Die Windsbraut

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  • Erschienen: Januar 2009
Die Windsbraut
Die Windsbraut
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Almut Oetjen
88°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Jun 2011

Die Überhöhung und die Unterhöhlung

Leonora Carrington ist als Schriftstellerin nie so bekannt gewesen wie als Malerin des Surrealismus. Nicht zuletzt Monika Maron hat sich um Carringtons Wahrnehmung in Deutschland verdient gemacht, indem sie die Spurensuche nach der 82 Jahre alten Carrington in Mexiko in ihrem Roman "Ach Glück" literarisch beschreibt.

Der schön gestaltete Band vereint 23 Geschichten Leonora Carringtons aus den 1930er bis 1980er Jahren, ein kurzes Vorwort von André Breton und ein 32 Seiten langes Nachwort des Übersetzers Heribert Becker zu Leben und Werk der Autorin. Illustriert ist die Geschichtensammlung mit Reproduktionen von Gemälden Carringtons. Die Geschichten sind zwischen zwei und zweiundzwanzig Seiten lang.

In "Die Windsbraut" gibt es sprechende Tiere, Menschen, die als Tote oder in verschiedenen Stadien des Verfalls ihr Unwesen treiben, Leichname, die durch im Zuge der Verwesung entstandene Körperöffnungen sprechen können, die Schwestern Drusille und Juniper, von denen eine in einer fensterlosen Dachkammer auf einer Vogelstange sitzt und gerne Menschenblut trinkt, eine Fliege mit einer äußerst lästigen Eigenschaft, aasfressende weiße Kaninchen und viele andere seltsame Gestalten. Ein Mann möchte ein unschönes Problem loswerden, betrügt die Hebamme, die es beseitigen will, und hat fortan ein viel schlimmeres Problem. Ein Mädchen findet die Menschen so widerlich, dass sie einer Puppe den Kopf zertrümmert, weil sie nicht auch noch Abbilder des Menschen ertragen will.

Carrington gelingen zuhauf groteske Bilder und Figurencharakterisierungen. So beschreibt sie einen Hausdiener als einen aufgedunsenen jungen Mann, "der aussah wie ein schönes, molliges Hühnchen, das gerade lange genug in einer aromatischen Brühe gelegen hat und auf den Punkt gar ist." Sie verbindet das Esoterische mit dem Profanen, wenn beispielsweise ein Eingeweihter mit ihr spricht und sie zur gleichen Zeit ein Schweinekotelett verschwinden lassen will, dessen Fett ihr zwischen den Fingern hindurchtropft. Gerne scheint Carrington Konstruktionen in die Höhe zu schaffen, denen sie gleichzeitig den Untergrund weggräbt.

In einer der bizarrsten Geschichten, "Wenn sie vorbeikamen", lädt Sankt Alexander Virginia Fur, die vielleicht ein Mensch ist, in seine Kirche ein. Eine Wolke wird zu einem Lamm, das wächst, bis es in vier Teile zerplatzt und von Virginias 100 Katzen gefressen wird. Darauf zieht sich Sankt Alexander zurück, zu hören sind die Worte, Jesus sei tot und Sankt Alexander werde sich rächen. Der Eber Yams, der eine Perücke aus Eichhörnchenschwänzen trägt, und Virginia lieben sich. Virginia erfährt, dass Yams von Jägern getötet worden ist. Bald darauf entbindet sie sieben Frischlinge.

In "Wie man ein Unternehmen gründet oder Der Gummisarkophag" erzählt Carrington eine seltsame Form von Zukunftsgeschichte über die magische Herkunft von Aspirin. Sie zeigt, wessen eine technologiegläubige Zivilisation verlustig geht, wenn sie die spirituelle Seite ihrer Identität beseitigt und in ihrer menschlichen Entwicklung nicht mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten vermag. "Sankt Licht und Energie" wurden in dieser Erzählung 1958 vom Vatikan heilig gesprochen. Die Erzählerin gründet ein pharmazeutisches Unternehmen, das insbesondere das Medikament Apostilin herstellt, nützlich bei der Behandlung von Erkrankungen wie: Keuchhusten, Syphilis, Grippe und Kinderkriegen.

Mitunter lesen sich Carringtons Texte wie Beschreibungen surrealer Gemälde. Schön ist es deshalb, dass der Verlag dem Buch einige Reproduktionen von Bildern der Künstlerin beigegeben hat, die nicht nur zur Illustration dienen, sondern das Verständnis einiger Texte unterstützen. Wem all dies noch nicht genügt, erhält noch einen sprachlichen Mehrwert. Vier Beispiele aus allein einer Geschichte: meatings sind meetings, auf denen Fleisch gegessen wird; Geschäftsführer sind Leute, die andere Leute geschäftlich an der Nase herumführen; einmal mehr tagesaktuell, schreibt Carrington von Unternehmen, die buchstäblich gar nichts für einen Haufen Geld verkaufen; in der Telefonhölle kleben Menschen unaufhörlich mit den Lippen und den Ohren an "diesen Apparaten".

Den Tiefenschichten der Geschichtensammlung können wir uns annähern durch konsequente Entschlüsselungsarbeit über - um nur wenige Bezugspunkte zu nennen - den Surrealismus, die Esoterik, die Psychoanalyse und die Biographie und Bilder Carringtons. "Die Windsbraut" lässt aber auch eine Lektüre als bildgewaltige Geschichtensammlung der Phantastik zu.

Die Windsbraut

Leonora Carrington, -

Die Windsbraut

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