Der Herr der Unterstadt

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2011
Der Herr der Unterstadt
Der Herr der Unterstadt
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Carsten Kuhr
68°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2011

Der Drogendealer auf der Jagd nach dem Kindermörder

Wir kennen sie ja alle, die integeren Helden moderner Fantasy-Romane. Zumeist kommen sie aus ärmlichen Verhältnissen, aus denen sie sich mit Glück und hartem Einsatz nach oben arbeiten.

In letzter Zeit aber präsentieren uns die Autoren ein wenig andere Protagonisten. Da sind Mörder und Berserker darunter, Schwarzmagier und Attentäter, Söldner und Diebe.

Daniel Polansky stellt einen Hehler und Drogenboss in das Zentrum seiner Saga. Patron hat einst für das Schwarze Haus, den Geheimdienst der Herrscher von Rigus gearbeitet. Und er war einer der Besten wenn es darum ging, Verbrechen aufzuklären, Mörder zur Strecke zu bringen und Verräter zu entlarven. Doch dann nahm er - unehrenhaft - seinen Abschied vom Schwarzen Haus und wurde freier Unternehmer. Dabei kam es ihm zupass, dass er nicht nur die verschiedenen Sprachen in der Unterstadt, dem gar nicht so feinen Ghetto Rigas spricht, sondern sich auch seiner Haut zu wehren weiß. Schnell hat er sich als Drogenlieferant etabliert, wohnt im torkelnden Grafen bei seinem Kriegskameraden und ist sich selbst ein guter Kunde.

Als eines Tages Kinder verschwinden und kurz darauf ermordet auftauchen geht ihn die Sache eigentlich nichts an. Dumm nur, dass nicht alle in der Stadt dies so sehen. Seine früheren Brotherren setzen ihn unter Druck, die Verbrechen aufzuklären, und auch seine wenigen Freunde bauen darauf, dass es ihm gelingt, den oder die Täter auszuschalten. Die Spur führt nicht nur in höchste Adelskreise der Stadt und undurchschaubaren Magiern, sondern auch weit in die Vergangenheit Partons - in den durch dunkle Magie gewonnenen Krieg ...

Ein ungewöhnlicher Blickwinkel in einem Fantasy-Krimi

Zunächst hatte ich ein wenig meine Schwierigkeiten, mich mit der Anlage der Handlung anzufreunden. Man stelle sich das vor, ein Drogendealer, der sich selbstlos und unter Einsatz seines Lebens an die Aufklärung von Morden an Bewohnern eines Ghettos macht, das ist auf den ersten Blick nicht eben glaubhaft. Würde es dem Autor gelingen, mich durch seine Erzählung dies vergessen zu lassen, mich von der Wahrhaftigkeit seines Plots zu überzeugen?

Nun, nach den ersten rund einhundert Seiten hatte mich die Handlung gepackt. Nicht etwa, weil sich unser ungewöhnlicher Detektiv als Menschenfreund entpuppt hätte, sondern weil die Handlung immer mehr Fahrt aufnahm, sich Geheimnisse en masse offenbarten. Gerade durch den ungewöhnlichen Blickwinkel unseres Erzählers, als einer der Underdogs, derer, die im Ghetto leben, und sich mühsam von Tag zu Tag durchschlagen, bekommen wir viel zu selten gelesenes Lokalkolorit vorgesetzt.

Patron ist sicherlich ein ungewöhnlicher Erzähler. Als einstiges Mitglied der Ordnungskräfte gehörte er zu den vermeintlich Guten, mittlerweile hat er sein Gewissen und seine Integrität den Drogen geopfert. Dass er trotz seiner erfolgreichen Dealerlaufbahn - und Polansky lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir es beileibe mit keinem Robin Hood oder edlen Verbrecher zu tun haben - sich immer noch ein Gefühl für Recht und Unrecht bewahrt hat, macht ihn als Hauptfigur tragbar. Interessant im Sinne von "Kokettieren mit dem Bösen" ist er allemal. Durch seine Augen erhalten wir eine intime Einsicht in die Machtstrukturen der Unterwelt, erleben wir die Revierkämpfe ebenso mit wie die Allianzen, und müssen erkennen, dass die Adeligen an der Spitze der Machtpyramide von denselben niedrigen Beweggründen angetrieben werden, wie die vermeintlich bösen Verbrecher. Machtgier, Neid, und Habgier bestimmen hier wie dort das Dasein, die Unterschiede sind lediglich äußerlich und allenfalls rudimentär.

Geschickt flicht der Autor entsprechende entlarvende Betrachtungen in seine Handlung ein, die natürlich mit der Faszination, die die Welt der Verbrecher immer ausübt, wuchern. Damit nicht genug hält der Fantasy-Krimi ein interessantes Rätsel für den Leser bereit. Immer deutlicher wird, dass die Morde in Verbindung zu einer dunklen Verschwörung geschehen, dass alles irgendwie mit den vor mehr als ein dutzend Jahren siegreich beendeten Krieg in Zusammenhang steht. Korrupte Adelige, ein sich verselbständigender Geheimdienst und ein ungewöhnlicher Ermittler vereinen sich vor der faszinierend elenden Kulisse der Slums zu einem letztlich spannenden und interessanten Plot. Die Übersetzung liest sich angenehm, auch wenn die Ausgestaltung der Figuren oftmals zu oberflächlich und flach bleibt und der Roman stilistisch eher unauffällig daherkommt.

(Carsten Kuhr, November 2011)

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