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Michael Drewniok
Der Tod & Dr. Nikola in Venedig

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2011

Da Gattin Phyllis derzeit ein wenig kränkelt, ist Sir Richard Hatteras mit ihr auf Europareise gegangen. Begleitet werden sie von der jungen Gertrude Trevor, die auf diese Weise als noch unverheiratete Frau endlich einmal aus ihrem Elternhaus herauskommt. Seit einiger Zeit hält man sich in Venedig auf; Phyllis geht es deutlich besser. Ausgerechnet auf dem Markusplatz läuft der Gruppe Dr. Nikola über den Weg. Er hatte vor fünf Jahren Phyllis entführt und Richard bedroht, weil er sie unbedingt um den Besitz eines antiken chinesischen Holzstäbchens bringen wollte, das er für seine mysteriösen Forschungen benötigte.

Man schließt Frieden. Richard, Phyllis und Gertrude lassen sich in den düsteren Palazzo Revecce einladen. Dort residiert Nikola und ist wie üblich in unzähligen Ränken verstrickt. Mit dabei ist der Herzog von Glenbarth, ein inzwischen eingetroffener Freund der Hatteras. Nikola zeigt seinen Gästen unbekannte und bizarre Winkel von Venedig, man unterhält sich großartig. Richard wird sogar ins Vertrauen gezogen; Nikola erzählt ihm von seiner Kindheit und Jugend und von seinem grausamen Stiefbruder.

Inzwischen hat sich der Herzog heftig in Miss Trevor verliebt, die ihn jedoch zappeln lässt. Ein Freund von Richard Hatteras meldet brieflich die Ankunft eines Bekannten, um den man sich in Venedig bitte kümmern solle. Don José de Martines ist leider ein Widerling, in dem der eifersüchtige Glenbarth außerdem einen Nebenbuhler sieht. Als sogar ein Duell droht, greift Nikola rettend ein - und Hatteras erkennt, dass er abermals manipuliert wurde: Er sollte Nikola ´zufällig´ mit dem misstrauischen Don José in Kontakt bringen, damit eine diabolische Rache ihren Lauf nehmen kann ...

Alte Spinne im neuen Netz

1901 läutet der Glockenturm der San-Marco-Kirche von Venedig das Requiem für Doctor Nikola ein; auch in dieser düsteren Phase seines Lebens hätte ihn eine unwürdigere Untermalung sicherlich beleidigt. In Venedig ist er nach einer Kette aufregender Abenteuer, von denen wir Leser ansatzweise in drei Büchern erfahren haben, würdig und stimmungsvoll untergekommen: Er hat einen Palazzo gemietet, der nicht nur romantisch verfallen ist, sondern angeblich von der Geistern zweier Liebender heimgesucht wird, die hier vor Jahrhunderten ein grausiges Ende fanden; eine Geschichte, die uns Boothby selbstverständlich nicht vorenthält.

"Verfall" und "Degeneration" sind zwei Begriffe, die Venedigs Besuchern schon um 1900 keineswegs fremd waren. Die ganz große Zeit war seit 1797 mit dem Ende der Republik vorüber, und mit dem Schwinden von Macht und vor allem Reichtum begannen die Schwierigkeiten einer Stadt, die man einst stolz aber unklug in einem Gewirr aus kleinen Inseln direkt im Wasser errichtete. Der Zahn der Zeit nagt besonders kräftig dort, wo es feucht ist. Venedigs Prunk der Vergangenheit begann sich bald sichtlich aufzulösen; der Anblick erzeugte eine Atmosphäre der Melancholie und der Vergänglichkeit, für die Künstler und Literaten besonders empfänglich waren.

Über viele Jahre war außerdem ein Labyrinth von Kanälen, Brücken, Stegen, Durchgängen und Gässchen entstanden, die sich - um 1900 des Nachts unbeleuchtet - als Kulisse für wilde Verfolgungsjagden förmlich anboten. Flucht ist schwierig, wenn die ´Straßen´ aus Wasser bestehen, und erfordert deshalb Erfindungsreichtum, der auch in der Beschreibung spannend ist.

Traurigkeit und Täuschung

Insofern ist Nikola ist Venedig sehr gut aufgehoben. Geschickt nutzt Boothby jene Mischung aus Weltschmerz und Lethargie, die Venedig ausstrahlt, um seine Leser über die wahren Absichten seines Erzschurken zu täuschen. Auch Richard Hattaras, dem wir nach "Die Rache des Doctor Nikola" abermals begegnen, lässt sich abermals hereinlegen und für Nikolas manipulativen Meisterstreich rekrutieren.

Wobei dessen Niedergeschlagenheit nicht einmal gespielt ist, weshalb seine unfreiwilligen Helfer erst recht keine Chance haben, ihm auf die Schliche zu kommen. Nikola hat einen Scheideweg seines Lebens erreicht. Die Jagd nach dem ewigen Leben, auf der wir ihn drei Romanlängen begleiteten, nahm in "Das Experiment des Doctor Nikola" ein schlimmes Ende. Zudem konnte Nikola, der unabhängig davon viel geheimes Wissen aufgetan hatte, der Versuchung nicht widerstehen, in die eigene Zukunft zu blicken. Was er dort sah, drückt er seinen Zuhörern (und uns Lesern) gegenüber gewohnt kryptisch aus, aber die Zeit läuft auf jeden Fall ab für ihn.

Nur eine - persönliche - Angelegenheit gilt es noch zu regeln. In "Der Palazzo ..." zeigt sich Nikola so ´menschlich´ wie nie zuvor. Er müsste Hattaras die Geschichte seiner bejammernswerten Jugend nicht erzählen; sein Plan würde trotzdem oder sogar besser aufgehen, da Nikola in seiner Schilderung so deutlich mit dem Zaunpfahl winkt, dass sogar der nicht als Blitzmerker eingeführte Hatteras die Verbindung zwischen dem bösen Halbbruder und dem bösen Don Josè begreift. (Nein, dies ist kein Spoiler; falls Boothby daraus ein Geheimnis machen wollte, hätte er sich die Mühe machen sollen, entsprechende Hinweise wenigstens ansatzweise zu verwischen.)

Genug ist genug

1901 hatte Boothby erkannt, dass er in vier Büchern aus seiner Figur alles herausgeholt hatte. Nikola begann sich in seinen Schachzügen zu wiederholen. Noch schlimmer: Er drohte seine geheimnisvolle Aura zu verlieren. Schon dass Nikola das Geheimnis seiner Herkunft lüftet, ist kontraproduktiv, da diese Geschichte zwar tragisch aber auch abgedroschen ist. Immerhin begreift man angesichts dieser Biografie Nikolas pathologischen Rachedrang besser. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird unbarmherzig zur Verantwortung gezogen, was in dieser blinden Wut gar nicht zum Bild des beherrschten Wissenschaftlers und kriminellen Meisterhirns passen will.

Bei nüchterner Betrachtung bietet "Der Palazzo ..." grundsätzlich keine originelle Unterhaltung. Nachdem er in den Bänden 2 und 3 deutlich agiler war, bleibt Nikola wieder nur eine größere Nebenrolle. Hin und wieder bringt er durch einen Zaubertrick seinen Status als Magier der Wissenschaft in Erinnerung. Viel zu viele Seiten vergehen dagegen über retardierenden Liebesgeplänkeln, die zum eigentlichen Geschehen nichts betragen. Boothby brachte seine mit flinker Feder geschriebenen Werke gern mit allerlei Füllseln auf Länge. Schon in den ersten drei Nikola-Bänden drehte sich die Handlung mehr als einmal im Kreis, bis dem Verfasser einfiel, wie es weitergehen könnte.

Wenn man Boothby abermals als Leser gern folgt, liegt es daran, dass er zwar kein guter Schriftsteller aber ein Erzähltalent ist, was durch eine vorzügliche, zwischen angemessen altertümlicher und moderner Sprache souverän das Gleichgewicht haltende Übersetzung abermals bewahrt wird. Boothbys Ton ist leicht, und er verfügt über einen Sinn für Humor, der ihm deutlich besser steht als sein Hang zu einer (zeitgenössischen) Theatralik, die sich überlebt hat. Das Finale ertrinkt förmlich in Edelmut. (Es belegt aber auch die Umsicht eines Verfassers, der seine Figur nicht umbringt, sondern quasi auf Eis legt: Wäre Boothby nicht so früh gestorben, hätte er womöglich Nikola aus seinem tibetischen Exil zurückgeholt.)

Leb wohl, Doctor Nikola - auf baldige Rückkehr!

Guy Newell Boothby findet auch mehr als einem Jahrhundert nach seinem Tod ein Publikum; eine erstaunliche Tatsache, die dadurch belegt wird, dass sämtliche vier Nikola-Bände nunmehr in Deutschland erschienen sind - die beiden letzten sogar zum ersten Mal. Dafür ist nicht nur Boothbys schlichtes aber schwer zu widerstehendem Erzählhandwerk verantwortlich, sondern auch eine sorgfältige (und durchhaltefreudige) Redaktion.

Die alten Geschichten werden dem Publikum des 21. Jahrhunderts lesbar übersetzt und schön gestaltet als (trotzdem kostengünstige) Paperbacks mit Klappenbroschur präsentiert. Dazu gibt es ´Bonustrack´, zusätzliche Storys und Hintergrundinformationen. Dieses Mal wird der Roman durch einen Nachruf auf Boothby aus dem Jahre 1905 eingeleitet. Dem Finale folgt eine lupenreine Geistergeschichte ("Das verwunschene Goldfeld"), die so nostalgisch-spannend geraten ist, dass man gern mehr Boothby-Storys lesen würde.

Doch erst einmal geht es - ein weiterer Hinweis auf das Potenzial der Figur - mit brandneuen Nikola-Abenteuern weiter. Übersetzer Michael Böhnhardt schreibt den ersten Band einer Fortsetzungsreihe, die exklusiv in Deutschland entsteht. 111 Jahre liegen zwischen Nikolas Abgang und seiner Wiederkehr; dies dürfte ein Rekord sein. Die Nikola-Fans dürfen gespannt sein - und wir sind es auch!

(Dr. Michael Drewniok, Oktober 2011)

Der Palazzo des Doctor Nikola

Der Palazzo des Doctor Nikola

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Letzte Kommentare:
05.09.2011 23:57:15
tassieteufel

Der vierte Teil um Doktor Nikola beschert ein Widersehen mit Richard Hatteras und seiner
Gattin, die man aus dem Ersten Teil der Reihe kennt. Handlungsort ist diesmal Venedig.
Während Dick Hatteras, seine Frau eine Freundin und der Herzog von Glenbarth, den man
ebenfalls aus dem 1. Teil kennt, den Zauber der Lagunenstadt genießen, sinnt Doktor Nikola
auf Rache an einem Peiniger aus Jugendtagen. Mit Hilfe seiner übersinnlichen u. hypnotischen
Fähigkeiten geraten auch diesmal Hatteras und seine Gefährten in den Bannkreis des unheimlichen Doktors. Während Dick Hatteras aber immer mehr vom Doktor fasziniert ist u. auch
zunehmend geradezu freudliche Seiten an dem unheimlichen Mann entdeckt, so scheint die
Freundin seiner Frau, Miss Trevor sich in finsteren Träumen zu verlieren und wird schon bald von einer schrecklichen Krankheit heimgesucht, von der sie nur einer heilen kann: Doktor
Nikola.
In diesem vierten Teil erfährt man ein wenig über Nikolas Kindheit und Jugend und was er dort
erdulden mußte, erklärt ein wenig, warum er zu dem unerbittlichen Mann wurde, als der der
Leser in kennengelernt hat. Das er seinen ehemaligen Peiniger wieder trifft und auf Rache sinnt erscheint geradezu nachvollziehbar, aber Nikola wäre eben nicht der unheimliche Schurke,
wenn er nicht auch bei seiner Rache ganz besonders perfide Mittel nutzen würde.
Trotzdem erscheint Nikola hier mehr noch als in den beiden Vorgängern als tragischer und
teilweise sogar recht freundlicher Charakter. Das er sich an seinem Peiniger rächen will, ist
mehr als nachvollziehbar, wie die Sache dann ausgeht, zeigt ihn wieder einmal in einem neuen
Licht. Die Personenzahl ist ebenso wie die Seiten recht überschaubar, von daher erkennt der
aufmerksame Leser gleich, wer die Person ist, an der Nikola sich rächen will, der Plot ist also
recht geradlinig und ohne große Verwicklungen konstruiert, etwas was heutige Leser vermutlich
etwas enttäuscht, ebenso wie die Geisterbeschwörungen, die scheinbar realen Träume, Nikolas hypnotische Fähigkeiten und die ganzen unerklärlichen Begebenheiten Lesern heutiger Grusel und Horrorliteratur vermutlich nur ein müdes Lächen entlockt. Um die Geschichte genießen zu können muß man sich darauf einlassen und sollte immer im Hinterkopf behalten, wann sie geschrieben wurde.
Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen dem Herzog und Miss Trevor hat vermutlich viktorianische Damen zu Stoßseufzern veranlaßt, heute mutet das Ganze ein wenig antiquiert u. steif an, trotzdem gibt gerade diese etwas zähe Liebesgeschichte sehr schön den Zeitgeist wieder und erlaubt Einblicke in das gesellschaftliche Leben des 19. Jahrhunderts.
Richtig gut gelungen ist die Atmosphäre in Venedig, einerseits die malerische Lagunenstadt wie sie die Touristen lieben, dann wieder Nikolas finsterer, halb verfallener Palazzo und die nächt-
lichen, unheimlichen Gassen.
Insgesamt ein unterhaltsames, flott zu lesendes Buch, das am Ende auch noch eine unheimliche Geschichte bietet, die auf einem verlassenen australischen Goldfeld spielt.

Fazit: eine typisch viktorianische Schauergeschichte, die alle Register zieht um den Leser des 19. Jh. zu fesseln, eine romantsiche Liebesgeschichte, ein auf Rache sinnender Mann, übersinnliche Beschwörungen und unerklärliche Begebenheiten, doch wenn man sich darauf ein läßt kann man auch als heutiger Leser seinen Spaß daran haben und Doktor Nikola ist allemal eine interessante Figur, so daß ich mich schon auf den angekündigten 5. Teil freue.