich zu vermissen und es kommen neue Aufregungen ins Dorf. Eine Forschungsgemeinschaft, die EWOP, möchte Wölfe in Wolfgarten ansiedeln. Es regen sich kritische Stimmen, doch die meisten Dörfler überwinden ihre Vorurteile und stimmen für das Projekt. Solange bis Bauer Woliceks Hund an untypisch tief gerissenen Wunden verstirbt. Plötzlich wird den Wölfen auch das Unglück der Spaziergänger angelastet, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht vor Ort waren. Man streitet sich, Emotionen kochen hoch und derweil verschwinden noch mehr Haustiere: Hunde und Katzen. Schließlich wird wieder ein Mensch getötet und Polizistentochter Svenja träumt seltsame, blutige Träume.

Die "Anderen" stehen kurz davor, das Dorf zu übernehmen, und ein neues Rudel zu gründen. Die warnenden Haustiere werden reihum erlegt, die Menschen werden ihnen folgen. Niemand kann sie aufhalten.

...wird von Monstern heimgesucht

Bevor es richtig zur Sache geht, stellt der Autor Michael Schenk die Dorfbewohner und Protagonisten vor. Den Ranger John Turner, Deutscher, afroamerikanischer Herkunft, der für den Naturpark Sorge trägt. Den Polizisten Jochen Kircher, ein alleinerziehender Vater und sportlicher Typ. Er nimmt seinen Job sehr ernst und kümmert sich aufopfernd um seine Tochter. Und eben Svenja, eine ehrgeizige und dennoch bodenständige Werbegrafikerin. Mit den Wölfen haben sie eigentlich kein Problem, und werden dennoch in das Grauen, das sich zusammenbraut, unmittelbar hinein gezogen. Michael Schenk vermeidet platte "Eifler"-Klischees, seine Hauptfiguren sind genau so zeitgemäß und aufgeschlossen, wie andere Menschen auch. Und doch gibt es ihn eben auch, den sturen Eifelbauern Wolicek, der nach dem Verlust seine Hundes höchstpersönlich nachts über seine Kühe wacht, und den knorrigen Dorfältesten Herdschmidt, der später die aufgebrachte Meute anführt. Über weite Strecken befinden wir uns im Dorfgeschehen, das keinesfalls langweilig ist. Denn Schenk versteht es meisterlich, drumherum ein spannendes Bedrohungsszenario aufzubauen. Geschmälert wird diese Spannung nur durch eine gewisse Vorhersehbarkeit der Geschehnisse.

Unterschiedlichste Werkreaturen bekämpfen sich

Stubentiger mutieren zu monströsen Kreaturen, oder wandeln in menschlicher Gestalt, wenn sie sich fortpflanzen wollen. Wenn sie der Blutdurst überkommt, schlachten sie ihr Opfer, Mensch oder Tier, brutal ab. Sie werden als die "Anderen" bezeichnet, zumindest von ihren Feinden. Die "Gefährten" sind dagegen die Freunde der Menschen, oder sind es zumindest gewesen, bevor die "Anderen" die Wölfe in Verruf brachten. Sie sind die eher klassischen Werwölfe, Kreaturen, die sich in Wolf und Werwolf verwandeln können, hier allerdings unabhängig vom Vollmond. Was wir über diese beiden phantastischen Spezies erfahren, ist eher dürftig, leider. Eine faszinierend mystische Geschichte könnte dahinter stecken, werden doch die "Gefährten" von Steinen gerufen, wenn der Mensch auf wundersame Weise in die Lage gerät, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Schade, dabei kann man sich die Werwölfe in der Gestalt, die Schenk ihnen verleiht, gut vorstellen und die Gefährtin Naukoda kommt äußerst sympathisch herüber. Die "Anderen" streben die Weltherrschaft an. Woher sie kommen, welche Geschichte sie hinter sich haben, darüber erfährt man nichts. Auch ihre Verwandlung, von Katzen oder Menschen zu Monstern und zurück, wird nicht so anschaulich beschrieben wie bei den "Gefährten", hier bleiben doch einige Fragen offen.

Alles in allem hat sich Michael Schenk ein faszinierendes Werwolf/Werkreatur-Konzept ausgedacht, im Endeffekt aber zu wenig daraus gemacht. Das ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass eben doch der regionale Aspekt im Vordergrund stehen sollte, was zweifellos spannend umgesetzt worden ist. Denn man sieht vor dem geistigen Auge, wie das Grauen auf dieses abgeschnittene Eifeldorf zurollt und die Dorfbewohner verzweifelt um das Überleben kämpfen. An Blut, Tod und Verderben mangelt es nicht. Aber irgendwie kommt dadurch die Faszination der phantastischen Idee zu kurz.

(Eva Bergschneider, Februar 2012)

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